Letzte Saison GC, jetzt coacht er Iniesta und Villa

Thorsten Fink, Basler Meistermacher und bei GC auf dem Weg zum Abstieg entlassen, coacht nun Kobe. Er schwärmt von dauersingenden Fans und «tollen Spielern».

Der Ex-GC-Trainer mit seinem Superstar: Thorsten Fink ist nun Trainer von Andres Iniesta. (Bild: Getty Images)

Der Ex-GC-Trainer mit seinem Superstar: Thorsten Fink ist nun Trainer von Andres Iniesta. (Bild: Getty Images)

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Die Melodie der japanischen Sprache ist schön. Wer sie neu lernt, ahnt bald, dass sie eine sehr eigene Tiefe besitzt, und die Silben, aus denen sich ihre Worte formen, kann ein gewöhnlicher Deutschsprecher am Anfang nicht so leicht einfangen. Davon kann jetzt auch Thorsten Fink erzählen, der seit knapp drei Monaten den J-League-Club Vissel Kobe trainiert.

Neulich bei der Medienkonferenz nach der 2:3-Heimniederlage gegen Sapporo hat er den Abschiedsgruss nicht herausgebracht. Andere Worte gehen ihm leichter über die Zunge. Wenn er zum Beispiel über die Stimmung bei seinem neuen Club spricht, sagt er: «Sugoi.» Wahnsinn.

Die Welt ist gross, Fussball gibt es überall, und Fussballtrainer aus Europa gelten gerade in Asien als begehrte Missionare des Spiels. So hat mancher Coach, der in Europa arbeitslos geblieben wäre, in der Ferne eine gute Anstellung gefunden. Auch der 51-jährige Fink – ein Trainer, dessen Berufsleben sich eingependelt hat zwischen Gefeiert- und Gefeuertwerden. Basel, Hamburg, ­Nikosia, Austria Wien, Grasshoppers waren in den vergangenen zehn Jahren seine Stationen, nicht die besten Adressen, aber auch nicht die schlechtesten.

Nach seiner Entlassung im März bei GC, das später abstieg, sah er sich keineswegs unter Druck, nach dem nächstbesten Angebot greifen zu müssen. «Ich hatte ja auch eine gute Karriere als Spieler, sodass ich das jetzt nicht so nötig habe, überall herrumzureisen.» Aber als Vissel Kobe aus Japan anrief, der Club der drei früheren Weltmeister Andrés Iniesta, David Villa (Spanien) und Lukas Podolski (Deutschland), fand er das nicht das nächstbeste Angebot. «Das hat mich interessiert», sagt er.


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Die Katastrophe von 1995

Die Vormittagseinheit im Trainingsgelände von Vissel ist zu Ende, Fink hat Automatenkaffee mitgebracht und wirkt entspannt. Die sportliche Lage könnte besser sein. Die J-League-Saison läuft von Februar bis Dezember, als Fink im Juni kam, lag Kobe auf Platz 13, weit entfernt vom erklärten Ziel, um die Meisterschaft mitzuspielen. Der Spanier Juan Manuel Lillo hatte im April nach achtmonatigem Engagement seinen Vertrag nicht verlängert. Nachfolger Takayuki Yoshida blieb zwei Monate. Nun soll es Fink richten. «Eine neue Ära» hat Vissel ausgerufen bei der Vorstellung. Und Fink sieht seine Chance: «Hier kann ich noch etwas erreichen.»

Kobe erstreckt sich als schmaler Häuserteppich zwischen Bergen und Meer am Südrand der Insel Honshu. 1,5 Millionen Menschen leben dort. Trotzdem wirkt die Stadt im Vergleich zu den dicht bebauten Metropolen Japans beschaulich. Gelassen. Als hätte sie das Schlimmste schon hinter sich – was hoffentlich auch stimmt.

Denn eine Naturkatastrophe hat Kobe geprägt: das schlimme Erdbeben von 1995. Kobe lag damals nur 20 Kilometer vom Epizentrum entfernt und zerbrach binnen 20 Sekunden. 4600 Menschen starben. Heute sieht die Stadt aus wie neu erbaut und zieht Kraft aus der Erinnerung an die gemeinsame Anstrengung.

Und Vissel, nur wenige Monate vor dem Beben aus dem Kawasaki Steel Corporation Mizushima Soccer Club hervorgegangen, will Teil des Mythos sein. Die Vereinshymne erinnert an die Leistung des Wiederaufbaus: «Zusammen verwundet, zusammen aufgestanden». Auf der Website beschwört der Club die Einheit mit Stadt und Menschen. Und der Chef des Ganzen ist ein Sohn Kobes, den die Beharrlichkeit der Leute nach dem Beben inspirierte: Hiroshi Mikitani, 54, Selfmade-Milliardär und E-Commerce-Pionier, gründete 1997 den Online-Händler Rakuten, der mittlerweile zu einem prägenden Sportsponsor geworden ist. Mikitani besitzt ein Baseball-Team in Japan, sponsert den NBA-Club Golden State Warriors und den FC Barcelona – und er ist der allmächtige Eigner von Vissel Kobe.

Vissel wirkt wie ein zweckmässig eingerichtetes Unternehmen, das Mikitani mit ein paar gezielten Investitionen auf moderne Standards getrimmt hat. Das Trainingsgelände liegt am Rande eines fast besenreinen Gewerbegebiets. Drei Plätze, zwei davon mit Hybridrasen. Auf einem der Plätze spielen schweigend zwei versierte Vissel-Jugendteams.

Aber richtiger Fussballerfolg ist hier noch nie produziert worden. Platz 7 war Vissels bestes ­Liga-Ergebnis, die Erwartungen der Leute sind deshalb nicht sehr hoch. Ausserdem ist die Atmosphäre geprägt von diesem japanischen Gemeinsinn, der allen ein gutes Gefühl geben will. Keine donnernden Schlagzeilengewitter. Und die Fans wirken unbeirrbar in ihrer Hingabe zur Mannschaft.

Zuerst die Schwächen finden

Beim Spiel gegen Sapporo ist das 30’000 Zuschauer fassende Stadion voll, und die Fans singen. Fast die kompletten 90 Minuten singen sie. Sie singen nach Kobes Führung. Sie singen nach dem schnellen Ausgleich. Sie singen, als Sapporo durch einen umstrittenen Treffer in Führung geht. Und sie singen in der Schlussphase, als Vissel sich mit mässigem Geschick um den Ausgleich bemüht. Manchmal wirkt es, als würden die Fans gar nicht mitbekommen, was auf dem Feld passiert. Das Stadion liegt unter einer grossen, dröhnenden Wolke aus Freundlichkeit. «Sugoi», findet Fink. Er spürt, dass man hier ohne Druck arbeiten kann. Fussball ohne Nebenkrieg. Wann erlebt man so etwas noch als Trainer?

Fink herzt seinen Superstar: den Weltmeister Andres Iniesta. (Bild: Getty Images)

Drei Weltmeister machen nicht automatisch einen J-League-Meister, das ist klar. Zumal Podolski wegen einer Ohrenentzündung lange nicht gespielt hat. Iniesta war in der ersten Saisonhälfte der begnadete Anführer eines Teams, das weder präzise genug verteidigte noch präzise genug den Ball nach vorne trug. Schwächen zu orten, war Finks erste Pflicht. Dann wurde eingekauft, zum Beispiel der belgische Verteidiger Thomas Vermaelen von Barcelona oder der frühere japanische Nationalspieler Gotoku Sakai vom HSV. «Der Verein hat gut analysiert, wo wir besser werden können, um diese tollen Spieler auch ins Spiel zu bringen», sagt Fink.

Seit den Verstärkungen funktioniert Vissel besser. Das 2:3 gegen Sapporo nach gepflegtem Spiel war eher ein Unfall, ausserdem fehlte Iniesta. Davor: 6:1 gegen Tosu, 3:0 gegen Urawa. Luft im Abstiegskampf. Und Fink will die Kräfte bündeln für den Cup. Diverse Spitzenteams sind draussen, Kobe empfängt nächste Woche Kawasaki zum Achtelfinal. Fink sagt: «Die Chance sollte man ergreifen.»


Video: Fink bei seiner Präsentation als GC-Trainer

Da war noch einiges anders. Thorsten Fink über den Abstiegskampf der Super League. (Video: SDA)


Podolskis gute Laune

Fink und die grossen Namen. Er selbst war einst ein Mittelfeldarbeiter, der bei Bayern München auf höchster europäischer Ebene gespielt hat. Aber ein Iniesta war er nicht. Wie coacht man so einen? «Ich sage zu ihm, das ist mein System, so wollen wir spielen, und in dem Bereich kannst du dich bewegen.» Iniesta ist nicht Finks Problem. Er hat ein anderes: Er darf bei jedem Spiel nur fünf Ausländer im Kader haben, gerade Villa steht deshalb bisweilen auf der Kippe. Und wenn Podolski zurückkommt, der laut Fink mit Engagement und guter Laune trainiert?

«Das ist mein Hauptproblem: Wen lässt du draussen?» Luxus. Lösbar. Und vielleicht entfaltet das teure Team ja wirklich eine Kraft, mit der ein Titel drin ist. Es wäre Vissels erster. Und für Fink ein Signal an die Branche daheim in Europa. «Wenn man hier gute Arbeit macht, kann man meiner Meinung nach überallhin.»

Diese Ferne gefällt ihm. «Ja», sagt Fink, «Japan. Spannendes Land für mich.»


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

Die Sendung ist zu hören auf Spotify, bei Apple Podcasts oder direkt hier:

Erstellt: 12.09.2019, 07:01 Uhr

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