Koller – der in ­allen Kräutern gedünstete Trainer

Es ist angerichtet, Spitzenspiel YB gegen FCB. Marcel Koller steht mit seinem Namen nicht zwingend für Spektakel – trotzdem tut er als Trainer dem FC Basel gut.

Marcel Koller kann nicht erklären, weshalb er der richtige Trainer für den FCB ist. (Bild: Freshfocus)

Marcel Koller kann nicht erklären, weshalb er der richtige Trainer für den FCB ist. (Bild: Freshfocus)

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«Scheissfrage», sagt Marcel Koller. Es ist Freitagnachmittag, siebzehn Stunden liegt der Sieg gegen Krasnodar zurück. Und was für ein Sieg das gewesen ist zum Start in die Europa League. Ein 5:0 gegen den Leader der russischen Meisterschaft. Dem Trainer des FC Basel geht es gut deshalb.

Wenn da nur nicht dieser Stuhl wäre, der so hart ist, dass Koller die Folgen seines fatalen Velounfalls vor ein paar Wochen auch beim Sitzen weiterhin spürt. Dann kommt noch diese Frage, die doch harmlos ist: Was muss bis nächsten Sommer passieren, damit er von einer guten Saison redet?

«Ich bin ein Trainer, um Titel zu holen», sagt Koller, er hat ein paar Sekunden überlegt und sich auf seinem Stuhl ein wenig verrenkt, bis er geantwortet hat. «Man arbeitet ein Jahr lang hart, um einen Kübel in der Hand zu halten.»

Die Meisterschaft muss es sein

Dreizehn Monate ist er nun in Basel. Einen Pokal hat er schon ­gewonnen: im Cup nach einem 2:1 im Final gegen Thun. Die grosse Freude ist deshalb nicht gleich ausgebrochen in der Stadt, die von ihrem Fussballclub so verwöhnt worden ist. Die Meisterschaft muss es sein, mindestens, am liebsten mit begeisterndem Fussball.

Heute spielt der FCB in Bern, es ist eine spezielle Aufgabe für ihn, weil er vor dieser Runde nach über zwei Jahren endlich wieder einmal Leader ist. Damals musste Urs ­Fischer als Doublesieger gehen.

Seither ist in Basel viel passiert. Eigentlich ist der Club nie mehr richtig zur Ruhe gekommen, weil alles anders und besser werden sollte. Die zwei Jahre unter Bernhard Burgener als Präsident geben einen Leitfaden dafür her, wie ein Verein nicht zu führen ist.

Seriös vom Scheitel bis zur Sohle

Der FCB wollte auf die Jugend setzen und beförderte Nachwuchscoach Raphael Wicky an Fischers Stelle. Nach nur einer Saison tat er so, als müsste er schon um seine Existenz fürchten, warf Wicky raus und ersetzte ihn durch Koller.

Auf den Neuling folgte der in ­allen Kräutern gedünstete Trainer. Und Basel wunderte sich, dass auf einmal alles schon wieder anders war. Daran überraschte nur eines: dass sich Basel wunderte. Denn wer Koller holt, weiss, was er bekommt. Nicht zwingend immer zuständig für die ganz grosse Unterhaltung, aber ­seriös vom Scheitel bis zur Sohle, ein ganzes Fussballerleben lang schon. «Gut spielen und verlieren bringt nichts», sagt Koller.

Sein Einstieg in Basel war denkbar schlecht. Er scheiterte gleich in den Playoffs der Europa League, und er hatte das 1:7 in Bern zu verantworten. Spieler begehrten beim Präsidenten auf und blitzten ab. Koller liess sich davon nicht be­irren, er konzentrierte sich darauf, die Mannschaft zu stabilisieren. Im neuen Jahr verlor sie nur noch ­einmal. Marco Streller war das als Sportchef zu wenig, zumal ihm der Draht zu Koller fehlte, weil er ihn nicht als erste Wahl gesehen hatte. Darum wollte er ihn durch Aaraus Patrick Rahmen ersetzen.

Über Wochen sagte keiner ­Koller, wie es weitergeht, besonders Streller nicht. Der Trainer ­ertrug die Ungewissheit, ohne ein falsches Wort zu sagen. Er mag gekränkt gewesen sein, ja, aber dabei half ihm, dass er alles andere als eitel ist. Als er dann doch zu wissen schien, ­woran er bei Streller war, fuhr er aus den Ferien im Bündnerland nach Basel, um ein paar private Sachen aus dem Büro zu holen. Er war ­entlassen, zumindest so gut wie, ­zumindest von Streller.

Die Komödie von Burgener und die Ruhe von Koller

Was danach aber passierte, was die dramatische Kehrtwende auslöste, das weiss bis heute keiner, der nicht direkt beteiligt war. Am Ende bleibt immer nur die Vermutung, dass Burgener als letzte Instanz Strellers Absicht nicht mittrug und Koller im Amt hielt.

Streller trat jedenfalls als Sportchef zurück, Burgener wollte sich am 18. Juni an einer Pressekonferenz erklären. Streller habe halt sondieren müssen, sagte er da zur Trainerfrage: Was, wenn ein Club wie Juventus auf die Idee komme, Koller zu holen? Burgeners Auftritt geriet zur Komödie. Koller sass stoisch daneben. Er hat Qualitäten, die in einem schnell emotional reagierenden Umfeld helfen.

Jetzt geht es Koller gut, abgesehen von ein paar körperlichen ­Gebrechen. Er lacht viel an diesem Freitag, er ist redselig, aufgeräumt. Einem lokalen Journalisten erklärt er sein Denken: «Ich kann Ihnen nicht sagen, was Sie schreiben müssen. Sie hätten es ohnehin nicht ­getan. Also habe ich auch nicht versucht, Ihre Meinung zu ändern.»

Noch eine Frage: Kann er erklären, warum er der richtige Trainer für diesen Club ist? «Nein», sagt er, «ich könnte schon, aber es bringt nichts.» Das 5:0 gegen Krasnodar wäre ein gutes Argument. Es ist richtig spektakulär.



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Erstellt: 22.09.2019, 08:39 Uhr

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