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Lieber 2. Bundesliga als Champions League

Jonas Hector wird dem 1. FC Köln auch im Fall eines Abstiegs die Treue halten. Riskiert er damit seine Karriere in der Nationalmannschaft?

Jonas Hector bleibt auch beim möglichen Abstieg vom 1. FC Köln beim Club. Andere Angebote hatte er genug. (Quelle: Tamedia/SID)

Es geht immer schneller in der Fussballwelt. Dort wo Profis früher ihre ganze Karriere bei einem Verein verbrachten und so zu Legenden reiften, haben Spieler heutzutage das gefühlte Haltbarkeitsdatum von einem Becher Joghurt im Kühlschrank. Aber es gibt sie noch, die treuen Seelen in einem von Geld regierten Geschäft. Die Paolo Maldinis, die Paul Scholes, die Francesco Tottis oder die Carles Puyols.

Jonas Hector macht sich in diesen Tagen auf, Teil dieser Liste zu werden. Hector ist deutscher Nationalspieler, wird höchstwahrscheinlich in Jogi Löws WM-Kader stehen, und er wird – sollte nicht noch ein Wunder geschehen – mit dem 1. FC Köln in die 2. Bundesliga absteigen. Der Linksverteidiger hat seinen Vertrag mit dem Traditionsverein gestern bis 2023 verlängert.

Bayern und Dortmund abgelehnt

Es ist nicht so, dass Köln Hectors letzter Ausweg wäre. Er ist mit 27 Jahren im besten Alter. Viele Bundesliga-Vereine würden einen wie Hector mit Handkuss bei sich aufnehmen, sogar die Bayern und Dortmund sollen an ihm interessiert gewesen sein, er hätte in der Champions League spielen können. Davon will der 36-fache Nationalspieler nichts wissen. «Es wäre problemlos möglich gewesen, nach dieser Saison zu einem anderen Verein zu wechseln, aber für mich fühlte sich das nicht richtig an», sagt Hector.

Der im Saarland nahe der französischen Grenze aufgewachsene Hector wechselte 2010 vom SV Auersmacher zur zweiten Mannschaft des 1. FC Köln. 2012 folgte die erstmalige Berufung in die A-Mannschaft und nur zwei Jahre später, kurz nach dem deutschen Weltmeistertitel, jene zur Nationalmannschaft. Bisheriger Höhepunkt: Im Viertelfinal der Europameisterschaft 2016 verwandelte er in einem denkwürdigen Penaltyschiessen den entscheidenden Elfmeter gegen Italien.

Dass Hector seinem Verein unbedingt die Treue halten will, war noch vor zehn Tagen nicht abzusehen. Nach der 1:2-Niederlage in Berlin stellte sich der stellvertretende Captain der Kölner den Fans in der Kurve. Es kam zu üblen Beschimpfungen, «Worten, die man nicht so gern hört», wie es Teamkollege Leonardo Bittencourt nannte. Hector versuchte, die Anhänger zu beruhigen, und warf sein Trikot in die Menge. Es flog umgehend zurück, Hector hatte Tränen in den Augen.

In Zeiten der Kölner Tristesse eine positive Meldung: Jonas Hector verlängert seinen Vertrag beim 1. FC Köln. Das heisst, er wird seinen Verein wohl in die 2. Bundesliga begleiten.
In Zeiten der Kölner Tristesse eine positive Meldung: Jonas Hector verlängert seinen Vertrag beim 1. FC Köln. Das heisst, er wird seinen Verein wohl in die 2. Bundesliga begleiten.
Rolf Vennenbernd, Keystone
Der Nationalspieler und stellvertretende Captain der Kölner verzichtet dafür auf viel Geld und die Champions League. Gemäss deutschen Medien hatte er Angebote von Borussia Dortmund und Bayern München vorliegen.
Der Nationalspieler und stellvertretende Captain der Kölner verzichtet dafür auf viel Geld und die Champions League. Gemäss deutschen Medien hatte er Angebote von Borussia Dortmund und Bayern München vorliegen.
Marius Becker, Keystone
Hector wird wohl zum WM-Kader von Jogi Löw gehören. Ob der deutsche Nationaltrainer ihn aber auch aufbieten wird, wenn er nur noch in der 2. Bundesliga spielt?
Hector wird wohl zum WM-Kader von Jogi Löw gehören. Ob der deutsche Nationaltrainer ihn aber auch aufbieten wird, wenn er nur noch in der 2. Bundesliga spielt?
Antonio Calanni, Keystone
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Der Glaube ist zurück

Hectors Entscheidung, dem Verein aus der Karnevalshochburg die Treue zu halten, sorgt durchwegs für positive Reaktionen. «Dieser Mann bringt uns den Glauben an den Fussball zurück», schreibt etwa die Welt. Der deutsche Sportkommentator Frank Buschmann hält auf Facebook eine regelrechte Lobrede auf Hector. Es wird in Fankreisen aber auch gemunkelt, dass Hectors Vertrag nur darum verlängert wurde, um ihn nach der katastrophalen Saison möglichst gewinnbringend zu verkaufen.

Starke Konkurrenz

Gut möglich aber auch, dass Hector für Köln seine Zukunft in der Nationalmannschaft aufs Spiel setzt. Gute Linksverteidiger mit deutschem Pass waren in den letzten Jahren stets rar. Hectors einziger und grösster Konkurrent im Nationalteam war der Dortmunder Marcel Schmelzer. Ob das so bleibt, wenn Hector in der 2. Bundesliga spielt, ist fraglich. Denn just in dieser Saison hat Jogi Löw fast schon ein Überangebot an linken Verteidigern.

Neben Hector und Schmelzer spielt beispielsweise Hoffenheims Nico Schulz seit Wochen stark auf. Philipp Max von Augsburg hat bereits stolze 13 Tore vorbereitet, und Herthas Marvin Plattenhardt gilt als einer der besten Freistossschützen und Flankengeber der Liga, eigentlich ideal für Stürmer wie Thomas Müller, Mario Gomez oder Sandro Wagner.

Auch das jedoch scheint den Kölner nicht zu beeindrucken. Es ist ihm wichtiger, mit seinem Herzensverein in die zweite Liga zu gehen. Er wäre damit auch nicht allein. Man erinnere sich an Spieler wie Gianluigi Buffon, Pavel Nedved oder Alessandro Del Piero, die 2006 allesamt den Gang in die italienische Serie B antraten, als Juventus Turin im Zuge des Manipulationsskandals zwangsrelegiert wurde. Dass Juve damals jedoch den sofortigen Wiederaufstieg problemlos schaffen würde, war absehbar. Nicht so beim 1. FC Köln.

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