Messis Feind im eigenen Bett

Eine WM ohne den Superstar? So möglich wie nie. In der vorentscheidenden Partie spielt Argentinien nicht nur gegen Peru.

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Es war eine vermeintlich harmlose Aussage, sie schlug aber hohe Wellen. Paulo Dybala, der Star von Juventus Turin, gestand in einem Interview, es sei für ihn etwas schwierig, mit Lionel Messi zusammenzuspielen. Dybalas Aussagen weniger nachvollziehen konnten die argentinischen Fans. Auf Twitter ging eine Sprachnachricht viral, in der ein unbekannter Fan den Juve-Stürmer mehr als eine Minute lang beleidigt: «Dybala, du Idiot. Mit meinen blinden Freunden ist es schwer, zu spielen, aber doch nicht mit dem besten Fussballer der Welt. Halt dein Maul, schliess die Augen und spiel den Ball zu Messi!»

Das Beispiel zeigt: Die Nerven liegen blank in Argentinien. Zu allem Überfluss verbreiteten zahlreiche Medien am Montagabend (Ortszeit) eine höchst beunruhigende Nachricht: Lionel Messis Flug ist verspätet. Statt noch am selben Tag wird er erst am Dienstag trainieren können. Er, der Ausnahmekönner, der sportliche Anführer. «Unsere einzige Hoffnung», wie die argentinische Fussballlegende César Luis Menotti zuletzt schrieb.

Ein Schicksalsspiel

Dass diese Lappalien derart aufgebauscht werden, zeigt, wie angespannt die Stimmung im Land des zweimaligen Weltmeisters ist. Aktuell steht Argentinien an fünfter Stelle der südamerikanischen Qualifikation und müsste somit in die Barrage – wo höchstwahrscheinlich Neuseeland warten würde. Das grosse Sorgenkind ist paradoxerweise die Offensive. Trotz Stars wie Higuain, Messi, Dybala, Di Maria oder Icardi schoss Argentinien in 16 Spielen nur 16 Tore – nur Bolivien traf weniger oft (14).Mit einem Sieg in der zweitletzten Partie gegen Peru (Nacht auf Freitag, 1.30 Uhr), wäre das WM-Ticket nahezu gebucht, gleichzeitig würde eine Niederlage wohl das Aus in der engen Gruppe bedeuten.

Es herrscht Ausnahmezustand und das in einem Land, in dem Optimismus nie zu den Stärken gehörte. In dem Fanatismus keine Modeerscheinung ist. In dem auch das saftigste, einheimishe Steak bei einer Niederlage der Albiceleste plötzlich nicht mehr schmeckt. In dem Messi nicht selten «Pecho frio», also Feigling genannt wurde. In dem er so lange beleidigt wurde, bis es ihm reichte und er nach der Niederlage im letzten Final der Copa América den Rücktritt aus der Nationalmannschaft gab – nach mehrwöchiger Staatstrauer und einem Besuch des damaligen Trainers Edgar Bauza revidierte Messi dann Mitte August 2016 seinen Entscheid.

Der Ausfall einer «Katastrophe» wird zur «Katastrophe»

Die Posse um Messi zeigt die Schizophrenie rund um die «Albiceleste». Gewinnt die Nationalmannschaft nicht so häufig wie gewünscht, ist alles schlecht, was Trainer und Spieler betrifft. Als Paradebeispiel dient TV-Moderator Martin Libermann, der in seiner Heimat sogar dafür eine Auszeichnung erhielt, dass er stundenlang alles kritisiert, was in und um Argentinien einmal ein Tor verfehlt hatte. Für Libermann war es in der Vergangenheit eine «Katastrophe», dass ManCity-Stürmer Sergio Agüero aufgestellt wurde: «In der Nationalmannschaft spielt er schlechter als meine Freunde auf dem Bolzplatz. Er versteht Messis Fussball einfach nicht.»

Jetzt fällt Agüero für die letzten beiden Qualifikationsspiele gegen Peru und Ecuador aus: «Eine Katastrophe. Mit wem soll Messi jetzt bitteschön spielen?» Und Mario Kempes, WM-Torschützenkönig von 1978, spottete über seine Landsleute: «Die verlaufen sich auf dem Rasen noch mehr als ich mich in New York.» Dass dies darauf zurückzuführen sein könnte, dass mit Sampaoli der bereits dritte Trainer in der laufenden Qualifikationskampagne an der Seitenlinie steht und so ein klares Spielsystem nur schwer zu erarbeiten ist, ignorieren die Experten in diesem Zusammenhang gern.

Der Hexenkessel wird pochen

Sogar die Ernennung der Bombonera als Austragungsort wird kritisiert: das sagenumwobene Stadion von Boca Juniors. Dem Stadion, von dem es heisst, dass es nicht zittert, sondern pocht. Enrique Macaya Màrquez, eine Koryphäe des argentinischen Sportjournalismus, nannte den Stadionwechsel vom Estadio Monumental, wo die Partie ursprünglich hätte stattfinden sollen, in die Bombonera ein «Zeichen der Schwäche». Der Tausch impliziere, dass die Spieler selbst unfähig seien, sich die WM-Qualifikation zu sichern: «Offensichtlich erwartet der Verband, dass es jetzt die Fans richten.»

Bereits vor drei Wochen sangen die Anhänger von Boca Juniors nach einem Heimsieg im Stadion Schlachtlieder für die argentinische Nationalmannschaft und sorgten für eine Gänsehautstimmung. Und «La 12», die berüchtigten Ultras von Boca, versprachen, mit dreimal mehr Trommeln ins Stadion zu gehen als üblich. Das veranlasste Libermann zur Kritik: «Für die Boca-Fans geht es um ihren eigenen Stolz. Gewinnen wir, heisst es danach: ‹Wir haben es nur dank unserer Hilfe geschafft.›»

Drei Wochen vor dem Spiel: Boca-Fans feuern bereits Argentinien an. Video: Youtube.

Dabei wollte der Verband vor allem den Druck auf Peru erhöhen. Vom Stadion mit Laufbahn ums Spielfeld zu einem engen Hexenkessel in Form einer Bonbonschachtel. Stattdessen steigt der Druck vor dem vorentscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen Peru für die eigenen Fussballer im Quadrat. Nicht zuletzt deshalb läuft Argentinien in Gefahr, nach 1970 erst zum zweiten Mal sportlich eine Weltmeisterschaft zu verpassen (1950 hatte man verzichtet). Der Gegner damals im entscheidenden Spiel? Peru.

Erstellt: 05.10.2017, 18:34 Uhr

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