Infantino baut ein Königreich

Die Absetzung der Ethiker Borbély und Eckert ist eine Machtdemonstration des Fifa-Präsidenten. Heute soll eine weitere folgen.

Ihm wohlgesinnte Beobachter sprechen von einer Demokratisierung des Fussballs: Fifa-Präsident Gianni Infantino Ende April in in Santo Domingo. Foto: Orlando Barría (Keystone)

Ihm wohlgesinnte Beobachter sprechen von einer Demokratisierung des Fussballs: Fifa-Präsident Gianni Infantino Ende April in in Santo Domingo. Foto: Orlando Barría (Keystone)

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Einen Baum, den man umhaut, hört man. Einen Wald, der wächst, nicht. Fifa-Präsident Gianni Infantino kümmert das nicht. Es hat in den vergangenen Stunden ordentlich gekracht im Aufforstungswald der Fifa. Die grössten Bäume, ja die beiden Wettertannen hat man gefällt. Die Fifa schasst mit Cornel Borbély und Hans-Joachim Eckert die Chefs der Ethikkommission. Jene beiden Köpfe, die ihr zu Integrität hätten ­verhelfen sollen – und sie verliert nun ­genau das, was ihr am meisten fehlt. Glaubwürdigkeit.

Borbély und Eckert sassen im Flugzeug nach Bahrain an den Fifa-Kongress, als die Kunde von ihrer Absetzung durch die Welt rauschte. Erst als die beiden nach der Landung ihre Handys einschalteten, erfuhren auch sie – reichlich verdutzt –, dass sie nicht mehr zur Wahl ­stehen. Die beiden Spielverderber sind raus. Sie, die einen Funktionär nach dem anderen auflaufen liessen. Sie, die auch auf Infantinos Füsse traten.

Es scheint, dieser Schnitt war von langer Hand geplant.

Die beiden Ethiker sollen sich nicht zur Wiederwahl angemeldet haben, hat man den Mitgliedern des Fifa-Rats erzählt. Das erweist sich schon deshalb als fantasievoll geflunkert, weil Eckert und Borbély seit Monaten ihr Bekenntnis zum Weitermachen öffentlich gemacht haben und ein Schreiben an den Fifa-Rat dies auch bestätigt.

Entsprechend bedient sind die beiden: Das zeigte das pointierte Communiqué, das sich nicht liest wie eines von ­Juristen; das zeigten ihre verstimmten Gesichter bei der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz. Und das zeigte ihre überstürzte Abreise noch am gestrigen Tag. Ihr Verhalten und ihre Kritik handelten ihnen sogleich wieder Tadel von offizieller Fifa-Seite ein. Der Vizepräsident Montagliani befand, Eckert und Borbély sollten sich doch professioneller verhalten.

Der Schnitt überrascht auch darum, weil Generalsekretärin Fatma Samoura im Vorfeld gesagt hatte, sie stehe zu 100 Prozent hinter den Ethikern. Vom TA darauf angesprochen, sagt sie, sie sei bloss für die Administration zuständig. Entscheide aber treffe der Fifa-Rat – darauf habe sie keinen Einfluss. Tatsächlich war es Infantino, der im Rat den Antrag stellte.

Das wirft die Fifa Jahre zurück

Es scheint, dieser Schnitt war von langer Hand geplant. Im vergangenen Mai schuf Infantino den Fifa-Rat anstelle des skandalgestählten Exekutivkomitees. Dieser Rat kann seither die Mitglieder der Ethikkommission bestimmen, einsetzen – und vor allem absetzen. Fifa-Chefaufseher Domenico Scala trat damals aus Verdruss zurück, Strafrechtsprofessor Mark Pieth sagte, Infantino verhalte sich «wie ein Diktator».

Der einstige Zürcher Staatsanwalt Borbély hatte in der Ethikkommission als Chefermittler die Schlüsselrolle, unter Juristen gilt er als «scharfer Hund», für ihn kommt nun Maria Claudia Rojas, eine kolumbianische Anwältin und frühere Richterin mit 25 Jahren Berufserfahrung, aber ohne grosse Übung beim Ermitteln. Eckert wird ersetzt durch den Griechen Vassilios Skouris, bis 2015 Präsident des Europäischen Gerichtshofes. Den beiden Neuen fehlt es an Wissen im Fussballgeschäft, sie müssen sich erst einarbeiten. Jahre werde es die Fifa zurückwerfen, mutmassen die beiden bisherigen Ethiker. Die Fifa wiederum liess verlauten, die neuen Kräfte spiegelten «die geografische und geschlechterspezifische Vielfalt» innerhalb des Weltverbands besser.

Dazu passt auch, dass Skouris’ Stell­vertreter der gänzlich unbekannte Fiti Sunia aus Amerikanisch-Samoa ist, einer winzigen Insel im Pazifik. Ebenfalls nicht mehr im Fifa-Organigramm zu finden ist der Schweizer Claudio Sulser. Er war Vorsitzender der Disziplinarkommission, galt als Teil der Blatter-Administration und wird ersetzt durch den Ghanaer Justice Anin Yeboah.

Zu reden gab auch die Wahl der asiatischen Frauenabgeordneten in den Fifa-Rat: Nicht die ehemalige Spielerin Moya Dodd wurde gewählt, eine respektierte Kritikerin der Fifa-Korruption, sondern die unbekannte Mahfuza Akhtar Kiron aus Bangladesh, die im Vorfeld der Wahl den Frauenweltmeister nicht benennen konnte.

Schwächung der Instanzen

Es sieht danach aus, als habe Infantino ein Händchen für solche Personalentscheide. Ihm wohlgesinnte Beobachter sprechen von einer Demokratisierung des Fussballs. Man kann in ihnen aber auch eine bewusste Schwächung der Instanzen durch unerfahrene und schlecht vernetzte Personen sehen.

Die Absetzung von Borbély und Eckert war ein Ziel von Infantino, heute geht es um das zweite. Der Walliser will den Einfluss des 37-köpfigen Fifa-Rats schmälern. Jenes Gremiums, das über die strategischen Geschicke der Fifa entscheidet. Bisher hat der Rat über alle undringlichen Geschäfte selbst bestimmt, die dringlichen übernahm der 7-köpfige Ausschuss mit Infantino und den 6 Chefs der Kontinentalverbände. Künftig soll dieser Ausschuss auch über nicht ­dringliche Angelegenheiten bestimmen. Zugleich sollen die Jahreslöhne der Fifa-Ratsmitglieder von 300'000 auf 450'000 Franken erhöht werden.

Es verblüfft, mit welcher Unverfrorenheit Infantino an seinem Königreich baut – notabene einem bereits vergangen geglaubten. Und es erstaunt, wie Kritik am Fifa-Präsidenten abprallt. Das tut sie nur, weil Infantino die Unterstützung der Mitgliedverbände spürt. Etwas, das er sich erarbeitet hat. Seit seiner Amtszeit zahlt die Fifa den Mitgliedverbänden nicht mehr 400'000 Dollar pro Jahr – sondern 1,25 Millionen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.05.2017, 22:45 Uhr

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