Manuel Neuers Berater macht die Bayern nervös

Kritik an Transferpolitik und Gedanken über Neuers Zukunft: Die ungewöhnlich offenen Worte von Thomas Kroth kommen als Warnung für Bayern München daher.

Vorwärts: Manuel Neuer will nochmals angreifen.

Vorwärts: Manuel Neuer will nochmals angreifen. Bild: Keystone

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Manuel Neuer ist zwar bereits aus den Sommerferien heimgekehrt, aber wenn die Profis des FC Bayern am Montag die Arbeit für die nächste Saison aufnehmen, dann wird der Nationaltorwart fehlen. Aufgrund der Länderspieleinsätze im Juni stehen ihm noch ein paar freie Tage zu, die er zuhause am Tegernsee als Freund der Berge, Radfahrer und leidenschaftlicher Wanderer bestimmt zu nutzen und zu schätzen weiss. Grundsätzlich gehört Neuer nicht zur Spezies der Sofa-Menschen, im vorigen Jahr hat er die leeren Tage nach der missglückten WM damit verbracht, mit dem Rennrad die Alpen zu überqueren, und auch im Berufsleben treibt ihn unverdrossen das Gipfelstreben an. Der 33 Jahre alte Bayern-Captain ist im fortgeschrittenen Profialter nicht bescheidener geworden. Fragt man seinen Berater Thomas Kroth, 59, nach Neuers Vorstellungen für die kurz- und mittelfristige Karriere-Zukunft, so lautet die Antwort: «Er will die Europameisterschaft gewinnen, und er will noch mal die Champions League gewinnen.»

Nach zwei Jahren, die umständehalber schwierig und anstrengend waren, befindet sich Manuel Neuer nach dem Eindruck seiner Wegbegleiter nun wieder in gehoben erwartungsvoller Stimmung. «Wenn er merkt, der FC Bayern klotzt ran, dann wird er noch mal richtig aufblühen», verspricht Kroth. Woraus sich allerdings die Frage ergibt, was passiert, wenn das laut Uli Hoeness «grösste Investitionsprogramm der Vereinsgeschichte» weiterhin dem Investitionsprogramm für den Bau des Berliner Grossflughafens gleicht. Den Generationswechsel beim FC Bayern und in der Nationalmannschaft zu begleiten, das sei für Neuer eine spannende Herausforderung, sagt Kroth, doch er sagt auch: «Manuel ist erfolgsorientiert. Mein Eindruck ist, dass der Abstand zu den vier englischen Top-Teams schon gravierend ist und der Münchner Kader aktuell noch nicht entsprechend – also konkurrenzfähig – aufgestellt ist, um auch die Ziele von Manuel ernsthaft anzugehen.»

Kroth, Inhaber der in Dortmund ansässigen Agentur «Pro Profil», kennt das Geschäft aus allen Blickwinkeln. Bis 1990 hat er 14 Jahre in der Bundesliga gespielt, unter anderem beim 1. FC Köln, dem Hamburger SV und Borussia Dortmund, fünf Jahre später gründete er seine Firma, Manuel Neuer betreut er seit Schalker Zeiten. Als sich Neuer vor neun, zehn Jahren bereit fühlte, seine Heimatstadt Gelsenkirchen zu verlassen, konnte Kroth dem Klienten eine hübsche Auswahl von Angeboten prominenter Interessenten in England und Spanien präsentieren, «aber Manuel hat sich nach fünf Minuten für die Bayern entschieden», und das haben beide Seiten nie bereut.

Soll er den Vertrag verlängern? Sein Berater sagt offen: «Das ist nicht das einzige Modell.»

Wie seine verehrten Kollegen Iker Casillas in Madrid und Gianluigi Buffon in Turin wurde Neuer zu einer charakteristischen Grösse im Klub, doch wie bei Casillas und Buffon stellt sich nun auch für ihn die Frage, ob er in seinem Fussballer-Leben nicht noch etwas Neues probieren möchte. Sein Vertrag mit den Bayern gilt bis 2021, an das Karriere-Ende mit dann 35 Jahren denkt Neuer nicht: «2021 will er nicht aufhören», sagt Kroth, und deshalb käme «jetzt die Phase, in der er sich entscheiden muss: Wie geht es perspektivisch weiter? Die Vertragsverlängerung und ein Karriereende beim FC Bayern ist natürlich das naheliegende Modell. Aber nicht das einzige.»

Diese Überlegungen haben auch mit den Erfahrungen der vorigen Saison zu tun, die Neuer sicher nicht als eines seiner schönsten Jahre in Erinnerung behalten wird. Neuer habe «vor allem mental unter Stress gestanden», erzählt Kroth. Die öffentlichen Debatten um das Leistungsvermögen des Nationaltorwarts liessen sich nicht ignorieren, hat dessen Manager festgestellt: «Vieles wurde irgendwie zusammengerechnet und gegen ihn gedeutet. Er verfolgt diese Diskussionen nicht bewusst, aber er hat das natürlich mitbekommen. Diese automatischen Schlussfolgerungen zeigen dann irgendwie schon Wirkung. Denn unter dem Strich hiess es doch: ‹Er ist jetzt 33 Jahre alt, jetzt geht er allmählich kaputt› ... Viele haben seine Leistungen so gedeutet, als habe er das Aussergewöhnliche und Unbezwingbare verloren.»

Manche ahnten schon die Rücktrittserklärung

Manuel Neuer ist kein Sportler, der immerzu nach Heldenverehrung verlangt, aber ungewohnt war die Situation schon, dass ständig der Anteil des Torwarts seziert wurde, wenn der FC Bayern ein Gegentor bekam, und dass dann immer wieder und nicht selten mit dramatischen Tönen der Gesundheitszustand des im WM-Jahr fast eine Saison lang absenten Kapitäns thematisiert wurde. Als er sich im Frühling in einem Spiel bei Fortuna Düsseldorf einen Muskelfaserriss zuzog, kursierten sofort wilde Spekulationen, und mancher Kenner ahnte schon die bevorstehende Rücktrittserklärung.

Kroth: «Wir haben gewusst: Nach der einjährigen Pause wird eine Verletzung irgendwann kommen – Manuel ist im Jahr davor fast sechs Monate an Krücken gelaufen. Leider war es dann ein unglücklicher Zeitpunkt. Dabei ist es doch so, dass nach einer langen Verletzungspause oft auf ein Hoch eine schwächere Phase folgt. Zudem gab es für ihn als Captain auch im Verein vieles zu bewältigen: neuer Trainer, Aufbau einer neuen Mannschaft, Schaffung neuer Strukturen. Das zehrt.»

Steht der Nachfolger schon bereit?

Wie schnell sich andererseits die öffentliche Wahrnehmung dreht, das hat Neuer erfahren, als er im Pokalfinale gegen Leipzig und in zwei Länderspielen ein paar seiner typischen Kunststücke vorführte. Diese gelungenen Momente dürften ihn in seinem Selbstbewusstsein bestätigt haben, weitere Interpretationen erübrigen sich jedoch. Neuer war genervt, als er vor allem während der Hinrunde der Vorsaison immer wieder Gegentore bekam, die hin und wieder den Verdacht erweckten, als habe der Torwart seine Superkräfte verloren, aber er hat sich nie in einer Schaffenskrise gesehen. Die Konkurrenz-Situation mit Marc-André ter Stegen in der Nationalelf beeindruckt ihn daher allenfalls geringfügig. Auch die gerüchteweise verbreiteten Meldungen, die Bayern suchten bereits einen Nachfolger und hätten dazu den Schalker Alexander Nübel ausersehen, nimmt Neuer denkbar gelassen auf, er hat immer schon für ein starkes Torhüterteam votiert, das ihn im Training fordert.

Nun werden viele seiner langjährigen Mitspieler beim FC Bayern nicht mehr da sein, wenn er wieder das Training aufnimmt, der Umbruch hinterlässt Lücken in der Kabine. Den Brasilianer Rafinha, seinen besten Kumpel im Team, wird Neuer vermissen, doch vor allem ist er daran interessiert, dass die leeren Plätze wieder adäquat gefüllt werden. Der FC Bayern sollte sich dessen bewusst sein, meint Thomas Kroth: «Manuel will und braucht eine Aufgabe, ein fixes Ziel.»

Erstellt: 06.07.2019, 11:41 Uhr

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