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Infantinos wahres Gesicht

Die jüngsten Entscheide bei der Fifa stehen exemplarisch für die Gier des neuen Präsidenten.

Er hat handstreichartig die Kontrolle über die Ethikkommission gewonnen: Fifa-Präsident Gianni Infantino (hier am 13. Mai 2016 am Fifa-Kongress in Mexico City). Foto: Rebecca Blackwell (AP, Keystone)
Er hat handstreichartig die Kontrolle über die Ethikkommission gewonnen: Fifa-Präsident Gianni Infantino (hier am 13. Mai 2016 am Fifa-Kongress in Mexico City). Foto: Rebecca Blackwell (AP, Keystone)

Es gibt durchaus Unterschiede zwischen Gianni Infantino und Sepp Blatter. Im Alter, in der Grösse, allenfalls auch im Gewicht.

Dann beginnen schon die Gemeinsamkeiten. Beide sind Walliser, wobei Infantino stolz auf seine italienischen Einwanderereltern ist. Beide wissen nicht nur, wie sich Macht schreibt, sondern vor allem auch, wie sich Macht anfühlt und ausleben lässt.

Blatter gab sich nach aussen gern charmant, Infantino zeigt sich gern jovial und geniesst es, von alten Fussballergrössen umgeben zu sein. Vor dem Kongress in Mexiko sonnte er sich im Kreis von Mourinho, Figo, Cannavaro und Co., die im legendären ­Aztekenstadion ein wenig mit dem Ball herumalberten.

«Autoritär und bösartig»

Trotz des freundlichen Gesichts soll nicht vergessen gehen, was Jérôme Champagne, einer der Kandidaten der jüngsten Präsidentenwahl, gesagt hat: Infantinos Führungsstil sei «autoritär und bösartig». Infantino hat nun genau zwei Monate gebraucht, um vor dem Kongress und vor aller Welt seine Maske fallen zu lassen. Oder um es mit einer Feststellung des Fifa-Kritikers und Basler Strafrechtsprofessors Mark Pieth zu sagen: Er führt sich auf, als würde er einen «chinesischen Volkskongress» befehligen.

Im Zentrum des Entsetzens stehen der Rücktritt von Domenico Scala als Fifa-Aufseher und die Ernennung von Fatma Samoura zur Fifa-Generalsekretärin. Scala war der Vorsitzende der Audit- und Compliance-Kommission, der Gruppe, die darüber wacht, dass der Weltverband die Geschäfte ordentlich besorgt. Und er war Mitglied der dreiköpfigen Kommission, welche das Gehalt des Präsidenten, der Council-Mitglieder und der Generalsekretärin festlegt.

Etwas ungläubiger Dank an alle Anwesenden. Infantino, bis 2019 gewählt, kann sein Glück kaum fassen.
Etwas ungläubiger Dank an alle Anwesenden. Infantino, bis 2019 gewählt, kann sein Glück kaum fassen.
AFP
Er will, dass der Fussball wieder ins Zentrum rückt. Gianni Infantino bei seiner Antrittsrede als neuer Fifa-Präsident.
Er will, dass der Fussball wieder ins Zentrum rückt. Gianni Infantino bei seiner Antrittsrede als neuer Fifa-Präsident.
AFP
Infantino sieht sich Anfang November 2018 mit harten Vorwürfen konfrontiert. Football Leaks zeigt, wie der Fifa-Präsident hinter den Kulissen seine selbst gesetzten Ziele hintertreibt und die Regeln der Uefa und der Fifa verbiegt. Die Fifa weist die Vorwürfe vehement zurück.
Infantino sieht sich Anfang November 2018 mit harten Vorwürfen konfrontiert. Football Leaks zeigt, wie der Fifa-Präsident hinter den Kulissen seine selbst gesetzten Ziele hintertreibt und die Regeln der Uefa und der Fifa verbiegt. Die Fifa weist die Vorwürfe vehement zurück.
AP Photo/Martin Ruggiero
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2 Millionen Franken sollten es sein, die Scala zusammen mit dem Präsidenten der Finanzkommission, dem Kameruner Issa Hayatou, und einem Schweizer Headhunter als Salär für Infantino vorsah. Infantino war darüber derart verärgert, dass er den Vertrag nicht unterschrieb. (Nicht ganz so, aber doch auch verstimmt war er, als er im März mit Easyjet zu einer Sitzung nach Cardiff fliegen musste, weil für ihn ein Privatflieger offenbar nicht zur Ver­fügung stand.) Dabei vergisst er eines: Was das sogenannte Compensation Sub-Committee verfügt, ist nicht verhandelbar. Auch nicht für einen trotzenden Walliser. Pieth unterstellt ihm deshalb «Gier».

Die Reaktion der Fifa ist vielsagend. Sie zeigt sich wohl «konsterniert», dass das offerierte Gehalt für Infantino publik geworden ist. Aber sie dementiert es nicht. Mit anderen Worten: Sie ist konsterniert über eine Transparenz, von der sie dauernd redet.

Er kann einsetzen, wen er will

Wegen dieses Vorgangs ist Scala noch nicht zurückgetreten. Er hat es vielmehr getan, weil Infantino es am Kongress handstreichartig geschafft hat, die Kontrolle über die Ethikkommission zu gewinnen. Der Council, neu geschaffen anstelle des skandalum­witterten Exekutivkomitees, kann die Mitglieder über die Aufsichtsinstanz selbst bestimmen. Kann einsetzen, wen er will, und kann vor allem absetzen, wer ihm nicht mehr passt.

«Die Gremien werden damit faktisch ihrer Unabhängigkeit beraubt und drohen zu Erfüllungsgehilfen derjenigen zu werden, die sie eigentlich überwachen sollten», hält Scala in seinem Rücktrittsschreiben fest. Alles falsch verstanden, kontert die Fifa. Es hätte auch überrascht, wenn sie anders reagiert hätte. Sie ist schliesslich gewachsen als Institution, die aus ihrer Sicht dauernd falsch verstanden wird. Und geübt darin ist, ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen.

Als Infantino am 26. Februar zum neuen Präsidenten gewählt wurde, schien er für das Amt eine weniger grosse Belastung zu sein als sein Herausforderer Scheich Salman. Denn Salman umwehten Anschuldigungen wegen Verstössen gegen Menschenrechte in seiner bahrainischen Heimat. Zwei Monate später lässt sich sagen: Ohne Salman, aber mit Infantino steht die Fifa nicht besser da. Aber mit Salman und ohne Infantino hätte die Fifa wenigstens einen Generalsekretär, der diesen Namen auch verdient.

Ein Alibi für die Frauen?

Salman wollte mit Richard Scudamore jenen Mann installieren, der mit seinem Geschäftssinn die Premier League zum Milliardenimperium ausgebaut hat. Infantino dagegen hat eine Generalsekretärin aus dem Hut gezaubert, die mit dem Vorurteil leben muss, nicht mehr als ein Alibi für die Frauen und für Afrika zu sein. Fatma Samoura, aktuell zuständig für das Entwicklungsprogramm der UNO in Nigeria, kennt weder den Fussball noch die intrigante Welt der Fifa. Vielleicht ist es nur ein Verdacht, aber vielleicht ist die 54-jährige Senegalesin dem Dauerlachen Infantinos erlegen und der Aussicht auf einen schönen Check von der Fifa.

Im Februar war Champagne der Ansicht, der neue Präsident dürfe «nicht von Mars oder Venus kommen», dürfe nicht zwei Jahre brauchen, um die Feinheiten der Fifa zu verstehen, die Eigenheiten und Komplexität. Er hätte das Gleiche zur Wahl der Generalsekretärin sagen können. Samoura ist von Venus oder Mars heruntergekommen. Und es zeigt sich: Infantino ist gar nicht daran gelegen, eine starke Figur für die Verantwortung des operativen Geschäfts der Fifa im Haus zu haben. Er will bestimmen können. Und darum dürfte es nicht überraschen, wenn er den ihm missliebigen Markus Kattner alsbald vom Posten des Finanzchefs entfernen würde.

Sepp Blatter hat über Infantino jüngst gesagt, die Reformen würden ihn als neuen Präsidenten zum «Grüss-Gott-August» degradieren. Selten hat er sich in einer Einschätzung so geirrt wie diesmal. Ein Infantino lässt nicht mit sich spielen.

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