Lieber Ton im Fernsehen

Sind das noch Fussballreporter, oder haben sie sich in eine Kochsendung verirrt? «Die Sache ist noch nicht gegessen, aber den Braten haben sie gerochen.»

Der Kolumnist wünscht sich bei Fussballübertragungen am Fernseher weniger Ohr-Schädigungen durch die Kommentatoren. <i>(Bild: Fredy Wettstein)</i>

Der Kolumnist wünscht sich bei Fussballübertragungen am Fernseher weniger Ohr-Schädigungen durch die Kommentatoren. (Bild: Fredy Wettstein)

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Ich weiss, es gibt den Schalter oder den Knopf, irgendeine Stelle an der Fernbedienung, bei der man dich abschalten kann. Dann ist es ruhig. Nur noch das Bild. Aber Fussball wie ein Stummfilm? Ohne Geräusche und Gesänge und Pfiffe aus dem Stadion, ohne vielleicht mal gar ein Wort eines Trainers oder eines Spielers, auch wenn die immer öfter ihre Hand vor den Mund halten, damit ja nicht irgendwo ein Lippenleser trotzdem etwas erfahren kann (reden sie über den nächsten Spielzug, das nächste Date, das neue Auto, den nächsten Besuch des Hauscoiffeurs?) – nein, zu einem Fussballspiel gehört die Ambiance. In den grossen Stadien der Welt und auch auf dem kleinen Dorfplatz, wenn vielleicht nur sieben oder acht Zuschauer draussen ihre Bemerkungen machen, nicht immer jugendfrei.

Und zu Hause, vor dem Bildschirm, will ich davon etwas mitbekommen. Aber muss ich mir die Kommentare wirklich anhören? (Mich dünkt, es wird immer unerträglicher.) Sind das noch Fussballreporter auf den verschiedenen Sendern oder haben sie sich in eine Kochsendung verirrt?

«Der Gruss aus der Küche», wenn Cristiano Ronaldo in den ersten Minuten schiesst, noch weit über das Tor.

«Es brodelt in der Gerüchte-küche», wenn es um irgendeinen Trainer geht oder Spieler, der vielleicht kommen oder bald weggehen soll.

«Die Sache ist noch nicht gegessen», Alternative: «gelöffelt», aber immerhin: «Sie haben den Braten gerochen», auch wenn es «rustikale Kost ist und nichts für Feinschmecker», den sie uns da auf dem Rasen (der manchmal «ein schweres Geläuf» ist) bieten.

«Das Sahnehäubchen», das kommt meistens am Schluss, «es stösst auf fruchtbaren Boden», dank «einem Talent, das die Zukunft noch vor sich hat», obwohl damit «noch kein Blumentopf gewonnen ist». Es sei «erst die halbe Miete».

Vielleicht, lieber Ton, sollte ich es wie Paul Breitner machen. Die Legende des FC Bayern, eine von mehreren und auch eine, die immer wieder auf besondere Art provozierte, sagte kürzlich in einem bemerkenswerten Interview mit der NZZ: Er schalte bei einem Fussballspiel am TV immer den Ton aus, und er überlege sich vorher, ob er dazu nun Musik von Beethoven, Mozart oder den Queens auflegen soll.

Sehr gute Idee. Nur eines ja nicht, bitte: Freddie Mercurys Song «We Are the Champions, My Friends».

Im Namen von vielen Ohr-Geschädigten vor dem Fernseher.

Erstellt: 19.03.2019, 11:24 Uhr

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