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«Die Leute nannten mich Rasenmäher»

Michael Frey vom FC Zürich ist ein seltener Spieler in der Super League – einer mit Ecken, Kanten, viel Herz und Sprüchen.

Vollen Einsatz für den FCZ: Michael Frey in der Allmend Brunau.
Vollen Einsatz für den FCZ: Michael Frey in der Allmend Brunau.
Sebastian Magnani (Ex-Press)

Wer ist derzeit der beste ­Stürmer der Welt?

Cristiano Ronaldo, eigentlich.

Eigentlich?

Er erzielt sehr viele Tore, und das seit Jahren. Darum muss ich sagen, dass er der Beste ist. Aber mir persönlich gefallen andere besser, Diego Costa, Cavani, Suárez – ­dieser Typ Stürmer.

Warum?

Weil sie auch defensiv arbeiten, für das Team fighten und trotzdem im Abschluss erfolgreich sind. Ronaldo macht zwar oft mit seinen ­Toren den Unterschied aus. Ich glaube aber, dass elf Cavanis gegen elf ­Ronaldos gewinnen würden.

Sie sagten einmal, dass Sie einer der besten Stürmer der Welt werden möchten...

. . . das sagte ich vor anderthalb ­Jahren.

Und? Bereuen Sie es?

Nein, nein, ich muss doch Ziele haben. Dafür trainiere ich jeden Tag. Wie weit es reicht, sehen wir dann. Zunächst möchte ich mich als einer der besten Schweizer Stürmer etablieren. 30 Tore bis jetzt, mit erst 23 – das ist nicht so schlecht.

Was fehlt Ihnen noch, um die nächste Stufe zu erreichen?

Die Effizienz. Ich komme zwar zu Chancen wie zuletzt gegen GC. Aber ich muss sie nutzen. Dann wird mir eine Saison mit 15 bis 20 Toren gelingen. Trotzdem will ich nicht klagen. Ich kenne meine Qualitäten und arbeite hart an ­meinen Schwächen.

Ist eine Aussage, Sie möchten eines Tages zu den Weltbesten zählen, typisch für Sie?

Im Grunde schon, ja. Meistens kommen solche Sätze aus meinem tiefsten Inneren. Ich bin als Kind schon so gewesen: Ich sagte, was ich dachte.

Wenn Sie nun als Fussballer das Bedürfnis haben, etwas zu sagen, tun Sie das dann immer?

Man lebt doch besser, wenn man ausdrückt, was man gerade fühlt oder denkt, statt es in sich hineinzufressen.

Haben Sie noch nie gedacht: Ouh, das hätte ich gescheiter nicht gesagt?

Doch, natürlich. Vielleicht wäre es im einen oder anderen Fall wirklich klüger gewesen zu schweigen. Andererseits stehe ich zu all ­meinen Äusserungen.

«Etwas Gutes hatte es für den Metzger: Es war für ihn Werbung.»

Auf welche Aussage würden Sie heute verzichten?

Das ist Vergangenheit.

Was ist mit Ihrer Kritik am Arzt, der Sie in Lille am Knöchel operierte? Danach sagten Sie, der Dorfmetzger von Münsingen hätte das genauso gut machen können.

Zum Beispiel, ja. Aber das ist vorbei. Und im Nachhinein weiss ich: Es wäre besser gewesen, das so nicht zu sagen. Etwas Gutes hatte es für den Metzger: Es war für ihn Werbung. Zum Dank schenkte er mir ein Schoggistängeli. (lacht)

Wie schmerzhaft ist es, zu hören, Sie seien bei Lille ­gescheitert?

Das heisst es, ich weiss schon. Ich schaue es anders an: Ich hatte im ersten Halbjahr 21 Einsätze und schoss 3 Tore. Dann kam der ­Trainerwechsel, und dann habe ich den Knöchel gebrochen . . .

Also stört Sie der Stempel nicht?

Die Leute bilden sich ihre Meinung. Ich weiss, es lag nicht an meinen fussballerischen Qualitäten, sondern an den Umständen. Ich hatte mit dieser Verletzung und dem langwierigen Heilungsverlauf auch Pech. Vielleicht war es ein mentales Problem, dass es zu ­dieser Fraktur kam.

Wie meinen Sie das?

Zu vielen Verletzungen kommt es, wenn ein Spieler im entscheidenden Moment im Kopf nicht hundertprozentig bei der Sache ist. Ich verletzte mich ohne gegnerische Einwirkung, weil ich vermutlich nicht restlos fokussiert war. Das hat nichts mit der Ligue 1 zu tun, nichts damit, dass ich nicht bereit war dafür.

Würden Sie wieder nach Frankreich wechseln?

Einfach waren die ersten zwei, drei Monate auf keinen Fall. Vom einen Tag auf den anderen zog ich aus dem Kinderzimmer aus und in eine eigene Wohnung. Ich tauchte in eine völlig neue Welt ein: fremde Sprache, fremdes Land, fremde Leute, fremder Fussball. Es war ein Kulturschock. Aber ich kämpfte mich durch und gab den Glauben an mich selber nie auf. Es zeigte mir, wozu ich fähig bin. Wenn ich zurückschaue, macht mich das auch stolz.

Etwas Gutes hatte es doch auch, selbstständig zu leben: Sie lernten, einen Haushalt zu führen. Staubsaugen…

...ja, tatsächlich … Aber auch da kann ich noch an mir arbeiten. Was die Ordnung angeht oder das ­Kochen.

Und Französisch lernten Sie, obwohl Sie die Sprache nicht besonders liebten.

Mich ärgerte es anfänglich sehr, dass ich kein Wort verstand und die Leute in Frankreich so schnell redeten. Aber ich lernte die Sprache, das kommt mir nun zugute.

Intensivierten Sie in Frankreich auch das Malen und Zeichnen?

Ich habe das schon immer mit ­Leidenschaft getan. Als Schüler zeichnete ich im Unterricht ständig.

Ja?

Auch während anderer Lektionen.

Was gibt Ihnen das Zeichnen?

Ich habe mit dem Bleistift am meisten Talent. Damit kann ich auf dem Papier Gefühle ausdrücken, die sich für mich nicht so leicht in ­Worte fassen lassen. Oft überlege ich nicht gross, sondern setze mich an den Tisch und fange an.

Aber öffentlich gemacht haben Sie Ihre Werke bislang kaum.

Das ist auch nicht nötig. Ich bin derzeit Fussballer. Das andere kann ich nach meiner Fussball­karriere immer noch machen. Beim Zeichnen und Malen kann ich entspannen. Es hat etwas Meditatives für mich.

Im Fussball ist das anders, da sind Sie nicht gerade meditativ unterwegs.

Aber es gibt auch Gemeinsam­keiten. Ich studiere nicht gross, sondern mache einfach, was mir gerade so einfällt. Ich spiele, wie ich es für richtig halte, und ver­lasse mich auf meine Intuition. Beim verschossenen Penalty gegen GC lag ich leider falsch.

«Als Knirps nannten mich die Leute in Münsingen ‹Rasenmäherli›, weil ich auf dem ganzen Feld herumrannte.»

Was hat eine Mannschaft, die Michael Frey in ihren Reihen hat?

Einen Spieler, der alles unternimmt für den Sieg. Der stets probiert, gute Stimmung zu verbreiten. Der natürlich Tore schiessen will. Und der keinen einzigen Ball verloren gibt.

Hatten Sie schon damals als Knirps die Energie, jedem Ball nachzujagen?

Damals riefen mich die Leute in Münsingen «Rasenmäherli», weil ich auf dem ganzen Feld herumrannte. Ich war pausenlos am ­Rennen, ich hatte auch die Kraft dafür. Ich stand praktisch nie still. Herumsitzen habe ich sowieso nie gemocht.

Wenn wir beim Bild bleiben: Ein Rasenmäher sind Sie in dem Fall heute noch…

...ja …

...und Sie haben auch Luft, um während eines Spiels viel zu kommentieren.

Ich habe sehr viel Energie, das ist so.

Sind Sie mit Ihrer extrovertierten Art eine seltene Figur auf Schweizer Fussballplätzen?

Vielleicht. Aber das ergibt sich einfach. Ich mache niemandem etwas vor, sondern will das tun, was mir ein Leben ermöglicht, mit dem ich zufrieden bin. So, wie das jetzt der Fall ist.

Sind Extrovertierte im Fussball nicht mehr erwünscht?

Das weiss ich nicht. Ich glaube schon, dass man noch so sein darf. Aber man muss auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.

Welche Konsequenzen?

Zum Beispiel, dass man auf der Strasse von irgendwelchen Leuten irgendetwas zu hören bekommt. Wer in der Öffentlichkeit steht, muss damit leben. Ich bin offenbar einer, der nicht alle kalt lässt.

Wie schwierig war es für Sie, YB zu verlassen?

YB war für mich immer eine ­Herzensangelegenheit. Als ich den Club das erste Mal verliess (2014), wurde mir das von einigen Leuten übel genommen. Dabei dachte ich damals, dass ich diese Chance unbedingt wahrnehmen wollte: Lille, ein Riesenclub, ein Stadion mit 50 000 Plätzen, ein tolles Trainingsgelände … Mit meiner Rückkehr zu YB (2016) wollte ich ­meinen Abgang nach Frankreich etwas gutmachen. Ich investierte letzte Saison alles, was ich konnte, nur: Es war nicht mehr das Gleiche wie bei meiner ersten Zeit in Bern. Ich erreichte nicht mehr das, was ich mir vorgestellt hatte.

War für Sie nicht das grösste Problem, hinter Guillaume Hoarau festzustecken?

Hoarau fiel länger verletzt aus. Und ich wurde als derjenige angeschaut, der ihn ersetzen sollte. Die Leute sahen mich spielen, dachten aber immer an Hoarau. Das war nicht einfach.

Unser Fotograf lobte Sie ­während der Aufnahmen als sehr kooperativ – bis auf eine Ausnahme: Sie setzten sich nicht gerne auf die Bank.

Ganz einfach: Ich hasse es zutiefst, mich dorthin zu setzen. Weil man mir etwas wegnimmt – das Spiel. Natürlich gebe ich alles, um der Mannschaft zu helfen, wenn ich eingewechselt werde, aber klar: Ich will von Anfang an spielen.

«Die Rückkehr in die Nationalmannschaft ist sicher ein Ziel.»

Was kann Sie auf dem weiteren Weg bremsen?

Ich habe alles selbst in der Hand. Sofern ich gesund bleibe.

Sie haben beim FCZ einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Existiert ein Karriereplan?

Ich lebe nur in der Gegenwart und denke nicht über das nächste Spiel hinaus. Ich möchte mich jetzt hier in Zürich durchsetzen. Wohin der Weg führt, werden wir sehen. ­Vieles lässt sich nicht steuern.

Wie weit sind Sie von der Nationalmannschaft entfernt?

Positiv stimmt mich, dass ich schon einmal im Kader stand (im Oktober 2014). Wenn ich es einmal ­geschafft habe, kann es auch ein zweites Mal gelingen. Natürlich kommt noch viel Arbeit auf mich zu, und ich brauche auch Glück. Die Rückkehr in die Nationalmannschaft ist sicher ein Ziel.

Schon mit Blick auf die WM 2018 in Russland?

Es wäre ein Traum, dabei zu sein.

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