«Manche stört womöglich, dass Petkovic nicht Röthlisberger heisst»

Roman Bürki ist die Nummer 1 bei Dortmund, will aber seit Anfang Jahr nicht mehr die Nummer 2 im Nationalteam sein. Er ärgert sich über unsachliche Kritik.

Der Mann der unaufgeregten und seriösen Arbeit im BVB-Tor: Roman Bürki (29). Foto: Getty Images

Der Mann der unaufgeregten und seriösen Arbeit im BVB-Tor: Roman Bürki (29). Foto: Getty Images

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Die Schweiz hat sich am Montag für die EM 2020 qualifiziert. Verfolgen Sie das Nationalteam eigentlich noch genau?
Natürlich, ich habe die Spiele gesehen und mich sehr gefreut.

Wie verbrachten Sie die Länderspielpause?
Wir hatten erneut viele englische Wochen und jetzt mal zwei Tage am Stück frei. Ich bin aber keiner, der dann schnell nach Paris oder London reist, sondern geniesse die Ruhe zu Hause. Und mein Bruder Marco spielt ja nicht weit weg in Belgien bei Waregem, er kam mich besuchen.

Am Freitag geht es für Dortmund mit dem Heimspiel gegen Paderborn weiter. Wie sind Sie mit der BVB-Saison zufrieden?
Wir sind in allen drei Wettbewerben aussichtsreich dabei, haben uns in der Champions League dank des 3:2 gegen Inter Mailand in eine gute Position gebracht, liegen aber in der Bundesliga ein bisschen unter den Erwartungen. Doch es ist alles noch sehr eng.

Hat es Sie gestört, dass die Clubverantwortlichen den Meistertitel als Ziel ausriefen?
Das darf mich nicht stören. Ich spiele bei Dortmund, das ist ein grosser Club, die Ambitionen sind immer hoch. Wenn man bis zur letzten Halbzeit der Saison Meister werden kann und dann im Sommer derart viel ins Team investiert, ist es doch logisch, dass man Ansprüche formuliert. Das kam auch aus dem Team heraus.

Ihr Trainer Lucien Favre zaudert jeweils sehr, wenn es um konkrete Ziele geht.
Ich würde das nicht als Zaudern bezeichnen. Er ist, wie er ist, eher zurückhaltend, aber intern spricht er klare Worte. Und er hat mehrfach bestätigt, dass er das Ziel des Vereins mitträgt.

«Es ist in unserem Land manchmal leider ein Problem, dass es Menschen gibt, die vornehmlich das Negative suchen.»

Favre gibt sich gegenüber den Medien oft verschlossen und steht seit geraumer Zeit zuweilen schwer in der Kritik. Können Sie das nachvollziehen?
Nein! Ich finde es unfair, wie er teilweise attackiert wird. Aber so ist der Fussball, es ist ein lautes, unruhiges Geschäft. Ein grosser Sieg gegen Inter, und wir sind die Besten. Eine Niederlage in Mailand gegen ein starkes Inter, und wir haben alles falsch gemacht.

Man hat manchmal den Eindruck, Favre passe mit seiner zögerlichen Art nicht zu Dortmund, das dem leidenschaftlichen Jürgen Klopp nachtrauert.
Ach, ich kann diese Diskussionen nicht mehr hören! Intern trauert doch niemand der Vergangenheit hinterher. Am Ende geht es darum, Spiele zu gewinnen. Lucien Favre ist ein erstklassiger Trainer, er hat überall Erfolg gehabt, Spieler und Teams besser gemacht. Zudem coacht er ausgezeichnet, bereitet uns top vor, hat schon oft mit dem richtigen Gespür fürs Spiel Wechsel vorgenommen, die zum Sieg führten.

Es hiess, Favre geniesse nicht den allergrössten Rückhalt …
… es wird viel geschrieben. Es gab nach der letzten Länderspielpause kritische Berichte, aber dann haben wir Leader Gladbach in Liga und Pokal bezwungen, wir gewannen gegen das ungeschlagene Wolfsburg, drehten gegen Inter einen 0:2-Rückstand …

… und dann kam zuletzt dieses 0:4 in München gegen die angeschlagenen Bayern, als Dortmund wie in Mailand äusserst harmlos auftrat.
Das war eine schwache Leistung, und das wissen wir. Das 0:4 hat wehgetan, aber das hängt nicht damit zusammen, dass wir grundsätzlich ein Problem haben. Die Dortmunder Bilanz in München ist miserabel.

Wie sind Sie mit sich zufrieden?
Meine Leistungen waren ordentlich, ich habe mir keinen Fehler geleistet, konnte mich aber auch noch nicht so auszeichnen mit Big Saves wie letzte Saison, weil es diese Möglichkeiten nicht gab.

Sie wurden kürzlich 29. In welchen Bereichen sind Sie stärker als vor fünf Jahren?
Ich hoffe in allen. (schmunzelt) Ich bin logischerweise reifer und routinierter und eine stärkere Persönlichkeit. Deshalb kann ich mit der Verantwortung, Goalie bei einem so grossen Verein zu sein, besser umgehen. Und es ist ja bekannt, dass ich im mentalen Bereich schon lange intensiv arbeite, das hat mir geholfen, schwierige Zeiten zu überwinden.

«Das war hart, ich steckte erstmals in meiner Karriere in einer Krise.»

Sie wurden vor zwei Jahren stark angezählt, es hiess, Sie seien nicht gut genug für Dortmund.
Das war hart, ich steckte erstmals in meiner Karriere in einer Krise. Es war wichtig für mich, konnte ich aus dieser Situation gestärkt herauskommen und in der letzten Saison die Kritiker überzeugen. Die Gefahr bestand, dass der Druck zu heftig wird.

Dortmund ist weltweit gesehen ein Top-10-Club. Gibt es für Sie überhaupt eine Steigerung?
Damit befasse ich mich nicht. Ich bin einer, der im Hier und Jetzt lebt. Mir gefällt es sehr beim BVB. Im Übrigen ist Dortmund bezüglich Fans sogar ein Top-5-Club. Hier ist Fussball derart wichtig, das ist wohl einmalig in Europa.

Sie entschieden Anfang Jahr, als Ersatztorhüter im Nationalteam nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Hat Ihre Steigerung auch damit zu tun?
Ich konnte mich total auf Dortmund konzentrieren, das hat auf jeden Fall geholfen. Nach fünf, sechs Jahren als Nummer 2 war es für mich und meine Entwicklung einfach besser, auf das Nationalteam zu verzichten. Es war schwierig, immer wieder einzurücken mit dem Wissen, sowieso nicht eingesetzt zu werden. Ich musste eine Entscheidung treffen, die gut für mich ist.

Haben Sie denn Verständnis, dass Yann Sommer die unbestrittene Nummer 1 ist?
Darum geht es gar nicht. Yann ist ein überragender Torhüter, er spielt bei Gladbach sensationell. Aber ich hätte mir gewünscht, mehr Chancen zu bekommen. Es war nie ein Zweikampf, ich wurde nur in Tests eingesetzt und zweimal in Pflichtspielen – gegen Andorra und San Marino, als viele Spieler abgesagt hatten. Das war nach so vielen Jahren irgendwann frustrierend. An der WM in Russland letztes Jahr realisierte ich, dass ich etwas ändern muss.

Warum an der WM?
Ich war an den letzten drei Turnieren dabei, blieb wochenlang fokussiert, unterstützte das Team, war in den Trainings bereit. Aber es bestand keine Aussicht auf eine Veränderung. Und es war kompliziert, nach nur zwei, drei Wochen Ferien sofort Vollgas zu geben, während andere den ganzen Sommer Pause hatten. Ich habe meine Entscheidung nicht bereut.

Kürzlich hat Nationaltrainer Vladimir Petkovic Sie besucht. Worum ging es?
Auch Direktor Pierluigi Tami und Teammanager Vincent Cavin waren dabei. Wir besprachen die Situation, aber ich konnte ihnen keinen anderen Bescheid geben. Für mich hat sich nichts geändert. Ich stehe jedoch weiter zur Verfügung, sollte Yann ausfallen.

Petkovic entschied danach, auch auf Sie zu verzichten, sollte Sommer länger fehlen.
Das kann ich nicht beeinflussen. Ich habe nie gesagt, dass ich nicht mehr für das Nationalteam spielen will. Wenn es mich braucht, bin ich dabei. Ich war immer stolz darauf, das Trikot zu tragen.

 «Mich stört es sehr, wenn Dinge kritisiert werden, die nichts mit dem Fussball zu tun haben.»

Trainer Petkovic steht in der Schweiz stark im Gegenwind. Wie verfolgen Sie das?
Völlig unabhängig davon, ob man die eine oder andere Situation anders hätte lösen können: Mich stört es sehr, wenn Dinge kritisiert werden, die nichts mit dem Fussball zu tun haben. Sportlich hat das Team immer überzeugt, selbst wenn wir die Achtelfinals knapp verloren haben. Aber wir sind die Schweiz, ein vergleichsweise kleines Land, deshalb ist es umso höher zu gewichten, was erreicht wurde.

Petkovic wird mangelhafte Kommunikation vorgeworfen.
Das ist für mich fast schon Hetzerei, weil es den einen oder anderen Schweizer womöglich stört, dass Vladimir Petkovic kein Eidgenosse ist und nicht Röthlisberger oder so heisst. Dabei verbindet der Fussball doch genau die Menschen unterschiedlicher Herkunft. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, wie mit dem Trainer häufig umgegangen wird. Aber es ist in unserem Land manchmal leider ein Problem, dass es Menschen gibt, die vornehmlich das Negative suchen.

Ist Petkovics Situation ähnlich wie jene von Favre beim BVB?
Bei beiden geht es in der Kritik an manchen Tagen nicht um die Sache. Wenn Vladimir Petkovic kritisiert wird, weil sein Deutsch nicht perfekt ist, finde ich das abstrus. Und er ist nicht verpflichtet, jeden Wunsch der Medien zu erfüllen. Letztlich ist er der fussballerische Boss, man muss seine Entscheidungen respektieren.

Erstellt: 22.11.2019, 14:13 Uhr

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