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Kololli hat flinke Füsse und einen harten Kopf

Der Kosovare findet sich beim FCZ immer besser zurecht. Der Auftritt heute in Sitten ist für ihn auch so etwas wie eine Reise in die Vergangenheit.

Benjamin Kololli verspürt seit seiner Ankunft beim FC Zürich ein Hochgefühl.
Benjamin Kololli verspürt seit seiner Ankunft beim FC Zürich ein Hochgefühl.
Dominique Meienberg
Ein kurzer Schreckmoment: Beim 1:0-Sieg in Larnaca schiesst er das Tor des Abends per Penalty. Danach läuft er zu den Fans und springt über die Bande – doch dahinter geht es drei Meter in die Tiefe. Er bleibt unverletzt.
Ein kurzer Schreckmoment: Beim 1:0-Sieg in Larnaca schiesst er das Tor des Abends per Penalty. Danach läuft er zu den Fans und springt über die Bande – doch dahinter geht es drei Meter in die Tiefe. Er bleibt unverletzt.
Katia Christodoulou, Keystone
Das Debüt im Wallis: Beim FC Sion hat er seit 2011 in der U-21 gespielt. Im Mai 2013 feierte der damals 20-Jährige sein Super League-Debüt.
Das Debüt im Wallis: Beim FC Sion hat er seit 2011 in der U-21 gespielt. Im Mai 2013 feierte der damals 20-Jährige sein Super League-Debüt.
Laurent Gillieron, Keystone
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Plötzlich ist er weg, wie vom Erdboden verschluckt, und daheim schlägt Mutter Kololli die Hände vors Gesicht, als sie die Bilder am TV sieht. Benjamin, ihr Sohn, hat für den FCZ einen Penalty verwertet, eilt zum Fansektor – und stürzt dann in einen Graben, drei Meter tief. In dem Moment denkt er nicht mehr an sein 1:0 in der Europa League gegen Larnaca, sondern nur daran, wie sich bei der Landung der Schaden in Grenzen halten lässt. Als der 26-Jährige unversehrt wieder auftaucht, jubelt die Mutter noch mehr als beim Tor. Später telefonieren sie miteinander. Und lachen minutenlang.

So erzählt Kololli das mit ein paar Tagen Abstand. Er steht auf, stellt die Landung nach, die Pose erinnert an einen Skispringer. Den sozialen Medien hat er damit Stoff geliefert, aber ihm ist bewusst: «Es hätte bös enden können. Ich hatte Glück.»

Magnin: «Etwas Verrücktes»

Überhaupt: Glück. Kololli verspürt ein Hochgefühl seit seiner Ankunft beim FCZ im Juli und erst recht, seit er seine Rolle in der Mannschaft gefunden hat. Und weil Ludovic Magnin seinem Offensivspieler Auslauf gewährt. «Benjamin hat Power und etwas Verrücktes», sagt der Trainer, «er ist ein bisschen wie ich früher: Er hat einen klaren, manchmal harten Kopf, und er scheut sich nicht davor, Verantwortung zu tragen.»

Kololli ist Kosovare mit Geburtsort Aigle. Die Eltern haben sich Ende der Achtzigerjahre auf Rat eines Verwandten im Waadtland niedergelassen. Der Vater arbeitet als Zimmermann, später bei den SBB, die Mutter ist Krankenpflegerin. Benjamin wächst in Bex auf, kickt im Quartier mit seinem heutigen FCZ-Kollegen Salim Khelifi. Er bewundert Zinédine Zidane und David Beckham, er ist Fan von Manchester United und hat die Ambition, zur U-16 von Sion zu wechseln. Einen Platz bekommt er dort aber nicht, obwohl er als Talent gilt.

Das raubt ihm die Lust auf Fussball. Kololli fängt mit Thaiboxen an, er tut das mit Hingabe. Aber als der Verein nach kurzer Zeit aufgelöst wird und Benjamin nach sportlichen Alternativen sucht, findet er zurück zum Fussball. «Da waren all meine Freunde», sagt er.

Berufswunsch Polizist

Via Monthey schafft er es doch noch zu Sion, absolviert aber parallel eine KV-Lehre und willigt mit 20 nur ein, einen Profivertrag zu unterschreiben, wenn er die Ausbildung abschliessen darf. «So sehr ich den Fussball liebe: Mir war damals wichtiger, dass ich das Angefangene fertig mache, um für alle Fälle gewappnet zu sein», sagt er. Kololli hält es nicht einmal für ausgeschlossen, dass er irgendwann noch einen Beruf erlernt. Und Polizist wird. Polizist? «Ja, das reizt mich. Ich weiss nicht, ob das Büro etwas für mich ist. Ich muss mich bewegen und draussen sein.»

Video: Kolollis Jubel geht in die Hose

Er schiesst Benjamin Kololli das Tor und dann verschwindet er. (Video: SRF)

Vorderhand aber ist er Berufssportler, einer, der Umwege in Kauf genommen hat, um da zu landen, wo er jetzt ist. In Sitten erlebt er im Mai 2013 beim 0:1 gegen Basel sein Super-League-Debüt, als er für den italienischen Weltmeister Gennaro Gattuso eingewechselt wird. Drei Tage später erzielt er beim 3:1 in Lausanne sein erstes Tor. Aber der Durchbruch lässt auf sich warten. Kololli wechselt zu Le Mont in die Challenge League, zieht weiter nach Biel, ein paar Monate verbringt er bei YB, bevor er in Lausanne unterkommt. Zwei Saisons ist er da, fällt mit flinken Füssen und Toren auf, kann aber den Abstieg nicht verhindern, will weg – und darf weg.

Kololli hat keine zittrigen Knie, wenn er zu einem Elfmeter anläuft wie neulich in Zypern. Er hat genauso wenig Angst, das zu sagen, was er denkt, ob ihm nun der Chef gegenübersteht oder einfach ein Freund. In Lausanne lehnt er sich gegen Trainer Fabio Celestini auf, wenn er nicht nachvollziehen kann, wieso er nicht berücksichtigt wird. Selbstvertrauen hat er genug, um zu betonen, dass es keine sportlichen Argumente sein können.

Die stolzen Landsleute

Seit zwei Jahren ist Kololli Nationalspieler von Kosovo, obwohl er das Land nur von langen Besuchen in den Sommerferien kennt. Stolz ist er trotzdem, die Eltern sind es auch wie viele Kosovaren, die in der Region vor den Toren des Wallis leben.

Die Kolollis haben in der Nähe von Prizren ein Haus gekauft, aber vorderhand bleiben sie in der Schweiz. Und Benjamin? Ist jetzt in Zürich und in einem Alter, in dem er sich langsam beeilen sollte, wenn er sein grosses Ziel erreichen will. Und das heisst: Transfer in eine der grossen Ligen Europas. Am liebsten wäre ihm England, «aber die Premier League», präzisiert er, «ist ein Traum». Es soll nicht heissen, Kololli habe den Bezug zur Realität verloren.

Und doch strahlt er Tatendrang aus, er ist jemand, der sich nicht bremsen lassen will. Das gilt für seinen Weg mit dem FCZ wie auch für den mit der Nationalmannschaft. «Wieso sollen wir es mit Kosovo nicht einmal an ein grosses Turnier schaffen?», fragt er, «wieso nicht an die EM 2020?» Der Start in die Nations League ist mit vier Punkten in zwei Spielen schon einmal gut gelungen.

Kololli mag nicht nur etwas Verrücktes an sich haben, er hat auch etwas Erfrischendes, ohne dass es überheblich wirkt. Magnin sagt noch: «Er ist ein starker Charakter und ein Spieler, der zu zeigen beginnt, was er wirklich kann. Er ist ein furchtloser Typ – und solche Typen habe ich gern.»

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