Irrlichtern im Nebel, Fussball mit Hebel

Die Young Boys und der FCB trennen sich in einem intensiven Spitzenspiel 1:1. Oben bleibt es erfreulich eng.

Das sagen YB- und FCB-Protagonisten zum 1:1 im Spitzenkampf. (Video: Eva Tedesco)

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Einer bringt die stillschweigende Übereinkunft in der Schlussphase beinahe noch durcheinander. Die Nachspielzeit ist schon fast vorbei, zwischen YB und Basel steht es 1:1, alle scheinen sich schon auf die Punkteteilung im wichtigsten Kräftemessen dieser ersten Wochen im Schweizer Fussball geeinigt zu haben, als Jean-Pierre Nsame nach einem Freistoss an den Ball kommt.

Der Kameruner ist wohl selber überrascht davon, er zielt vorbei. Und sorgt dafür, dass das eigentümliche Gefühl des Unentschiedens auch noch eine halbe Stunde später an der Pressekonferenz bei beiden Trainern vorherrscht. YB-Trainer Gerardo Seoane sah viel Engagement «und viel Klein-klein-Spiel von uns». FCB-Coach Marcel Koller spricht vom «besten Spiel» unter seiner Ägide gegen YB.

Es ist ja nach Jahren der Basler Dominanz und nach zwei Saisons mit einem unangefochtenen YB eine wohltuende Phase in der Schweizer Super League. So richtig vornweg marschieren weder Berner noch Basler, dazu verblüfft für einmal der dem Chaos nie fern stehende FC Sion. Und so firmiert das Spiel mal wieder als echter Spitzenkampf – mit zwei Trainern, die gerade auf unterschiedlichen Karrierepfaden wandeln.

Hier Seoane, der Tüftler und Jungtrainer, der seinen Innenverteidiger auch mal ins Mittelfeld beordert, bei YB viel ausprobiert und sich seinen nächsten Posten im Geschäft genau zurechtlegen will. Und dort Koller, früh schon ein Titeltrainer, als Nationalcoach lange in ruhigeren Bahnen, ein zurückhaltender Verwalter seines eigenen Erfolgs.

Seoanes Griff zum Klassiker

An diesem Sonntagnachmittag geben sie sich beide zunächst locker. Weiss leuchten die Turnschuhe, es flattert der Sakko. Koller betritt das Feld ganz allein, ganz «lonely wolf», wie noch im Sommer, als er beim FCB kurz vor der Entlassung stand, schliesslich aber den Machtkampf gegen Ex-Sportchef Marco Streller gewann.

«Dieses kurze Spiel zwischen den Räumen, das ist nicht YB-like.»Gerardo Seoane

Erwartungsfroh und stimmungsvoll gibt sich das Publikum im ausverkauften Stade de Suisse, die Basler Fans martialisieren die Angelegenheit mit lauten Böllern und viel Rauch. Und unter dem Arbeitstitel «Irrlichtern im Nebel» kann man auch die erste YB-Viertelstunde zusammenfassen. Wenig passt zusammen, und nach einer Flanke von Kevin Bua steht Frederik Sörensen zu weit von Silvan Widmer weg, dessen Kopfball landet im Tor, Basel führt nach 4 Minuten vor wütenden Fans in Gelb.

Und mit etwas Wut im Bauch machen sich bald auch die Spieler ans Werk. Die Berner werden ruppiger, die Basler halten dagegen, es resultiert Fussball mit viel Hebel, ein Spiel von ungemein hoher Intensität, aber überschaubarer Raffinesse. YB-Trainer Seoane hat bei der Aufstellung die Experimente für einmal sein lassen: nach dem 3-5-2 in der Europa League bei Porto ist das 4-4-2 gegen Basel schon fast ein «Klassiker» im bunten Systembaukasten des Taktikers.

Gut 20 Minuten sind vorbei jetzt, es geht munter hin und her, nicht selten sehr hart. Mal muss Fabian Lustenberger gegen Kemal Ademi einstecken, dann langt Valentin Stocker gegen Nicolas Ngamaleu zu, Taulant Xhaka «flirtet» mit Sörensen. Gelb wird Schiedsrichter Sandro Schärer bis zum Schluss nur viermal zücken. Der Mann hat eine Linie, und diese ist sehr grosszügig.

An der Seitenlinie läuft Seoane – Wurzeln in Galizien – ein erstes Mal richtig heiss, weil YB noch immer nicht ganz geordnet auftritt und Fabian Frei eine riesige Chance vergibt. Und ein paar Meter weiter links steht Koller – Kindheit in Zürich-Schwamendingen – fast gelassen, die Hände in den Hosentaschen.

Assalés Hang zum Fall

Seoanes Donnerwetter zeigt Wirkung. Guillaume Hoarau legt quer, vorab noch ins Leere, Roger Assalé kommt zum Abschluss. YB reklamiert Elfmeter, doch Handspiel war es keins. Auch kurz vor der Pause ist es kein Penalty, als Christian Fassnacht per feinem Aussenristzuspiel Assalé lanciert und dieser gegen Basels Omar Alderete fällt.

Der Ivorer Assalé ist an diesem Nachmittag einmal mehr ein aufsässiger Stürmer, dessen Hang zum Fall im und um den Strafraum aber noch zu oft überhandnimmt. Zwei Minuten nach der Strafraumszene mit Alderete muss Assalé mit muskulären Problemen vom Feld, für ihn kommt Nsame, der YB-Sturm hat jetzt viel Wucht und Kraft.

Durchgang zwei, es bleibt ruppig, auch wenn die Intensität etwas abgenommen hat. Es ist jetzt klar, dass die Partie nie und nimmer den Lauf nehmen wird wie die Begegnung vor einem Jahr, als der FCB von den Young Boys mit sieben Toren überrollt wurde (7:1). Zu eng sind diesmal die Räume, zu umkämpft die Duelle.

YB ist längst tonangebend, totalisiert in der zweiten Halbzeit mehr als 60 Prozent Ballbesitz, hat bis Spielschluss acht Eckbälle mehr als der Gegner. Was fehlt, ist ein Tor. Hoarau versuchts am Strafraum, ideenlos passt er zur Seite. Der zuletzt oft geschonte Franzose kann den hohen Erwartungen für einmal nicht gerecht werden.

Schlussphase gehört den Young Boys

Es läuft die 59. Minute, als Saidy Janko über rechts ein toller Rush gelingt. Ein erster Versuch wird geblockt, dann gibts den Doppelpass mit Michel Aebischer, eins, zwei, wieder Flanke – Nsame trifft mit Wucht und Kraft unter die Latte.

Auch die Schlussphase gehört den Young Boys. Seoane bringt den formstarken Gianluca Gaudino, YB formiert sich in einer Art 4-3-3, der FCB kann sich kaum befreien. Ein Kopfball von Fassnacht geht vorbei, dann die letzte Szene mit Sörensens Chance. Seoane hätte sich vorn «mehr Zielstrebigkeit» gewünscht, dieses kurze Spiel zwischen den Räumen, «das war nicht YB-like».

Und das Resultat? Am Ende herrscht unter den Beobachtern die stillschweigende Übereinkunft, dass dieses 1:1 für den Schweizer Fussball eigentlich ganz gut sei. Basel, Sion und YB trennt an der Spitze ein Punkt. Das ist nicht nur spannend, das hat es in der 16-jährigen Geschichte der Super League noch nie gegeben. YB muss am Mittwoch nach Thun, am Samstag kommt Sion zum nächsten Spitzenspiel. Irrlichtern verboten.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Erstellt: 23.09.2019, 06:25 Uhr

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