«Man sieht die Handschrift Petkovics»

Vor zwei Wochen beendete YB-Captain Steve von Bergen seine Karriere. Vom Nationalteam ist der Neuenburger überzeugt.

In neuer Rolle: TV-Co-Kommentator Steve von Bergen im Estádio do Dragão in Porto. Foto: Reto Oeschger

In neuer Rolle: TV-Co-Kommentator Steve von Bergen im Estádio do Dragão in Porto. Foto: Reto Oeschger

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Steve von Bergen, als Fussballer nicht immer gleicher Meinung wie die Journalisten, ist jetzt Journalist. An der Nations League ist er als Co-Kommentator beim welschen Fernsehen dabei, sein Einstand beim 1:3 der Schweizer gegen Portugal am Mittwoch verlief zufriedenstellend. «Zumindest erhielt ich keine negativen Reaktionen», sagt von Bergen. Es ist erst zwei Wochen her, dass er seine erfolgreiche Karriere beendete. Mit seinem ersten Tor für YB in der letzten Viertelstunde von 13557 Super-League-Minuten zum 4:0 gegen Luzern kurz vor Übergabe des Meisterpokals im ausverkauften Stade de Suisse – den Captain von Bergen in Empfang nahm. Es war ein emotionaler Abschied für den vierfachen Meister (zweimal mit dem FCZ, zweimal mit YB).

Die Aufgabe als Co-Kommentator sei speziell, sagt er, weil er mit 80 Prozent der Nationalspieler zusammengespielt habe. Niveaumässig wäre der Neuenburger noch immer nicht weit von der Auswahl entfernt. «Nein, nein, das ist eine andere Welt», sagt von Bergen, der am Montag 36 wird und in Zukunft bei YB in einer noch zu definierenden Funktion arbeiten wird.

Geniessen Sie den Ruhestand?
Wenn ich aufwache, denke ich immer noch wie ein Profi und überlege, wann das nächste Training ist. Am Abend finde ich, es sei Zeit, ins Bett zu gehen. Aber es ist vorbei, nach fast 20 Jahren als Profi ist das gar nicht so einfach zu verstehen. Ich glaube, das dauert einige Monate.

Wie beurteilen Sie den Schweizer Auftritt im Nations-League-Halbfinal gegen Portugal?
Es war eine gute bis sehr gute Leistung. Klar, die Schweiz hat 1:3 verloren, doch mir hat gefallen, wie sie aufgetreten ist. Sie hat das Spiel in der Hand gehabt, einen Rückstand aufgeholt, mutig gespielt, war aber nicht effizient. Portugal schoss nur dreimal aufs Tor, die Schüsse waren halt von Cristiano Ronaldo, das muss man akzeptieren.

«Stephan Lichtsteiner ist sehr erfahren, er weiss am besten, wie viel er dem Nationalteam noch geben kann.»

Die Innenverteidiger leisteten sich zwei, drei Fehler zu viel.
Fabian Schär fand ich solid, vielleicht war er zweimal zu ungestüm, aber es geht so schnell. Und Manuel Akanji war stark und passsicher wie immer, abgesehen vom frühen Fehlpass.

Beim 2:1 und 3:1 patzte er.
Mein Gott, beim zweiten Tor Portugals wäre auch Virgil van Dijk, der beste Verteidiger der Welt, zu spät gekommen. Man muss auch mal anerkennen, wenn ein Tor richtig stark herausgespielt und fast nicht zu verhindern ist. Und vor dem 3:1 unterläuft Granit Xhaka an der Mittellinie ein Fehler, die Portugiesen kontern, Akanji ist nicht der Erste und nicht der Letzte, der in so einer Situation gegen den besten Spieler der Welt Probleme bekommt.

Was fehlt der Schweiz, um einen grossen Sieg zu feiern?
Hätte die Schweiz gegen Belgien beim 5:2 nicht einen grossen Sieg gefeiert, wäre sie nicht am Final Four. Und wir müssen realistisch bleiben, wir sind nicht Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien. Die Niederlagen an der EM gegen Polen und WM gegen Schweden in den Achtelfinals waren enttäuschend, weil die Schweiz besser ist als diese Nationen. Sie ist auf einem sehr guten Weg, es rücken weitere talentierte Jungs nach, die besten Spieler sind noch lange nicht 30 Jahre alt. Diese Generation kann Grosses erreichen. An einem Turnier ist aber auch die Auslosung entscheidend.

«Früher warteten wir in Partien wie gegen Portugal ab. Heute wollen die Schweizer ihr Spiel durchziehen.»

Wie hat sich das Nationalteam entwickelt, seit Sie 2016 aus der Auswahl zurückgetreten sind?
Oh, das ist ein riesengrosser Unterschied. Die Schweiz ist heute spielerisch viel stärker, sie sucht immer eine konstruktive Lösung, kombiniert sicher, da ist enorm viel Qualität vorhanden. Leistungsträger wie Xhaka und Xherdan Shaqiri sind weiter. Es ist schön zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit das Team agiert. Früher warteten wir in Partien wie gegen Portugal ab, was der Gegner macht. Heute spürt man: Die Schweizer wollen ihr Spiel immer durchziehen.

Wie war Ihr Verhältnis zu Trainer Vladimir Petkovic?
Ich bestritt unter ihm nur 5, 6 Länderspiele, er setzte an der Euro 2016 auf Schär und Johan Djourou. Ich war 10 Jahre dabei, machte 50 Länderspiele, und das war der Zeitpunkt, um mit 33 den Rücktritt zu geben. Ich hatte Familie, konzentrierte mich auf YB, war froh um Länderspielpausen.

Stephan Lichtsteiner ist wie Sie 35 und tut sich schwer mit dem Rücktritt aus der Auswahl. Wie schwierig ist es, aufzuhören?
Das ist total individuell. Es geht darum, wie gut du dich fühlst. Ich spürte, dass ich nicht mehr eine grosse Hilfe war. Stephan Lichtsteiner ist sehr erfahren, er weiss am besten, wie viel er dem Nationalteam noch geben kann. Wir reden über den vielleicht erfolgreichsten Schweizer Spieler, er stand mit Juventus zweimal im Champions-League-Final, gewann viele Titel. Entscheidend ist immer, dass man klar kommuniziert. Von allen Seiten.

Diesbezüglich überzeugt Trainer Petkovic nicht immer. Wie gefällt Ihnen seine Arbeit?
Geht es um die Resultate, könnte man sagen: Er hat noch keinen Achtelfinal gewonnen. Aber ich beurteile einen Trainer immer danach, wie er seine Mannschaft entwickelt. Und man sieht die Handschrift Petkovics. Das Team ist viel in Bewegung, auch taktisch flexibler geworden, die Spieler trauen sich etwas zu, setzen auf Ballbesitz, machen Läufe in die Tiefe, um Räume zu öffnen. Und der Trainer baut regelmässig neue Spieler ein. Mir gefällt beispielsweise sehr, wie sich Kevin Mbabu mit seiner Energie auf der rechten Seite präsentiert. Unterschiedliche Mentalitäten sind wertvoll für das Nationalteam. Sie stehen für die Schweiz. Mehr denn je.

Erstellt: 07.06.2019, 23:18 Uhr

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