Ist Favre jetzt schadenersatzpflichtig?

Der Rücktritt in Gladbach könnte für Lucien Favre ein juristisches Nachspiel haben. Ein Zürcher Rechtsanwalt erklärt, warum.

Gladbachs scheidender Trainer Lucien Favre sorgt für Schlagzeilen.

Gladbachs scheidender Trainer Lucien Favre sorgt für Schlagzeilen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach dem Abgang durch Gladbachs Hintertüre üben Medien und Experten scharfe Kritik am Schweizer Trainer Lucien Favre. Nur wenige haben Verständnis für seinen sofortigen Rücktritt bei Borussia Mönchengladbach nach fünf verlorenen Spielen zum Saisonstart. Favre wird zerpflückt. «Ein schwacher Abgang», meint Tagesanzeiger.ch/Newsnet und führt weiter aus: «Stolpert ein Genie über seine Schwächen?» Das Millionenblatt «Bild» kommentiert, Favres Abgang sei «stillos und feige».

Der ehemalige Schweizer Nationalspieler Kubilay Türkyilmaz, Kolumnist des «Blick», greift ebenfalls zur spitzen Feder und meint: «Wenns brenzlig wird, haut er ab.» Sogar prominente Trainerkollegen greifen Favre frontal an. Felix Magath, Meistertrainer mit Wolfsburg und den Bayern, prangert in der «TZ» die Art und Weise von Favres Abgang an. Isoliert betrachtet sei es schade. Allein an Lucien Favre sei die aktuelle Lage nicht festzumachen.

«Das war nicht sauber»

«Ich war mir sicher, dass er mit der Unterstützung des Vereins die Situation in den Griff bekommen hätte. Aber seine Entscheidung gilt es zu respektieren. Vielleicht war auch etwas anderes faul in der Zusammenarbeit zwischen dem Schweizer und der Borussia», mutmasst Magath. «Was in meinen Augen überhaupt nicht sauber war, ist die Art und Weise seines Abgangs. Der Weg, seinen Rücktritt ohne Rücksprache mit dem Verein zu verkünden, war falsch. Damit hat Favre den Verein, der mit ihm durch die Krise gehen wollte, in eine schwierige Situation gebracht und die Verantwortlichen brüskiert. Das ist nicht in Ordnung.»

Favres Vertrag hätte bei Gladbach noch bis Ende Juni 2017 Gültigkeit gehabt. Also noch 21 Monate. Tagesanzeiger.ch/Newsnet weiss aus zwei gut informierten Quellen, dass der Schweizer Erfolgscoach in Gladbach ein Jahresgehalt von zwei Millionen Euro brutto verdient hat. Dazu kamen noch mögliche Erfolgsboni für das Erreichen höherer Ziele, wie zum Beispiel den Gewinn der Meisterschaft, des Pokals oder das Erreichen der Europa oder Champions League. Im Klartext: Favre verzichtet mit seinem selbst gewollten Abgang auf fast vier Millionen Euro.

«Da wird es eine juristische Klärung geben»

Aber muss er jetzt auch noch draufzahlen? Bei der Pressekonferenz zu Favres Rücktritt wurde Gladbachs Manager Max Eberl auf einen möglichen Streit um eine Abfindung angesprochen. «Da wird es eine juristische Klärung geben», sagte Eberl. «Wir werden das arbeitsrechtlich nach den Vorschriften abhandeln.»

Rechtsanwalt Daniel Engel aus Zürich vertritt regelmässig Klienten im Sportbereich, namentlich im Fussball. Grundsätzlich sei ein Arbeitnehmer, wie das Lucien Favre in Gladbach gewesen sei, verpflichtet, seinen Vertrag zu erfüllen. «Und wenn er das nicht tut, dann kann er schadenersatzpflichtig werden», sagt Engel.

«Gladbach hat die Möglichkeit, Favre zu belangen»

Favre habe wahrscheinlich einen befristeten Arbeitsvertrag und keinen unbefristeten, wie das in der Geschäftswelt sonst üblich sei. «Bei einem unbefristeten Vertrag kann man diesen jederzeit unter Einhaltung der vertraglichen Kündigungsfrist auflösen. Das geht bei einem befristeten Arbeitsvertrag, wie ihn Favre wohl unterzeichnet hatte, nicht. Favre erbringt trotz laufendem Vertrag seine Leistung nicht mehr und ist deshalb in Verzug, was grundsätzlich eine Schadenersatzpflicht zur Folge haben kann.»

Borussia Mönchengladbach habe die Möglichkeit, Favre zu belangen. «Aber es dürfte für den Club sehr schwierig sein, durch den Rücktritt Favres einen Schaden nachzuweisen», sagt Engel und erklärt. «Eine Möglichkeit wäre vielleicht, dass der Club durch den Abgang des Trainers Sponsoren verliert oder anderweitig wegen der Handlung Favres einen finanziellen Schaden erleidet oder in die Erfolglosigkeit abstürzt.»

Aber das sei in Gladbach auf dem letzten Tabellenrang zurzeit ja gar nicht möglich. Zudem habe der Club bereits im U-23-Trainer Gladbachs einen Interimscoach gefunden. «Die Mannschaft ist also nicht führungslos, hat wieder einen Coach, und somit dürfte es auch schwierig sein, eine kausale Ursache von Favres Handeln hinsichtlich eines allfälligen Schadens nachweisen zu können.»

Erstellt: 22.09.2015, 12:32 Uhr

Artikel zum Thema

Favre entgehen Millionen

Weil er selber zurücktrat, verliert Gladbachs scheidender Trainer viel Geld. Mehr...

Stolpert ein Genie über seine Schwächen?

Analyse Lucien Favre könnte einen ganz grossen Club wie die Bayern trainieren. Doch sein Rücktritt in Gladbach zeigt auch, was ihm dazu fehlt. Mehr...

«Ich dachte, es ist ein böser Traum»

Nach dem überraschenden Abgang von Lucien Favre nehmen die Gladbach-Verantwortlichen in einer PK Stellung. Tagesanzeiger.ch/Newsnet berichtete live. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Blogs

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...