Mehr Provokation geht nicht

Ultras von Lazio Rom nutzten den Cup-Halbfinal in Mailand, um Benito Mussolini zu huldigen.

Die ultrarechte Gruppe «Irriducibili» präsentierte am Mittwoch ein Banner mit den Worten «Ehre Benito Mussolini». <i>(Bild: Twitter)</i>

Die ultrarechte Gruppe «Irriducibili» präsentierte am Mittwoch ein Banner mit den Worten «Ehre Benito Mussolini». (Bild: Twitter)

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Zehn Kilometer liegen zwischen dem Piazzale Loreto im Osten Mailands und dem Stadion Giuseppe Meazza im westlichen Stadtteil San Siro. Wer aus Rom kommt, über die Autobahn A1, wie das etwa 4000 Anhänger von Lazio taten, die am Mittwoch zum Rückspiel im Halbfinale des italienischen Pokals gegen Milan fuhren, ist schnell beim Stadion. Es gibt da eine Ausfahrt. Der historisch schwer befrachtete Piazzale Loreto dagegen liegt nicht am Weg. Doch er war das Ziel von fünfzig, sechzig «Irriducibili», wie sich die rechtsextremen Ultras von Lazio nennen: Unbeugsame. Sie haben an der Ecke zum Platz, auf dem vor 74 Jahren die Leichen des Faschistenführers Benito Mussolini und von dessen Geliebten Claretta Petacci an den Füssen aufgehängt worden waren, eine Aktion inszeniert und gleich darauf ins Netz gestellt, die nun viel zu reden gibt.

Man sieht die Ultras, wie sie sich auf dem Gehsteig hinter einem langen Spruchband aufgebaut haben. «Onore a Benito Mussolini», steht da drauf, Ehre für Benito Mussolini. Dazu die Signatur «IRR», kurz für Irriducibili. Der Chef der Gruppe, ein 53-jähriger Römer, den die Polizei leicht identifizieren konnte, steht vor der Abordnung, in Achtungsstellung erstarrt, als wäre das ein militärischer Appell, und brüllt: «Camerata Mussolini?» Darauf die Parade mit einer Stimme: «Presente!» Anwesend. Dann der Chef: «Ruhen!» Danach strecken noch alle den rechten Arm zum Faschistengruss, tönen nostalgische Chöre an, gefolgt von Verwünschungen an die Adresse der gegnerischen Fans, der «Milanisti».

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Ultras von Lazio eine Unsäglichkeit leisten. Vor anderthalb Jahren liessen sie Abziehbilder drucken, auf denen man eine lächelnde Anne Frank im gelbroten Trikot des AS Roms sah. Im verqueren Weltbild der „Unbeugsamen“ war die Fotomontage als Verhöhnung gedacht. Unvergessen bleibt auch das Spruchband, das sie 1998 bei einem römischen Derby in der Curva Nord ausgerollt hatten, an die Stadtrivalen gewandt: «Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser.» Oder die Hommage an Željko Ražnatovi?, einen serbischen Kriegsverbrecher, der auch als «Tiger Arkan» bekannt war.

Was der Innenminister dazu sagt

In diesem jüngsten Fall aber kommt so vieles zusammen, dass die Mailänder Zeitung «Corriere della Sera» das Bild der Parade auf ihre erste Seite hob, gross und ganz oben. Das hat mit Ort und Datum der Aktion zu tun: Piazzale Loreto am Vorabend des 25. April, dem nationalen Gedenk- und Feiertag für die Befreiung vom Faschismus - mehr Provokation geht nicht.

Der «Corrierew schreibt: «Die Provokation wird zur Beleidigung.» Sie passe gut zum politischen Klima im Land, zu den vielen Versuchen, den Faschismus salonfähig zu machen und aufzuwerten. «Früher passierte das versteckt, heute versteckt sich niemand mehr.» «La Repubblica» kommentiert ähnlich, macht dabei aber Matteo Salvini, den Innenminister und Vizepremier des Landes, namentlich mitverantwortlich für die neue Enthemmung. «Salvinis Populismus des Hasses bietet diesen neofaschistischen Gruppen eine Bühne, für sie ist das gerade ein besonders günstiger Moment.»

Salvini liess ausrichten, die Ultras seien «Idioten», der Staat dulde keine Gewalt, weder körperliche noch verbale. Gegen 22 wird nun ermittelt. Neben 19 «Irriducibili» sind auch drei Hooligans von Inter dabei, die sich traditionell gut verstehen mit den Laziali. Der Vorwurf: faschistische Kundgebung. Es gibt in Italien Gesetze, mit denen der Verherrlichung und Verbreitung des Faschismus gewehrt werden soll. Oft werden sie allerdings nicht angewandt. Vieles geht als Folklore durch. In der Deutung Salvinis sind Ultras, die Affenlaute von sich geben, um Spieler mit schwarzer Hautfarbe zu beleidigen, und solche, die römisch salutieren, einfach dumme Jungs, «ragazzacci». Oder eben: Idioten.

Lazio übrigens gewann 1:0 und steht im Final. Für den anderen Fall hatten die «Unbeugsamen» Bananen mitgebracht, die sie dann auf den Rasen geworfen hätten - ein Regen aus Bananen.

Erstellt: 25.04.2019, 19:15 Uhr

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