Irr, irrer, Paderborn

Seit 2014 sind die Fussballer aus der Provinz fünfmal auf- und abgestiegen – jetzt sind sie mit einem Minibudget zurückgekehrt in den Kreis von Bayern und Dortmund.

Nach der Rückkehr in die Bundesliga gibt es kein Halten mehr: Paderborns Spieler überschütten Trainer Steffen Baumgart (3.v.l.) bei der Feier vor dem Ratshaus mit Bier.

Nach der Rückkehr in die Bundesliga gibt es kein Halten mehr: Paderborns Spieler überschütten Trainer Steffen Baumgart (3.v.l.) bei der Feier vor dem Ratshaus mit Bier. Bild: Friso Gentsch/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war an diesem Sonntag schon später am Abend, und ein paar Bier waren geflossen, als im Zentrum von Paderborn die Gefühle überschwappten. «Nie mehr 2. Liga!», sangen die einen. Und ein paar andere johlten: «Deutscher Meister wird nur der SCP!»

Eigentlich passt das nicht zum Menschenschlag, der aus Ostwestfalen kommt. Er ist eher unaufgeregt, reserviert, «er tut sich schwer mit Euphorie», sagt Frank Beineke, Redaktor der Lokalzeitung «Neue Westfälische». Selbst am Sonntag, unmittelbar nach dem Spiel der Paderborner in Dresden, kamen ein paar Fans auf Trainer Steffen Baumgart zu und sagten: «Na, war aber ganz schön knapp.»

Ja, knapp war es. 1:3 hatte Baumgarts Mannschaft bei Dynamo verloren, sie musste deshalb auf die Bestätigung warten, dass Union Berlin gleichzeitig in Bochum nur 2:2 spielte und sie am letzten Spieltag in der Rangliste nicht mehr vom 2. Platz verdrängen konnte. Und trotzdem ist es grossartig, was sie erreicht hat: Sie ist in die Bundesliga aufgestiegen. «Bild» schreibt von der «irrsten Fahrstuhl-Truppe».

Chaos mit Effenberg

Fussball-Deutschland entdeckte 2014 diese Stadt zwischen Hannover und Dortmund – in der Mitte von nirgendwo, trotz einer wachsenden IT-Branche oder einer Universität mit 20000 Studenten. Sie gilt als konservativ und katholisch, «schwarz, schwärzer, Paderborn», heisst es gerne. Papst Johannes Paul II. war 1996 hier zu Gast.

Vor fünf Jahren also stieg der lokale SCP erstmals in die Bundesliga auf, worauf ihn André Breitenreiter zum krassesten Aussenseiter der Geschichte ernannte. Breitenreiter war der Trainer, der mit der Mannschaft nach vier Runden sogar die Tabelle anführte. Dann fuhr sie nach München, bezog bei Bayern ein 0:4 und war schon wieder auf dem Weg nach unten. Am Saisonende stand der Abstieg fest. Und nach der folgenden Saison, 2015/16, schon der nächste. Selbst das Engagement von Stefan Effenberg konnte daran nichts ändern. Effenberg brachte dank seines grossen Namens etwas Glanz in die Provinz, als Trainer sorgte er nur für tumultuöse fünf Monate.

Der Mai 2017 war angebrochen, als Paderborn die Saison schon wieder auf einem Abstiegsplatz beendete, diesmal in der 3. Liga. Steffen Baumgart hatte als Nothelfer ein Monat nicht gereicht, um das zu verhindern. Doch dann wurde 1860 München wegen seiner finanziellen Unregelmässigkeiten die Lizenz entzogen, und Paderborn entging dem Absturz in die Regionalliga.

Nach Köln am zweitmeisten Tore geschossen

Baumgart verlangte danach von seinen Spielern Arbeit und Offensivfussball. Sie erzielten 90 Tore und kehrten umgehend in die 2. Liga zurück. Geld war für die zweithöchste Klasse kaum vorhanden, 6,2 Millionen Euro mussten für die Löhne reichen, und die Frage war darum, ob die Mannschaft überhaupt Potenzial hat, um die Klasse zu halten.

Die Vorrunde beendete sie auf Platz 7, immerhin. Selbst nach der 25. Runde belegte sie diesen Rang, und weil sie zwölf Punkte hinter dem Hamburger SV als Zweitem lag und neun hinter Urs Fischers Union, deutete weiterhin nichts auf ihren Aufstieg hin. Auf einmal aber rollte sie dank einer Siegesserie das Feld von hinten auf, gewann sechs von acht Spielen und profitierte davon, dass der HSV komplett einbrach und Union genauso schwächelte wie Kiel und Heidenheim.

Ein kleiner Club mit einer bewegten Geschichte: Die Mannschaft des SC Paderborn lässt sich nach dem geschafften Aufstieg feiern. (Bild: Getty Images/Thomas Eisenhut)

«Erfolg ist kein Glück, sondern das Ergebnis von Blut, Schweiss und Tränen», heisst es in einem Lied des Berliner Rappers Kontra K. Für Baumgart ist das zum Motto seiner Trainerarbeit geworden, auch in Paderborn. Der 47-Jährige, einst selbst Bundesligastürmer, hat eine mental starke Mannschaft geformt. Nach Rückständen hat sie zwölfmal Punkte gewonnen. Und nach Köln hat sie am zweitmeisten Tore geschossen. Die besten Torschützen heissen Philipp Klement, Bernard Tekpetey oder Christopher Antwi-Adjej. An solche Namen müssen sie sich in München oder Dortmund erst einmal gewöhnen.

«Schon jetzt ein Absteiger»

Es spricht nicht für die Konkurrenz, dass Paderborn bescheidene 57 Punkte zum Aufstieg gereicht haben. Paderborn braucht das nicht weiter zu grämen. Am Sonntag sagt Baumgart: «Sorry, dass ich ein wenig wirr rede. Das liegt nicht daran, dass ich getrunken habe, sondern daran, dass ich das alles noch nicht realisiert habe.»

15'000 Zuschauer fasst die Benteler-Arena, nirgends sind es in der Bundesliga auch nur annähernd so wenig wie hier. Um die 26 Millionen Euro erhält der Verein nächste Saison allein aus Fernsehgeldern, gut dreimal mehr als bisher. Auch wenn er deshalb die Spielerlöhne anheben kann, an der Erwartung von Baumgart wird sich nichts ändern: «Wir sind jetzt schon der erste Absteiger für die Experten. Aber solange die Jungs fighten, ist alles möglich. Sie haben es sich hart erarbeitet, im Konzert der Grossen mitzuspielen.»

Baumgart war schnörkellos als Spieler, er ist es auch als Trainer, wenn er redet. «Er kommt mürrisch rüber, aber er ist ein herzensguter Mensch», weiss Journalist Beineke. Und dieser Baumgart gibt schon einmal vor, dass er auch in der kommenden Saison stürmischen Fussball von seiner Mannschaft sehen will: «Ich sehe schon genug Scheiss-Spiele im Fernsehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2019, 14:20 Uhr

Artikel zum Thema

Alles soll schneller werden – mit dem Ziel Meistertitel

Dortmund rechnet sich auch für nächste Saison Chancen aus, den FC Bayern anzugreifen. Die Mannschaft wird gezielt verstärkt. Mehr...

Eine Schale, viel Bier und noch mehr Kitsch

Bayern München feiert seinen 29. Titel – Ribéry und Robben gehen als Torschützen, dafür wird Niko Kovac wohl Trainer bleiben. Mehr...

So verewigen sich Ribéry und Robben

Video Die beiden Bayern-Stars treffen in ihrem letzten Heimpiel für die Münchner je einmal. Einen schöneren Abschied hätten sie den Fans nicht bieten können. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Zylinder und PS: Ein Besucher des Royal-Ascot-Pferderennens beobachtet das Geschehen von einer Parkbank aus. (18. Juni 2019)
(Bild: Mike Egerton) Mehr...