Matura in der Provinz

Die Schweiz steht vor der Pflichtaufgabe, auf den Färöern auch ihr sechstes WM-Qualifikationsspiel zu gewinnen. Was Prominente erwarten.

Ein spezielles Finale des Schweizer Fussballjahres, auch für die mitgereisten Fans auf den Färöern.

Ein spezielles Finale des Schweizer Fussballjahres, auch für die mitgereisten Fans auf den Färöern. Bild: Keystone

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Es ist ein langes Jahr gewesen für die Schweizer Nationalspieler. Für Granit Xhaka zum Beispiel ist es die 52. Partie seit dem vergangenen August und der letzte Einsatz vor den Sommerferien. Darum sagt Nationalcoach Vladimir ­Petkovic: «Das Spiel gegen die Färöer ist ein mentaler Test.»

Petkovic hat die Lust entwickelt, sich in Bildern auszudrücken. Die Gegner in dieser WM-Qualifikation sollen aus dem Weg gekegelt werden. Dann wieder ist die Schweiz der Bär, der Punkte braucht für seinen ­Winterschlaf. Zuletzt, nach dem 1:0 gegen Lettland, hat Petkovic sie auf einer Bergtour gesehen, auf der sie die ersten fünf kleinen Pässe bezwungen hat. Und jetzt also, vor dem Match in Torshavn als respektable Nummer 9 der Weltrangliste gegen die Nummer 80, sagt er: «Es ist eine Maturaprüfung.»

17 seiner bislang 29 Spiele als Nationalcoach hat Petkovic gewonnen. Er hat dabei auch die Tücken von Aufgaben gegen die Teams aus der hinteren ­Region der Weltrangliste kennen gelernt: im Juni 2014 in Litauen oder letzten Oktober in Andorra, wo es jeweils mühsame 2:1-Siege gab. Er warnt darum davor, die Färöer zu unterschätzen. Obschon die Ausgangslage nach fünf Siegen in den ersten fünf Spielen verlockend erscheint: Einen Ausrutscher kann sich die Schweiz in dieser WM-Qualifikation nicht erlauben, wenn sie am 10. Oktober zum Abschluss in Portugal alle Vorteile in den eigenen Händen halten will. Portugal hat seit der Rückkehr von Cristiano Ronaldo den Druck jedenfalls deutlich erhöht. Sie müssten ihre Vorteile pflegen, formuliert es Petkovic.

«Das Spiel gegen die Färöer ist ein mentaler Test.» Nationalcoach Vladimir ­Petkovic spricht mit seiner Mannschaft. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

«Wenn wir uns gegen die Färöer gut bewegen, sind wir besser», sagt Petkovic. Seine Mannschaft schickt er mit einer Forderung auf den Kunstrasen im Mini-Stadion und in der Stadt, in der es derzeit nie dunkel wird: «Es ist sehr wichtig, dass wir einen souveränen Sieg holen.» Er tut es wohl auch mit einem Debütanten. Manuel Akanji vom FC Basel steht als Partner von Johan Djourou im Abwehrzentrum im Vordergrund. Was für ihn spricht, ist seine gepflegte Angriffsauslösung.

«Die Schweiz wird Erster»Ottmar Hitzfeld

Für sechs Jahre, 61 Spiele und zwei WM-Endrunden war Ottmar Hitzfeld stolzer Trainer des Nationalteams. 2014 hörte er auf. Er sieht es noch immer als Privileg an, selbstbestimmt entschieden zu haben. Er ist kein Trainer mehr, aber ein Fan der Schweiz, und als solcher gefällt ihm ihr Auftreten. Er sagt gar: «Sie ist spielerisch besser als Portugal.» Trotz Cristiano Ronaldo? «Ja. Die Mannschaft ist erfahren, sie ist reif, sie hat zum Beispiel in Litauen gezeigt, dass sie ein Spiel nach einem Rückstand noch wenden kann.» Obwohl Portugal Europameister ist? «Ja. Das hat man im Hinspiel gesehen. Das 2:0 war nicht nur Glück. So wie die Schweiz spielte, war der Sieg verdient.»

Die nächsten Spiele, heute gegen die Färöer, im Spätsommer gegen Andorra und in Lettland, sieht Hitzfeld als Pflichtaufgaben. Er findet es nicht richtig, dass bei Punktgleichheit am Ende nicht die Direktbegegnungen über die Platzierung entscheiden, sondern die Tordifferenz: «Ein Spiel gegen Portugal ist doch höher einzustufen als ein 6:0 gegen die ­Färöer.» Trotzdem betont er: «Von der Substanz her, vom Gefühl her wird die Schweiz Gruppenerster.»

«Exploit in Portugal ist nötig»Stéphane Henchoz

Bevor die Schweiz vor einem Jahr an die EM reiste, machte sich Stéphane Henchoz Sorgen. Die Mannschaft lieferte dem 42-Jährigen, der von 1993 bis 2005 in 72 Länderspielen zum Einsatz kam, wenig Signale, die auf ein positives Turnier hindeuteten. Aber die Auftritte in Frankreich und auch danach in der WM-Qualifikation lassen Henchoz nun sagen: «Die Entwicklung ist sehr positiv. Und das hat auch mit dem Trainer zu tun. Vladimir Petkovic legt Wert auf ­Ballbesitz, auf Dominanz, auf offensiven Fussball, und er gibt seiner Gruppe ­Vertrauen.» Das heisst? «Verschiedene Spieler haben Probleme in den Clubs, aber Petkovic verzichtet deswegen nicht gleich auf sie, und im Gegenzug danken es ihm die Aufgebotenen mit Leistungen, die bis jetzt keinen Anlass zu Kritik geben.»

Henchoz schwärmt, wenn er an das 2:0 gegen Portugal denkt («eine der besten Partien unter Petkovic»), er lobt, wenn er vom 3:2 in Ungarn redet («die Nerven behalten bei nicht leichten Umständen»), und er erklärt, mit den restlichen vier Siegen sei die Pflicht erfüllt worden («das Nötigste getan»). Ausser Frage steht für ihn, dass sich die Schweizer keinen ­Misstritt mehr leisten dürfen, bis es im Oktober nach Portugal geht, zum Europa­meister, der für Henchoz über mehr Substanz verfügt: «Die meisten Portugiesen spielen in grossen europäischen Clubs eine bedeutende Rolle, sie sind insgesamt stärker als die Schweizer.»

Im Mini-Stadion mit Kunstrasen soll die Schweiz souverän gewinnen. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Was auf die Schweiz zukommt, versteht Henchoz darum nun als Prüfung. «Um die Qualifikation auf Platz 1 zu ­beenden, ist ein Exploit in Portugal ­nötig», sagt er, «und wenn das gelingt, werden die Leute auch ausserhalb unseres Landes sagen: ‹Wow, habt ihr die Schweiz gesehen!› Ein erfolgreiches Resultat gegen den Europameister würde auch bedeuten, dass die Mannschaft ein nächstes Niveau erreicht hat und sich zum Kreis der Grossen zählen darf.»

«Shaqiri muss mehr machen»Toni Esposito

Zu einem Aufgebot auf die Färöer hat es Toni Esposito nicht gereicht. Der Mann, der so gerne fliegt, muss das Länderspiel heute für das Tessiner Fernsehen aus dem Studio in Lugano analysieren. Er tut es mit der Erwartung, dass die Schweiz gewinnt, «das sowieso!», sagt er. Und mit dem Wissen, dass eines entscheidend sein wird: «Dass die Spieler mental bereit sind.» Er hat noch im Kopf, wie sie sich im Oktober in Andorra schwertaten und am Ende froh um das 2:1 sein mussten.

Esposito ist angetan von der spielerischen Entwicklung unter Vladimir Petkovic, einem seiner alten Trainer beim FC Lugano. Ihm gefällt Granit Xhaka ganz besonders. Ihm gefällt auch, dass sich die Mannschaft immer wieder Chancen erspielt. Doch immer wieder kommt er auch auf ihren Schwachpunkt zu reden: die Chancenverwertung. «Was fehlt, ist ein Torschütze», sagt er, «wie früher ein Alex Frei, ein Kubilay Türk­yilmaz. In dieser Beziehung hat Petkovic nicht so viel Glück.»

Er sieht, dass Seferovic im Sturm­zentrum viel arbeitet, aber er sei kein Torjäger. Er wünscht sich von Shaqiri mehr, nicht nur pro Jahr ein Tor, das Weltklasse ist wie gegen Weissrussland. Esposito sagt: «Er muss aus seinen Qualitäten mehr machen.» Er hofft auf die Rückkehr von Embolo und sieht im ­Moment nur eine Hoffnung: «Dzemaili muss Einfluss nehmen.»

«Die Schweiz in der Barrage»Nelson Ferreira

Wenn sich Nelson Ferreira mit Verwandten und Freunden aus Portugal über die WM-Qualifikation unterhält, dringt eines stets durch: die grenzenlose Überzeugung, dass sich der Europameister in der Gruppe B doch noch durchsetzen wird. Das ist ganz im Sinn des 35-Jährigen, der als Fussballer schon 15 Jahre beim FC Thun verbracht hat. Der als Achtjähriger mit seinen Eltern ins ­Berner Oberland kam und dort seine Heimat gefunden hat. Der mit einer Schweizerin verheiratet ist. Der aber immer noch nur den portugiesischen Pass besitzt und eine klare Position bezieht, wenn es um die Vergabe der WM-Plätze geht. «Da bin ich für Portugal», meldet er aus seinen Ferien an der Algarve.

Von ihm wird viel erwartet: Xherdan Shaqiri. Foto: Georgios Kefalas (Keystone)

Das 0:2 zum Start in die Ausscheidung gegen die Schweiz ist längst als Ausrutscher abgebucht, als Fehltritt ein paar Wochen nach der triumphalen EM. «Die Portugiesen unterschätzten ihren Gegner damals, sie reisten mit der ­Einstellung nach Basel, die Aufgabe problemlos zu lösen», sagt Ferreira, «sie werden daraus ihre Lehren fürs Rückspiel ziehen.»

Er erwähnt die Vielzahl der Talente, die in die Nationalmannschaft drängen, er spricht von Trainer Fernando Santos, der alles unter Kontrolle hat – und er kommt nicht an Cristiano Ronaldo ­vorbei: «Er wirbelt zwar nicht mehr wie früher bei Manchester United, ist aber vor dem Tor wahnsinnig kaltblütig. Das macht ihn unverzichtbar.» Und: «Er mag arrogant wirken, aber er hat auch eine andere, mannschaftsdienliche Seite. Er setzt sich für das Wohl des Teams ein.» Auch darum glaubt Ferreira: «Die Schweiz muss in die Barrage.»

«Wir sind bereit» Lars Olsen

Als im Oktober die Portugiesen die ­Färöer besuchten, war ihre Bereitschaft, mit dem Gastgeber gnädig umzugehen, überschaubar. 6:0 gewannen sie, «und das, obwohl sie nicht einmal überragend spielten», sagt Lars Olsen, 56 und seit 2011 Coach der Färinger. Der Mann, der die Dänen als Captain 1992 zum sensationellen EM-Titel führte, sieht den Europameister von 2016 und die Schweiz auf gleich hohem Niveau. Und würde darum keine Wette eingehen, wer es auf direktem Weg nach Russland schafft: «Ich rechne damit, dass die letzte Partie in Portugal die Entscheidung bringt.» Einen markanten Unterschied macht er bei den zwei Teams aber doch aus: «Die Stärke der Schweizer sehe ich in ihrem Kollektiv. Der Vorteil der Portugiesen ist für mich die Qualität der ­Einzelspieler.» Und wenn er von der individuellen Klasse redet, muss auch er einen Namen unbedingt erwähnen: «Portugal hat Ronaldo, und keiner ist so unberechenbar wie er. Und wer bei Real Madrid der Schlüsselspieler ist, der ist es auch in seiner Nationalmannschaft.»

Olsen sieht die Rolle seines Teams ­darin, die Grossen ein bisschen zu ärgern. Viel mehr bleibt auch nicht in einem Land, das so gross ist wie der ­Kanton Aargau, das 70'000 Schafe hat, aber nur 50'000 Einwohner und 5300 registrierte Fussballer. Olsens Vorgabe ist in dieser Ausscheidung zwar noch nicht erfüllt worden, aber heute Abend bietet sich die nächste Gelegenheit für die Weltnummer 80. «Ich sage meiner Mannschaft immer, dass sie mit Selbstvertrauen auf den Platz und keine Angst vor bekannten Namen haben soll», ­erklärt der Coach und bringt in einem Satz zum Ausdruck, was er selber darunter versteht: «Wir sind bereit für die Schweiz.»

Erstellt: 08.06.2017, 23:01 Uhr

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