Jetzt setzt Xamax auch den FCZ unter Druck

Nach dem 1:0 gegen YB liegen die Neuenburger neun Punkte vor GC – und nur noch zwei hinter dem FC Zürich.

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Ein Sprung. Ein Schrei. Ein Strahlen. Eine Faust. Das ist es! Trainer Stéphane Henchoz zeigt die Emotionen eines Siegers. Sein Xamax hat eben YB 1:0 bezwungen, den Meister, der bis vor diesem Montag erst ein Liga-Spiel verloren hat. Der auch 60 Mal in Folge in der Super League immer mindestens ein Tor erzielt hat. Die Neuenburger senden damit kräftige Signale nach Zürich: Sie entfernen sich noch weiter von GC, das nach dem 1:1 gegen Thun bereits neun Punkte Rückstand auf Barragerang 9 aufweist – bei nur noch sechs ausstehenden Runden. Und: Der FCZ hat lediglich noch zwei Punkte Reserve auf Xamax.

Henchoz sagt zwar: «Wir konzentrieren uns einzig darauf, die Barrage zu erreichen.» Aber in ihm ist die Kampfeslust geweckt worden. Das hat gewiss auch damit zu tun, dass der Präsident ihn ab Sommer nicht mehr will. Im März entschied Christian Binggeli, auf Joël Magnin zu setzen, den Coach der U-21 von YB. Seither beschränkt Henchoz die Kommunikation mit Binggeli nur noch auf das Nötigste. Aber ein Rücktritt war für ihn keine Option, obwohl Freunde ihn fragten: «Warum tust du dir das an?» Seine Antwort: «Weil ich nie einer war, der schnell aufgegeben hat. Sonst hätte ich es als Spieler nie zu einer solchen Karriere gebracht.»

Henchoz macht Werbung

Im Februar stieg der 44-Jährige vom Assistenten zum Chef bei Xamax auf. Und auf einmal präsentierte sich das Team anders als in der ersten Saisonhälfte, stabiler, hartnäckiger. In 11 Spielen unter Henchoz’ Führung kamen 19 Punkte zusammen. Henchoz mag über Binggeli verärgert sein – die restlichen Wochen im Amt sieht er durchaus auch als persönliche Chance, Werbung zu machen, wenn er Xamax in der Super League hält.

Er redet von einer «Mission», die er zu erfüllen hat und an der er offensichtlich Spass findet. Früher war Henchoz ein kompromissloser Abwehrhaudegen, heute ist er ein Trainer, der seiner Mannschaft beigebracht hat, solidarisch zu verteidigen. Und der vor dem Match gegen YB sagt: «Wieso sollen wir keine Chance haben? Ich sehe das Spiel als Möglichkeit, etwas Gutes zu zeigen.»

Die Berner bestreiten an diesem Ostermontag in Neuenburg fast ein Heimspiel, die Maladière trägt dank etwa 6000 YB-Supportern ein gelb-schwarzes Kleid. Es herrscht eine wunderbare Ambiance im mit 12000 Zuschauern ausverkauften Stadion. «Möge der Bessere gewinnen», ruft der Speaker in sein Mikrofon. YB war beeindruckend in dieser Saison, aber bis zur Pause wirkt die Mannschaft, als wäre sie in die Verlängerung der Meisterfeierlichkeiten gegangen. Es fehlt so vieles, das bisher zum Standardprogramm gehört hat: Leichtigkeit, Zielstrebigkeit, Power. Und bei den Chancen, die sich in der zweiten Hälfte bieten, mangelt es an jeder Entschlossenheit. Loris Benito fasst es so zusammen: «Wir hätten noch drei Stunden spielen können: Ein Tor hätten wir heute nicht geschossen.»

Xamax hat nicht die Mittel, um spielerisch aufzutrumpfen. Aber Xamax beweist Moral und Lust, sich nicht bezwingen zu lassen. Und nach 73 Minuten profitiert der Gastgeber davon, dass weder Steve von Bergen noch Mohamed Ali Camara konzentriert genug sind. Die Folge: Raphaël Nuzzolo bereitet vor, Kemal Ademi schliesst erfolgreich ab. Für Nuzzolo ist es der 14. Assist in dieser Saison, für Ademi das Tor des Tages 150 Sekunden nach seiner Einwechslung. Allerdings reisst er sich danach das Trikot vom Leib, sieht Gelb und ist deshalb gegen GC gesperrt. «Es kamen so viele Emotionen zusammen, da habe ich nicht viel überlegt», sagt Ademi, «aber ja, es war dumm von mir.»

Xamax erwartet GC

Henchoz verzeiht ihm die Aktion. Über allem steht für ihn dieser kapitale Sieg. «Das kleine Xamax schlägt das grosse YB», sagt Nuzzolo und weiss, was diese Nachricht bei GC auslöst, dem Gegner vom kommenden Samstag: «Bei GC werden sie jetzt nicht die beste Laune haben. Jetzt sind sie noch stärker unter Zugzwang. Und es wird für sie nicht angenehm, gegen uns zu spielen.»

Xamax kann GC in der Direktbegegnung in vier Tagen um zwölf Punkte distanzieren und den Abstieg der Zürcher so gut wie besiegeln. Aber Henchoz will sich dann doch nicht zu forsch äussern: «Wir tun gut daran, auf dem Boden zu bleiben und zu arbeiten, wie wir das gegen YB getan haben.»

Rangliste: 1. Young Boys 30/78. 2. Basel 30/56. 3. Thun 30/40. 4. Lugano 30/37 (42:42). 5. Sion 30/37 (45:47). 6. Luzern 30/37 (44:52). 7. St. Gallen 30/36. 8. Zürich 30/34. 9. Neuchâtel Xamax FCS 30/32. 10. Grasshoppers 30/23.

Erstellt: 22.04.2019, 22:21 Uhr

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