Letztes Rendezvous mit der späten Liebe

Fabian Cancellara tritt noch einmal zur Flandernrundfahrt an, dem Rennen, das er erst im fortgeschrittenen Sportleralter entdeckt hat.

Den vierten Sieg und den alleinigen Rekord in Flandern im Visier: Fabian Cancellara.

Den vierten Sieg und den alleinigen Rekord in Flandern im Visier: Fabian Cancellara. Bild: Keystone

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Sie kennen sich mittlerweile so gut, dass es heute Morgen auf dem Grote Markt zu Brügge ein umso emotionaleres Wiedersehen wird: jenes zwischen Fabian Cancellara und der Flandernrundfahrt. Auf diesem Platz mit mittelalterlicher Kulisse versammeln sich an diesem Sonntag die Massen. Sie kommen her, um zuzuschauen, wie 200 Radprofis zu einem Velorennen starten. Verrückt, ja, aber es zeigt die Passion, welche die Region Flandern dem Radsport entgegenbringt. Wer hier zu den Stärksten gehört, den behandeln sie hier wie einen König – zumal der eigene ja ein Wallone ist und von französischer Muttersprache. Fabian Cancellara etwa, der fast schon adoptierte Schweizer.

Der 35-Jährige tritt ja quasi als zweiter Titelverteidiger neben Vorjahressieger Alexander Kristoff an. Damals musste der Sieger von 2013 und 14 verletzt passen, mit gebrochenen Rückenwirbeln nach einem Massensturz gut eine Woche zuvor. Dasselbe Rennen, der GP E3 Harelbeke, bringt Cancellara auch dieses Jahr kein Glück. Er erleidet am Karfreitag einen Schaltungsdefekt, muss die Spitzengruppe kampflos ziehen lassen. Er steht am Strassenrand und wartet, wartet, wartet. Die Fotos von jenem langen Moment wirken im Nachhinein geradezu surreal, als hätte er absichtlich für die Fotografen posiert. 2 Minuten und 10 Sekunden steht er da, sein Sportlicher Leiter Dirk Demol stoppt am gleichen Abend die Zeit, als er sich die Aufzeichnung des Rennens noch einmal anschaut. 130 Sekunden, vorne fahren die Konkurrenten zu. Statt sich das Ersatzvelo zu schnappen, könnte er genau so gut absteigen, «Hotel einfach» befehlen.

Aber sein Plan sieht anders aus. Er soll an diesem Freitag, zehn Tage vor dem grossen Tag, seinen Körper fordern, bis zum Äussersten, auf dass dieser sich auf die ganz grosse Aufgabe, die an der Flandernrundfahrt folgen wird, vorbereitet. «Sonst wäre es ein verlorener Tag gewesen», sagt Cancellara, der sich so neu motiviert: «Ich fahre jetzt einfach voll. Egal, wo im Rennen du bist, hart ist es sowieso.» Er überholt Fahrer um Fahrer, immer wieder trifft er auf Teamkollegen, die einen Moment lang für ihn Tempo machen. Und irgendwann, nach einer fast einstündigen Jagd, ist er wieder da angelangt, wo alles seinen Lauf genommen hat: in der Spitzengruppe. «Unglaublich», sagt Demol auch eine Woche später noch, schüttelt den Kopf.

Die ganze Aufgeregtheit von früher: einfach weg, am deutlichsten bei ihm

Zwei Tage später startet der Berner bei Gent–Wevelgem, als teaminterne Wildcard, ohne grosse Ambitionen – nur um dann doch wieder um den Sieg mitzufahren. «Unglaublich», sagt Demol erneut.

Es sind diese Momente, die ihn so zuversichtlich erscheinen lassen, das ganze Team Trek-Segafredo. Es herrscht im Teamhotel an Brügges Peripherie nicht diese Aufgeregtheit, wie man sie aus der Vergangenheit kennt. Bei niemandem ist das deutlicher spürbar als bei Cancellara selber. Für einmal ist er in der Pressekonferenz ganz bei sich, nimmt seine Umgebung wahr, gibt sich entspannt.

Früher gab er sich in solchen Momenten bedeckt. Nun sagt er: «Ich möchte nicht in der Haut der anderen Teams und Fahrer stecken. Die wissen genau, wie gut ich bin.» Er geht an den Start, um dieses Rennen ein letztes Mal zu gewinnen, es geht ihm, der einen starken Sinn für Pathos hat, nicht um den Sieg, «sondern um die Geschichte». Die beiden Begriffe stehen im direkten Zusammenhang, aber er mag das grosse Wort.

Dass er einst über die Flandernrundfahrt derart bedeutungsschwer referieren würde, frühe Anzeichen gab es nicht dafür. Viele Jahre ist er einer unter vielen, wird 73., 41., 62., ehe er 2005 mit 24 in die Top 10 fährt, Rang 6. Doch der Sieger ist da lange schon im Ziel, es ist für ihn kein Aha-Erlebnis wie in Roubaix, wo er schon im Jahr zuvor um den Sieg mitgespurtet ist. In den Jahren darauf wird Cancellara 53. und 23., zurück im alten Trott. Mager für einen, der da schon zwei Radmonumente gewonnen hatte, in Roubaix 2006, in Sanremo 2008.

2009 dann rechnet er sich auch in Flandern erstmals etwas aus. Tatsächlich gelingt ihm ein Auftritt, der in Erinnerung bleibt. Allerdings nicht so, wie er sich das gewünscht hat. Am Koppenberg, dieser Waldschneise, die quasi senkrecht einen der steilsten Hügel der Region hochführt, taucht er oben nicht mehr mit den Vordersten auf. Dafür erscheint einige Momente später ein Fahrer mit geschultertem Fahrrad, die gerissene Kette wie eine Trophäe um den Hals gehängt: Cancellara. «Demoralisierend» nennt er damals das Malheur. Vielleicht findet er in jenem Moment jedoch die Demut, die die Flandernrundfahrt erfordert. Ein Jahr später jedenfalls wird er vom Mitfahrer zum Akteur, fährt auch Dreifachsieger Tom Boonen davon, es wird eine fast schon kitschige Zieleinfahrt, im Trikot des Schweizer Meisters, in der Hand die rot-weisse Fahne.

Und nun ein Finale wie aus einem Schundroman

Doch die plötzliche aufgeflammte Liebe zwischen Cancellara und «Vlaanderens Mooiste», also Flanderns Schönster, sie ist so feurig wie kompliziert. Paartherapeuten würde wohl von einer On/off-Beziehung sprechen.

2011: Vor lauter Überlegenheit glaubt er, seine starken Beine alleine würden es richten. Aber die gesamte Konkurrenz fährt konsequent gegen ihn, er wird Dritter.

2012: Als Topfavorit kommt er in der Verpflegungszone wegen eines umherrollenden Bidons zu Fall – Schlüsselbeinbruch.

2013: In einem Ausscheidungsrennen eliminiert er mit seinen Tempoverschärfungen einen Konkurrenten um den anderen, am letzten Hindernis, dem Koppenberg, auch Peter Sagan.

2014: Pure Kraft reicht nicht mehr. Cancellara pokert im Finale mit drei belgische Konkurrenten hoch, gewinnt dann den Sprint umso souveräner.

2015: Kein Start nach Sturz und Knochenbrüchen am GP E3.

2016: Topform, Topfavorit.

«Es war eine späte Liebe, aber eine intensive», sagt er. Der Satz könnte auch in einem Schundroman stehen. Solche Geschichten gehen selten schlecht aus.

Erstellt: 03.04.2016, 09:37 Uhr

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