«Jemand wurde vor mir getötet – ich habe den Terror gesehen»

Fatma Samoura hat als UNO-Mitarbeiterin in Afrika in Bürgerkriegsgebieten gearbeitet – seit neun Monaten versucht sie als Generalsekretärin, den angeschlagenen Ruf der Fifa zu verbessern

Fatma Samour, Generalsekretärin der Fifa über den Lohn ihres Präsidenten Gianni Infantino: «Meiner Meinung nach ist er unterbezahlt, er sollte mehr verdienen.» Bild: Getty

Fatma Samour, Generalsekretärin der Fifa über den Lohn ihres Präsidenten Gianni Infantino: «Meiner Meinung nach ist er unterbezahlt, er sollte mehr verdienen.» Bild: Getty

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Fatma Samoura, wer sind Sie?
Ich bin eine 54-jährige Mutter von drei Kindern aus Senegal, einem Entwicklungsland, habe erst im privaten Sektor für Unternehmen gearbeitet, bevor ich zu den Vereinten Nationen (UNO) kam. Ich habe viele menschliche Tragödien gesehen und in Gebieten mit Krieg, Naturkatastrophen und zivilen Konflikten gearbeitet. Nach 20 Jahren dachte ich, jetzt will ich etwas anderes machen.

Sie gingen zur Fifa.
Genau, ich will etwas tun, für das ich einstehen kann. Für Frauenrechte und mehr Toleranz. Ich möchte gegen Diskriminierung und Vorurteile in unserer Gesellschaft kämpfen. Dafür ist der Fussball sehr geeignet.

Waren Sie von Ihrem UNO-­Leben gelangweilt?
Nein. Meine letzte Aufgabe war in Madagaskar. Wir haben dem Land zu den ersten demokratischen und glaubwürdigen Wahlen seit 50 Jahren verholfen und dadurch einen Bürgerkrieg verhindert. Aber ja, jeder Mensch wird emotional, wenn er sieht, was ich gesehen habe. 12-jährige Kinder, die Waffen tragen oder drogensüchtig sind. Mädchen, die nicht zur Schule gehen dürfen. Vergewaltigte Frauen und Opfer des Genozids. Ja, ich hatte genug davon. Und: Ich wollte meine Tochter wieder häufiger sehen, denn die UNO hat mich immer in Krisengebiete geschickt.

Nun arbeiten Sie wieder in einem Krisengebiet – der Welt der Fifa.
Mit dem Unterschied, dass bei uns keiner Waffen trägt (lacht).

Die Menschen sagen, die Fifa sei eine Mafia.
Dieses Image ist falsch. Die Leute, die bei uns arbeiten, sind in erster Linie wegen des Fussballs hier und nicht wegen des Geldes. Es gibt derart viele Menschen, die für die Fifa arbeiten wollen. Das ist zumindest mein Eindruck von meinen ersten neun Monaten.

Welche Meinung hatten Sie von der Fifa, bevor Sie General­sekretärin wurden?
Sie hatte lange eine sehr solide Reputation, die durch die Ereignisse im Jahr 2015 beschmutzt wurde. Durch die Reformen können wir nun das Positive zurückbringen. Wir bringen Vielfalt in eine von Männern dominierte Organisation. Wir bringen den Fussball zurück zur Fifa.

«Wir zahlen den Verbänden viermal mehr Geld als bisher. Das bedeutet auch, dass wir die Frauen mehr fördern.»

Fussball zurück zur Fifa bringen. Was soll das denn heissen?
Erstens wollen wir ehemalige Spieler, die dem Fussball viel gegeben haben, zu uns nach Zürich holen. Dann möchten wir die Fussballerinnen und Fussballer dieser Welt besser unterstützen. Wir zahlen den Landesverbänden bei gleichem Budget viermal mehr Geld als bisher. Es bedeutet auch, dass wir die Frauen mehr fördern. Kurz: Menschen, die den Sport lieben, müssen auch die Chance haben, ihn auszuleben.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie in der Fifa ernst genommen werden?
Das müssen Sie die Leute fragen (lacht laut). Ich muss nicht jeden Tag zeigen, dass ich der Boss bin, das habe ich nicht nötig.

Die Mitarbeiter fühlen es auch so.
Ich rate es ihnen (lacht).

Ihre Person steht für Veränderung. 81 Leute haben seit vergangenem Jahr die Fifa verlassen. Die Stimmung in Ihrem Haus ist angespannt.
Bei jedem Veränderungsprozess gibt es Widerstand. Nicht alle sind mit dem Wandel und dem Reformprozess einverstanden. Doch wir wollen uns vorwärtsbewegen und nicht stehen bleiben. Das heisst nicht, dass alles in der Vergangenheit schlecht war. Doch wir können einiges besser machen.

81 Wechsel sind viel.
Ich habe aber auch 115 Leute eingestellt. Das wird leider gerne unterschlagen.

Weil Sie 81 ersetzen mussten.
Unter den 81 Abgängen sind 27 Entlassungen. Entweder haben sich die Jobs durch die Reorganisation der Verwaltung geändert und fielen weg, oder die betroffenen Mitarbeiter haben sich gegen Veränderungen gewehrt. Dazu stehe ich. Bei den anderen Abgängen gab es persönliche oder berufliche Gründe.

«Man kann keine Mayonnaise machen, ohne Eier zu zerbrechen.»

Ihnen wird eine Hire-and-Fire-Mentalität nachgesagt.
Diese Betrachtung ist völlig inkonsequent. Man kann doch nicht behaupten, die Fifa hat eine Krise, jedermann ist schlecht und korrupt, und gleichzeitig die Fifa kritisieren, dass sie Leute auswechselt, die nicht zu ihr passen. In Senegal sagen wir, man kann keine Mayonnaise machen, ohne Eier zu zerbrechen.

Die Fifa spricht stets von Transparenz. Sagen Sie uns, was ist das überhaupt?
Wir veröffentlichen die Löhne der höchsten Angestellten. Wir machen Ausschreibungen öffentlich und sorgen für Konkurrenz. Das Gleiche gilt bei Jobvergaben. Das ist Teil unserer Reform.

Sie wurden allerdings vom madagassischen Verbands­präsidenten Ahmad Ahmad der Fifa als Generalsekretärin empfohlen.
Völlig falsch! Ich war zu einem Essen 2015 im Rahmen des Länderspiels Madagaskar gegen Senegal eingeladen. Ich wusste nicht einmal, dass auch Gianni (Infantino) dort war. An diesem Abend haben wir uns kennen gelernt. Er war dort ja noch nicht einmal Präsidentschaftskandidat. Er warb für Michel Platini.

Wie ist die Hierarchie zwischen Ihnen und Infantino?
Schauen Sie sein und mein Salär an (lacht).

«Meiner Meinung nach ist Infantino unterbezahlt, er sollte mehr verdienen.»

Er verdient 1,5 Millionen Franken, Sie 1,3 Millionen.
Das ist ein grosser Unterschied. Spass beiseite, meiner Meinung nach ist er unterbezahlt, er sollte mehr verdienen.

Was haben Sie bei der UNO bekommen?
600'000 Dollar, steuerfrei.

Dominiert Infantino Sie?
Nein, wie auch? Ich berichte direkt dem Fifa-Rat, nicht ihm.

Mitarbeiter erzählen, dass er Ihnen in die Arbeit reinredet.
Natürlich gibt er mir Ratschläge, ich bin nicht im Fussballgeschäft aufgewachsen. Also frage ich ihn.

Kritiker sagen auch, Sie hätten kaum Ahnung von Fernsehrechten und Vertragswerken.
Das bestreite ich. Von der wirtschaftlichen Seite habe ich sehr wohl eine Ahnung, doch mir fehlt es an Wissen im spezifischen Fussballbereich. Ich verstehe zwar das Spiel, doch ich habe noch Potenzial bei Spielertransfers; beim Spielkalender; wie man mit Schiedsrichterfehlern umgeht. Da lerne ich täglich. Aber …

«Ich sass in Nigeria am Tisch mit bewaffneten Warlords, die unsere Lastwagen klauen wollten.»

Ja?
Ich lasse mich zwar beraten, doch ich entscheide selbst. Ich kann mich durchsetzen. Ich sass in Nigeria am Tisch mit bewaffneten Warlords, die unsere Lastwagen mit Essen für ihre Soldaten klauen wollten. Sie möchten am Leben bleiben, haben aber UNO-Prinzipien. Was machen sie dann?

Sie verhandeln.
Genau. Die Warlords wollten von unseren 30 Lastwagen deren zwei für ihre Soldaten. Ich sagte: «Nein.» Der Warlord sagte: «Einer.» Ich schüttelte den Kopf.

Und?
Wir gingen mit 30 Lastwagen zurück.

Hatten Sie Angst um Ihr Leben?
Jeden einzelnen Tag. Im Tschad habe ich in zwei Jahren 497 Lastwagen verloren – alle gekidnappt. Eine Person wurde vor meinen Augen getötet. Ich habe den Terror gesehen.

Im Vergleich dazu ist die Fifa ein Spielzeugladen.
Ja, es ist hier sicher weniger angespannt, es gibt weniger Tragödien, und ich habe Gentlemen um mich.

Die Reformen sind tot, sagte Fifa-Experte Mark Pieth kürzlich. Sie hingegen sagen, die Fifa habe Wunder vollbracht.
Die Statistiken zeigen es. Wir haben die Vielfalt erhöht. Im Fifa-Rat ist die Zahl der Frauen gesteigert worden, ebenso in der Direktion. Als ich hier begann, war ich die einzige Frau im Board. Heute sind von zehn Personen drei Frauen. 61 Prozent der Angestellten bei uns sind Frauen. Nur im oberen Bereich sind wir nur 28 Prozent. Wir müssen das fördern. Das gilt für den Council ebenso wie für die Landesverbände. Wir legen unsere Löhne offen. Wir schreiben alles öffentlich aus.

«Ich unterstütze die bisherige Führung der Ethikkommission zu 100 Prozent.»

Nun gibt es Berichte, dass die Führung der Ethikkommission neu besetzt werden soll …
(unterbricht) … ich verstehe nicht, wie solche Gerüchte entstehen können. Uns wurde vorgeworfen, wir hätten die Leute des Ethik­komitees nicht an den kommenden Fifa-Kongress eingeladen. Nur: Wir haben noch gar keine Einladungen verschickt.

Sie unterstützen also die Herren Eckert und Borbély?
Ja. Zu 100 Prozent. (Eckert ist der Präsident der Spruch-, Borbély jener der Untersuchungskammer.)

Noch eine Frage. Was denken Sie, wenn Sie das Bild von sich mit Ball jonglierend und hohen Absätzen sehen?
Ich wünschte, ich wäre 15 Jahre jünger (lacht). Ich habe als Mädchen mit meiner Familie Fussball gespielt, wir waren sieben Buben und zwei Mädchen. Die Brüder haben mich immer ins Tor gestellt, obwohl ich Stürmer sein wollte. Denn ich war ziemlich gut (lacht).

Erstellt: 25.03.2017, 17:22 Uhr

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