«Was mit Valon passiert ist, tut mir leid»

Nati-Trainer Petkovic sagt, dass er Behrami nicht in Pension schicken wollte. Für SFV-Präsident Gilliéron ist im Mai 2019 Schluss.

Rund sieben Wochen nach dem WM-Out gegen Schweden bricht Nationaltrainer Vladimir Petkovic sein Schweigen. Video: Tamedia/sda

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52 Tage lang hat Vladimir Petkovic öffentlich geschwiegen. Nach schweren Turbulenzen und Anschuldigungen meldete sich der SFV-Coach wieder zu Wort. Ein paar Pannen bedauerte er, eine Zerrüttung befürchtet der Tessiner indes nicht.

Von der Verbandsführung, die in aktueller Besetzung zumindest in diesem Herbst die Verantwortung tragen wird, erhielt Petkovic das Vertrauen einmal mehr vollumfänglich ausgesprochen. «Vlado ist eine disziplinierte Persönlichkeit, die viel denkt und arbeitet, auf die man sich verlassen kann. Noch nie war ein Schweizer Nationalcoach so erfolgreich wie er», hält Claudio Sulser fest.

Am Tag der SFV-Schuldeingeständnisse ruft der Tessiner Delegierte des Nationalteams zur Relativierung der Kritik auf. Das mediale Spiel auf den Mann missfällt ihm. Der Advokat versteht zwar, «dass die Nationalmannschaft bewegt» - aber Petkovic will er aus dem Bannstrahl der Negativschlagzeilen ziehen und dessen Öffentlichkeitsarbeit optimieren. «Ich werde ihn im Bereich der Kommunikation stärker unterstützen.»

Das richtige Timing verpasst

Petkovics teilweise eigenwillige Interpretation der Öffentlichkeitsarbeit beschleunigte aus Verbandssicht den Verlust der eigenen Agenda. Weil der Selektionär schwieg, steuerten Aussenstehende die Debatte. 52 Tage nach dem Achtelfinalout gegen Schweden versuchte er, seine passive Haltung zu erklären – er sei zwölf Stunden nach der Partie angesichts der Enttäuschung nicht in der Lage gewesen, «eine clevere Aussage zu machen». Stattdessen schob Petkovic seinen Captain und den Präsidenten Peter Gilliéron zur Instant-Aufarbeitung vor.

Mit seiner quasi selber auferlegten Nachrichtensperre verschuldete Petkovic ein wochenlanges Sommertheater um eine Auswahl, die sich rein sportlich bis auf einen Energieverlust im wichtigsten Turniermoment wenig vorzuwerfen hatte. Von seinem Stumm-Modus rückte der Südschweizer selbst nach der Publikation des folgenschweren Doppelbürger-Interviews des inzwischen ausgeschiedenen Generalsekretärs Alex Miescher nicht ab.

«Ich wollte mich nicht in dieses Thema nicht einmischen», meldete Petkovic nach rund siebenwöchiger Selbstreflexion im Haus des Sports in Bern. Leider hätten sie das Timing verpasst, früher zu kommunzieren. «Das nehme ich auf meine Kappe.» Hinter den Kulissen hingegen hatte der Stratege nicht geschwiegen, sondern seine Planungen für den kommenden EM-Zyklus vorangetrieben. Deshalb unterhielt sich Petkovic telefonisch mit der Ü30-Fraktion seines Ensembles. Er habe sie «für die nahe Zukunft sensibilisieren wollen», weil er in den sechs Partien der kommenden Monate im Test- und Nations-League-Rahmen vorhabe, mit frischem Personal zu experimentieren.

«Ich wollte mit ihm nur die Zukunft besprechen»

Einer goutierte Petkovics Kontaktaufnahme nicht: Valon Behrami – der langjährige Leitwolf verkündete vor Wut rasend den sofortigen Rücktritt. Wer hat sich falsch ausgedrückt? Der entnervte Ex-Nationalspieler oder der Coach, der mit seinem Anruf nicht Klarheit, sondern Irritationen schuf?

«Was mit Valon passiert ist, tut mir leid», bedauert Petkovic den «Fall Behrami». Eine solche Reaktion habe er vom sechsfachen Turnier-Teilnehmer nicht erwartet. «Ich wollte mit ihm nur die Zukunft besprechen.» Er habe keinesfalls wie ein Politiker gehandelt, so Petkovic. «Sondern wie ein Trainer, der nach sportlichen Voraussetzungen entscheidet.»

Seine Strategie, verdiente Akteure wie Captain Stephan Lichtsteiner, Johan Djourou, Blerim Dzemaili, Gelson Fernandes oder eben Behrami telefonisch über ihre künftige Rolle zu orientieren, hält Pektovic nach wie vor für richtig. Er habe niemanden bevorzugen wollen. «Alle sollten es gleichzeitig erfahren.» Und:«Ich hätte es bei einem persönlichen Gespräch nicht anders sagen können.»

«Ich bin stolz, Trainer dieser Mannschaft zu sein»

Mit Blick auf das erste Treffen der Nationalspieler seit dem unfreundlichen Ende ihrer russischen Mission befürchtet Petkovic keineswegs einen Kollateralschaden. Von kolportierten Rissen innerhalb des Teams will er nichts mitbekommen haben. «Aber es ist klar, dass wir einen oder zwei Schritte zurück machen und alle Dinge klären müssen. Sollte etwas in der Luft sein, wird es angesprochen», verspricht Petkovic zwischenmenschliche Transparenz.

Und eben, er ist weiterhin guter Dinge, relativ rasch wieder auf Touren zu kommen. Die Basis sei nach lediglich zwei Niederlagen innerhalb der letzten 25 Spiele gut. «Und die Spieler werden davon weniger berührt sein, als man denkt», glaubt Petkovic zu spüren, ehe er ein kräftiges Statement in eigener Sache platzierte: «Ich bin stolz, Trainer dieser Mannschaft zu sein.»

Der Präsident tritt 2019 ab

SFV-Präsident Peter Gilliéron wird im kommenden Frühling als Präsident des Schweizerischen Fussball-Verbandes (SFV) aufhören. Er wird nicht kandidieren für eine sechste Amtszeit. Dies gab der Berner an einer Medienorientierung des SFV in Ittigen bei Bern bekannt. Ein sofortiger Rücktritt ist kein Thema. «Ich werde meine Amtszeit bis im Mai zu Ende führen», so Gilliéron.

Video: Der Präsident stellt sich den Medien

«Wir wollen auch in Zukunft von Erfolgen berichten», sagt Peter Gilliéron. Video: Tamedia/sda

Gilliéron ist seit 2009 SFV-Präsident. Er setzte sich damals in einer Kampfwahl gegen den früheren SBB-Chef Benedikt Weibel durch. Seither wurde er jeweils per Akklamation wiedergewählt.

Ein erfolgreiches Duo wird Verband beraten

Zur Tagesordnung ging man beim SFV nach der vor allem neben dem Rasen misslungenen WM-Kampagne in Russland aber nicht über. Man stellt sich der Kritik und schiebt einen Reformprozess an. «Wir haben Fehler gemacht, ich habe Fehler gemacht und dafür übernehme ich die Verantwortung», so Gilliéron. Um aus den Fehlern zu lernen, holt der SFV externe Hilfe. Die Basler Firma HWH der beiden früheren FCB-Spitzenfunktionäre Bernhard Heusler und Georg Heitz wurde beauftragt, «alles zu durchleuchten, was mit dem Nationalteam zusammenhängt, Bericht zu erstatten und Massnahmen vorzuschlagen», wie Gilliéron erklärte.

Der SFV will sich vor allem in vier Bereichen neu strukturieren und professioneller werden. 1. Die Strukturen rund um das Nationalteam sollen verbessert werden. 2. Die Nationalspieler sollen mehr Unterstützung erhalten im Umgang mit den sozialen Medien. Dafür wurde mit Vincent Cavin eine Vollzeitstelle als Sportkoordinator besetzt. Er ist Ansprechpartner für Spieler, Agenten und Clubs. 3. Der SFV will die Zusammenarbeit mit den Medien verbessern. «Wir müssen das Gespräch suchen und wieder aufeinander zukommen», so Gilliéron. Der Zugang zu Spielern und Trainer soll unkomplizierter werden. 4. In gesellschaftspolitischen Fragen will der SFV noch mehr machen, um Menschen noch besser zu integrieren. (sda)

Erstellt: 24.08.2018, 14:51 Uhr

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