Köbi, wir lieben dich

Wieder gegen Irland, es ging auch 2003 um viel: Der moralische Vertrag von Köbi Kuhn mit seinen Spielern. Und der Vorschlag für Vladimir Petkovic.

Köbi Kuhn auf den Schultern seiner Spielern nach der Qualifikation zur EM 2004 (Bild: Daniela Frutiger/freshfocus)

Köbi Kuhn auf den Schultern seiner Spielern nach der Qualifikation zur EM 2004 (Bild: Daniela Frutiger/freshfocus)

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Es muss in der 2. oder 3. Klasse gewesen sein, in der Primarschule. Die Lehrerin rief uns nach vorne, schön der Reihe nach, «du, Heidi» und dann «du, Peter» und «du, Christine», jede und jeder musste zur schwarzen Wandtafel und mit Kreide etwas hinschreiben, es war uns nicht immer wohl dabei, unsere Schrift zittrig.

Es war vor ziemlich genau. 16 Jahren. Es war auch vor einem Spiel der Schweizer Fussballer, einem entscheidenden, es ging um die Europameisterschaft in Portugal, auch gegen Irland, in Basel damals. Es gab im Vorfeld einige ­Unruhe, offenbar Differenzen zwischen Spielern, die nach aussen gedrungen waren.

Köbi Kuhn war der Coach damals. Nachher sagte er, es seien keine Probleme, nur Banalitäten gewesen, aber es gab einige Tage vor dem Spiel eine lange Sitzung, so lang wie ein Fussballspiel, Kuhn moderierte, die Spieler sprachen sich aus. Und am Ende, so erzählte es Kuhn später, «sah ich jedem Spieler in die Augen». Im Hotel hatte er einen Flipchart aufgestellt, aber diesmal waren auf dem Papier keine taktischen Anweisungen zu lesen.

Es stand nur das, Kuhn hatte es selber vorgeschrieben: «Ich bin bereit, alles zu machen, egal, in welcher Funktion. Wenn ich nicht spiele oder sogar auf die Tribüne muss, bin ich positiv.» Und dann musste jeder nach vorne, die Spieler müssen sich wie in der Primarschule vorgekommen sein, die beiden Yakins, Frei, Henchoz, Müller, Stiel, Huggel, Chapuisat, alle, und jeder machte, so sagte es Kuhn, «sin Chribel» unter den Satz. Alle hatten unterschrieben. Es wäre ein Dokument für ein Fussball-Museum.

Und es half. Die Schweiz gewann gegen Irland 2:0, war für die EM qualifiziert, und nach dem Spiel wurde das Stadion zu einem Chor, «Happy Birthday» sangen alle, Kuhn stand mitten auf dem Rasen, eine Hand in der linken Hosentasche, er war tief gerührt, fast etwas verlegen. Die Glückwünsche waren etwas verfrüht, erst am nächsten Tag wurde er 60. Nach einer kurzen Feiernacht erschien er am Sonntag zum Interview und sagte zu den Unterschriften auf dem Flipchart: «Das war mein moralischer Vertrag mit den Spielern.»

Vielleicht müsste Vladimir Petkovic am Dienstag in Genf und wieder gegen Irland etwas ähnliches machen. Es braucht ja keinen Flipchart mehr, er könnte seine Spieler einfach auffordern, eine SMS zu schreiben. «Wir lieben Dich, Vladimir», und jeder müsste dazu seinen Namen setzen. Petkovic hatte ja kürzlich über Shaqiri auch gesagt: «Ich liebe ihn und werde ihn immer lieben.»

Erstellt: 14.10.2019, 13:35 Uhr

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