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Leben mit einem Makel

Raphael Dwamena ist wieder im FCZ-Training. Sein Fall zeigt: Medizincheck ist nicht gleich Medizincheck.

Für Brighton zu wenig gesund: Raphael Dwamena.
Für Brighton zu wenig gesund: Raphael Dwamena.
Georgios Kefalas, Keystone

Zwischen Brighton und Zürich hat es ­etwas Land und einen Ärmelkanal. Wenn es in diesen Tagen aber um das Thema Transfers geht, liegen Welten ­dazwischen – wie beim Wechselversuch von ­Raphael Dwamena zu erleben war: Er scheiterte vor einer Woche am Medizincheck. Gestern wurde diese Distanz noch etwas grösser, teilte der FCZ doch knapp mit, dass Dwamena das Training wieder aufgenommen habe. Der Club habe ihn medizinisch überprüfen lassen und kein Gesundheitsrisiko gefunden.

Es ist die nächste Divergenz in dieser Sache, die mit einem abgelehnten ­Angebot begonnen hatte, dann mit einer ­Einigung. Diese wurde von Brighton ­vorschnell kommuniziert, noch vor dem Medizincheck, also eher unüblich, dann der gescheiterte Medizincheck und die englische Indiskretion, dass es sich beim Problem um Dwamenas Herz handeln solle.

Unprofessionelles Verhalten

In den beiden Welten sprechen sie ­offensichtlich andere Sprachen, und auch in medizinischen Dingen hat man unterschiedliche Meinungen. In Zürich ist man davon noch immer überrascht – und wenn man die Zitate von Ancillo ­Canepa seziert und sich zwischen den Zeilen etwas umsieht, dann ist der FCZ-Präsident auch pikiert. Er sagte, die ­Engländer hätten sich amateurhaft und unprofessionell verhalten.

Das erzürnt die Verantwortlichen in Brighton, auf einen ­Kommentar verzichten sie allerdings. Andy Naylor ist der Chief Sports Writer der ­lokalen ­Zeitung «The Argus» und zeigt sich ­erstaunt über die Vorwürfe aus ­Zürich: «Ich kann dazu sagen, dass Brighton gerade im medizinischen ­Bereich ­extrem genau arbeitet.»

Der Journalist erzählt von einem Fall Anfang Sommer. Brighton wollte den Brasilianer Renato Neto aus Gent verpflichten, man war sich einig, doch der Transfer scheiterte am Veto der ­Mediziner: ein latentes Knieproblem. Vier Wochen später musste sich Neto in Gent einer Knieoperation unterziehen. Andy Naylor wäre daher vorsichtig mit solchen FCZ-Vorwürfen, auch weil diese schnell in der Premier League kursierten.

Der Arzt als Prognostiker

Doch eben, zwei Medizinchecks, zwei unterschiedliche Resultate. Wie geht das? Stefan Sannwald, der Teamarzt von Zürich, möchte zum aktuellen Zeitpunkt keine Auskunft geben. Walter O. Frey ist Clubarzt von GC und erklärt sich bereit, den Ablauf zu erklären, ohne auf den Fall Dwamena einzugehen. Ein Clubarzt arbeitet jeweils mit der Clubleitung aus, was und wie getestet wird. Die Tests ­variieren aus diesem Grund von Verein zu Verein, aber auch von Land zu Land. Die Penibelsten sind: Russland – und eben England. Dort können die Checks über mehrere Tage gehen.

«Der Clubarzt gibt dem Verein lediglich eine Einschätzung ab und beziffert Wahrscheinlichkeiten für mögliche ­Szenarien», sagt Frey. Die Clubverantwortlichen wägen dann ab – und entscheiden.

Ein Beispiel dafür ist Fabian Schär. Sein Knie hat eine Vorgeschichte, die ganze Ordner füllt. Die Kniescheibe ist geteilt, und die Patellasehne schmerzt konstant. Wechselt ein Spieler wie Schär den Club, dann übergibt er dem Mannschaftsarzt eine Mappe mit seiner Verletzungshistorie. Der Club weiss also meist, was er kauft. Will man besonders zynisch sein, dann begutachtet der Arzt millionenteure Handelsware.

Sportarzt entscheidet Transfers

Bei Schärs neuem Club La Coruña hat man sich entschieden, das Knie-Risiko in Kauf zu nehmen. Koste nun ein ­Spieler 15 Millionen Franken und nicht 2 Millionen wie Schär, dann werde die Risikoabschätzung wohl noch ein bisschen detaillierter sein, sagt Frey.

Der Sportarzt hat auch schon bei ­anderen Clubs erlebt, dass seine Meinung das Zünglein an der Waage für einen Transfer war. Trainer und Sportchef waren sich bereits im Voraus nicht einig über den Spieler. Als dann Frey von einem Risiko sprach, wurde der Spieler nicht verpflichtet. Journalist Naylor glaubt aber nicht, dass Brighton mit Dwamena ein falsches Spiel gespielt habe: «Der Club sucht verzweifelt einen Stürmer.» Tatsächlich spielt der Verein momentan nur mit einem Angreifer, die anderen zwei sind verletzt.

Meinung gegen Meinung

Eine Studie aus der Bundesliga zeigt, dass sich Fussballer 2,35-mal pro Jahr verletzen. Jeder Spieler hat also seine Problemzonen. Genau dort gehe der Arzt beim Check in die Tiefe, sagt Frey. Er befragt den Spieler, macht Tests und zieht dann je nach Problem einen Spezialisten hinzu. Genau dies ist auch im Fall Dwamena geschehen. In Brighton wie in Zürich, sowohl im vergangenen Winter als auch jetzt haben die Clubs einen Spezialisten konsultiert.

Leidtragender der ganzen Sache ist neben der FCZ-Clubkasse auch Raphael Dwamena, der wegen des Trainingsrückstands nicht zu Ghanas Nationalmannschaft reisen wird. Er lebt nun mit einem Makel. Einem Makel, der in der Szene bekannt ist.

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