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«Das ist eine harte Landung»

Urs Fischers Premiere in der Bundesliga misslingt, der Zürcher Trainer verliert mit Union Berlin gegen Leipzig 0:4. Bange Frage: Wie viel Steigerung ist möglich?

Nachdenklicher Urs Fischer nach dem 0:4 zuhause gegen Leipzig. Ist die Bundesliga für Union Berlin eine Schuhnummer zu gross – oder das Resultat erst einmal nicht mehr als eine Momentaufnahme?
Nachdenklicher Urs Fischer nach dem 0:4 zuhause gegen Leipzig. Ist die Bundesliga für Union Berlin eine Schuhnummer zu gross – oder das Resultat erst einmal nicht mehr als eine Momentaufnahme?
Keystone
Der Zürcher Trainer gibt Anweisungen an seinen Spieler Grischa Promel. Die Berliner versuchten, gegen Leipzig die Reihen dicht beieinander zu halten, die solide Defensive scheint auch eine Stufe höher das oberste Gebot.
Der Zürcher Trainer gibt Anweisungen an seinen Spieler Grischa Promel. Die Berliner versuchten, gegen Leipzig die Reihen dicht beieinander zu halten, die solide Defensive scheint auch eine Stufe höher das oberste Gebot.
Keystone
Aber gegen den Red-Bull-Club prallten zwei unterschiedliche Gewichtsklassen aufeinander. Die Liepziger Marcel Sabitzer (links) und Marcel Halstenberg bejubeln eines der vier Tore.
Aber gegen den Red-Bull-Club prallten zwei unterschiedliche Gewichtsklassen aufeinander. Die Liepziger Marcel Sabitzer (links) und Marcel Halstenberg bejubeln eines der vier Tore.
Keystone
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Vor jedem Sturm die Ruhe. 15 Minuten dauerte es am Sonntagabend im Stadion an der Alten Försterei in Köpenick, bis alles losbrach. Der Lärm, das Wetter, das Spiel. 15 Minuten lang schwiegen die Fans des FC Union Berlin am Sonntagabend aus «Protest gegen das Konstrukt RB Leipzig», wie man das gemeinhin kommunizierte.

15 Minuten lang tat sich wenig in der ersten Bundesliga-Partie der Berliner mit Urs ­Fischer, ihrem Trainer, der schon viel ­gesehen hat, Champions League mit Basel, Europa League mit dem kleinen Thun, aber eben auch er noch nie: Bundesliga. 15 Minuten lang blieb alles trocken. Dann brüllten sie los, die Berliner, als hätten sie tatsächlich den ganzen Sommer über geschwiegen, seit den tumultartigen Jubelszenen nach den erfolgreichen Aufstiegsspielen gegen Stuttgart.

Manuel Akanji (Dortmund): Eine fixe Grösse in der Innenverteidigung, wenn auch etwas verletzungsanfällig. Seit Februar 2018 in der Bundesliga.
Manuel Akanji (Dortmund): Eine fixe Grösse in der Innenverteidigung, wenn auch etwas verletzungsanfällig. Seit Februar 2018 in der Bundesliga.
TF-Images/Getty Images
Roman Bürki (Dortmund): Unbestrittene Nummer 1 im Tor. Nach Verletzung rechtzeitig zum Start wieder zurück. Seit August 2014 in der Bundesliga.
Roman Bürki (Dortmund): Unbestrittene Nummer 1 im Tor. Nach Verletzung rechtzeitig zum Start wieder zurück. Seit August 2014 in der Bundesliga.
Alexandre Simoes/Getty Images
Steven Zuber (Hoffenheim): Im Cup stand der Rückkehrer in der Startformation. Bleibt es dabei? Seit September 2014 in der Bundesliga.
Steven Zuber (Hoffenheim): Im Cup stand der Rückkehrer in der Startformation. Bleibt es dabei? Seit September 2014 in der Bundesliga.
TF-Images/Getty Images
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Eine gute Minute hielt das Hoch an. Dann traf Halstenberg für Leipzig, vom Himmel fielen dicke Tropfen, noch vor dem Pausenpfiff war es ein Platz-­regen, und nach den Toren von Sabitzer und Werner war klar: Union zahlt in der Bundesliga erst einmal Lehrgeld. «Das ist eine harte Landung», sagte ­Fischer nach dem Spiel, «jetzt müssen wir uns zurechtfinden.»

Unions heikle Balance

Pausenlos geflogen ist dieser 1. FC Union Berlin vor seiner Premiere in der Bundesliga indes nicht. Man hat sich beim Neuling in den rot-weissen Festwochen immer wieder gegenseitig zur Ruhe ermahnt, was nicht einfach war, zwischen dem märchenhaften Aufstieg, dem rauschhaften Fest mit Booten auf der Spree und Testspielen vor 20 000 Zuschauern.

Es gab Transfers, nicht eben wenige, und damit die Befürchtung eines Ausverkaufs, es war durch das Interesse aus dem ganzen Land auch mal hektisch. Mit Trainingsbeginn verkündete die Vereinsführung den neuen Trikotsponsor, ein Immobilienunternehmen aus Luxemburg, das die vielen Berliner Brachen derzeit mit kaum bezahlbaren ­Luxuswohnungen bebaut. Es waren bei Union Wochen, in denen die heikle Balance dieses Vereins zwischen Tradition und Moderne, zwischen Romantik und Realität gestört wurde wie vielleicht noch nie zuvor. In der Stadt wurde die Eigenvermarktung als Aussenseiter unterschiedlich diskutiert, ein Kolumnist des «Tagesspiegels» schrieb von einer «unausstehlichen Verklärung».

Geduld mit den immer gleichen Fragen

Und es waren Wochen, die dem Stoiker Urs Fischer einmal mehr Gelegenheit gaben, seine Beständigkeit zu beweisen. Geduldig ­beantwortete er die immer gleichen Fragen, noch Minuten vor Anpfiff bezeichnete er gestern den Stimmungsboykott als «eine Sache der Fans», die es «zu respektieren» gelte. Ja, der Club sei vielleicht keiner wie jeder andere. Nein, in der Vorbereitung habe er nichts anders gemacht.

Wenig überraschend war dann, wie der 53-jährige Zürcher sein Team spielen liess. Die Berliner hielten die Reihen dicht beieinander, 14-mal waren sie in der vergangenen Saison ohne Gegentor geblieben, und die solide Defensive scheint auch eine Stufe höher das oberste Gebot. Aber gegen Leipzig prallten da schon mal Klassen aufeinander. Nationalstürmer Werner zog an Unions Bülter vorbei, der noch vor 13 Monaten in der Regionalliga gespielt hat.

Eine schwere Spielzeit erwartet

Auf Union kommt eine schwere Spielzeit zu, das wurde gestern überdeutlich. Und doch ist dieser Club mit seinem fast naiven Gerechtigkeitssinn eine Bereicherung für die Bundesliga. Für das Heimspiel in zwei Wochen gegen Borussia Dortmund kauften die Fans ohne Dauerkarte keine ­Tickets, sie kauften Lose für vielleicht ein ­Ticket. Und vor dem Anpfiff gestern waren im ganzen Rund riesige Porträts von verstorbenen Anhängern zu sehen – ein Versuch, den historischen Moment tatsächlich für die Ewigkeit festzuhalten.

Für die irdischen Unioner, für Fischer und seine Fussballer, hat die Bundesliga begonnen. Die Frage bleibt: Ist da noch was drauf, auf dem Lehrgeldkonto?

Union Berlin - RB Leipzig 0:4 (0:3) 22'012 Zuschauer. – Tore:16. Halstenberg 0:1. 31. Sabitzer 0:2. 42. Werner 0:3. 69. Nkunku 0:4. – Bemerkung: Leipzig ohne Mvogo (Ersatz).

Eintracht Frankfurt - Hoffenheim 1:0 (1:0) 50'200 Zuschauer. – Tor: 1. Hinteregger 1:0. – Bemerkungen: Eintracht Frankfurt mit Fernandes (verwarnt), ohne Sow (verletzt). Hoffenheim mit Zuber.

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