Marokko gegen Infantino und Amerika

Im Juni soll die Fussball-WM 2026 vergeben werden. Kandidat Marokko ist erzürnt. Das Land glaubt, benachteiligt zu werden. Dabei hat es ernsthafte Chancen.

Sein Herz schlägt für das Projekt United: Fifa-Präsident Infantino. Foto: Reuters

Sein Herz schlägt für das Projekt United: Fifa-Präsident Infantino. Foto: Reuters

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Sepp Blatter reist im Juni nach Russland zur WM, so hat es der Walliser angekündigt. Wladimir Putin hat ihn zusammen mit Michel Platini eingeladen, schliesslich seien die drei «alte Freunde». Es ist die Kraft des Fussballs, dass er immer wieder tolle Freundschaften zu schaffen und auch erhalten vermag.

Es sind dies aber auch Freundschaften, die Arbeit für den anderen Walliser im Weltfussball bedeuten: Gianni Infantino. Die Fifa hat Blatter verboten, während sechs Jahren öffentlich in der Fussballwelt aufzutreten. Taucht also der langjährige Herr vom Zürichberg in einem russischen WM-Stadion auf, werden die Mitarbeiter des jetzigen Chefs vom Zürichberg aktiv: Darf Blatter das? So klar ist das eben nicht. Also: ein Fall für die Disziplinarkommission.

Amerika will über 15 Milliarden Franken investieren

Doch Blatter macht Infantino nicht nur mit seinem Besuch Sorgen – die beiden mögen sich nicht sonderlich –, er hat jüngst auch aktiv in den WM-Wahlkampf eingegriffen. Am 13. Juni, einen Tag vor WM-Start, wird der Fifa-Kongress über den Ausrichter der WM 2026 abstimmen. Von Infantino weiss man, dass sein Herz für seine Wahlhelfer aus Amerika schlägt: die USA, Kanada und Mexiko spannen im Rahmen des Projekts United zusammen. Und Blatter wiederum hat seine Sympathien dem zweiten Kandidaten geliehen, dem Königreich Marokko: Er twitterte – ja, das macht der 82-Jährige regelmässig: «Marokko wäre die logische Wahl.»

Marokko gegen das Projekt United. Das liest sich auf dem Papier wie David gegen Goliath. Und wer durch die Bewerbungsunterlagen blättert, fühlt sich bestätigt. Die Marokkaner verlieren sich in vielen Buchstaben, das Dossier sieht aus wie ein Bericht des Bundesamts für Umwelt über Aufwertungsversuche von Randgebieten. United hingegen richtet gross an, arbeitet mit bunten Buchstaben und Zahlen, preist sich als «in der Chance vereint» an. 16 Orte zwischen Edmonton und Mexiko-Stadt machen mit, alle Stadien stehen bereits. Eigentlich die logische Wahl.

Nur: Das täuscht. Die beiden Projekte sind gleichauf, Marokko gilt sogar als heimlicher Favorit. Ein Land, das 9 seiner 14 Stadien neu bauen will. Die restlichen 5 werden renoviert. Ein Land auch, das neue Strassen und Eisenbahnen plant, um die Städte zu verbinden. Und schliesslich ein Land, das dafür über 15 Milliarden Franken investieren will.

Mehr Transparenz und ein Zwist

2026 findet erstmals eine WM mit 48 Mannschaften statt. Ebenso zum ersten Mal stimmen alle 211 Mitgliedsländer (ausser die vier Kandidaten) ab. Und: Es herrscht dabei Transparenz. Nach der Wahl weiss die Welt, welcher Verband welchem Kandidaten die Stimme gegeben hat. Alles besser also? Finden Fifa und Infantino. Nicht aber die Marokkaner. Sie haben dem Präsidenten einen Brief geschrieben und sich beschwert.

Die Marokkaner sind erzürnt über die jüngsten Entwicklungen bei der Fifa. Der Weltverband hat zwei Tage vor Ablauf der Eingabefrist die Kriterien kommuniziert, wie eine interne Taskforce die beiden Kandidaturen bewertet. Schneidet der jeweilige Bewerber besonders mies ab, kann er sogar von der Wahl ausgeschlossen werden. Was die Marokkaner wütend macht: der Zeitpunkt der Kommunikation. Und: 70 Prozent der Gesamtpunktzahl beziehen sich auf die Infrastruktur wie Stadien, Hotels und Flughäfen. Bereiche also, in denen Marokko momentan schlecht dasteht. Die Nordafrikaner fürchten Infantinos Nähe zum gegnerischen Projekt – und daher einen Ausschluss von der Wahl. Eine marokkanische Onlinezeitung hat ein Dokument veröffentlicht, das zeigt, wie die amerikanischen Bewerber noch im letzten Jahr versucht haben, eine Monopolkandidatur durchzusetzen.

Die Fifa beschwichtigt, hier gehe es nicht darum, Kandidaten auszuschliessen. Sie wolle mit der Bewertung dafür sorgen, dass die Kandidaturen nachhaltig seien und keine leer stehenden Stadien übrig blieben. An sich hehre Gründe, doch dem Weltverband um Infantino ist die Glaubwürdigkeit abhandengekommen. Ähnlich vehement hat sie bereits die Entlassungsgerüchte um die Ethikwächter Borbély und Eckert negiert. Später wurden die beiden geschasst.

Dass Marokko überhaupt ernsthafte Chancen auf eine Wahl hat, liegt auch an den Konkurrenten. Vancouver, Minneapolis und vor allem Chicago sind abgesprungen, sie wollen in ihren Städten keine WM ausrichten. Sie wollen sich nicht dem Regime der Fifa beugen, die von den Veranstaltern 10 Jahre Steuerfreiheit wünscht. Weiter hat der OK-Chef und US-Verbandspräsident (ein wichtiger Wahlhelfer Infantinos) jüngst seinen Posten abgegeben. Und weil dieses Jahr alle Verbände der Welt über die WM-Austragung befinden, bekommt selbst auch die Personalie Donald Trump ein Gewicht. Ein negatives. Seine Tirade gegen die «Dreckslöcher» der Welt könnte das eine oder andere Land in der Wahl beeinflussen.

Belgien und Frankreich

Marokko hingegen kann auf die Stimmen aller afrikanischer und vieler muslimischer Länder zählen, selbst innerhalb des europäischen Verbands Uefa gibt es immer mehr sympathisierende Länder. Dass Russland Wohlwollen zum Projekt ausdrückt, mag da geopolitisch wenig überraschen, dass aber auch Belgien und Frankreich positive Signale gesendet haben, umso mehr.

Bei allen Sympathien geht vergessen, dass Marokko mächtig verschuldet ist, dass Arbeitslosenquote und Kindersterblichkeit hoch sind, dass das Gesundheitssystem auseinanderfällt und die Renten gesichert werden müssen. Da ist die Frage erlaubt, ob die 15 Milliarden am richtigen Ort investiert sind. Und: Fussball gespielt wird ja auch noch. Im Sommer wird es im Land 45 Grad heiss.

Erstellt: 06.04.2018, 19:51 Uhr

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