Messis Sorgen um Argentinien

Kriminalität in Argentinien, die WM-Favoriten und das Gefühl auf der Ersatzbank: In einem seiner seltenen Interviews lässt Lionel Messi tief blicken.

Gibt sich reflektiert: Lionel Messi im argentinischen TV. Bild: Screenshot

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Es ist ein ungewohntes Bild. Normalerweise sieht man Lionel Messi auf dem Fussballplatz. Dribbelnd. Jubelnd. Zaubernd. Jetzt sitzt der da: Mit Baseball-Cap auf dem Kopf, im schwarzen Kapuzenpullover, Mikrofon in der Hand. Interviews gibt der Superstar selten, zu gross die Sorge, dass seine Aussagen falsch interpretiert werden könnten. Vor allem in Argentinien, seiner Heimat, in der er seit 17 Jahren nicht mehr lebt. Obwohl er Captain der Nationalmannschaft ist, wird dort jeder mögliche verbale Fehltritt vom gnadenlosen Boulevard ausgeschlachtet. Umso erstaunlicher, wie offen Messi im argentinischen TV-Sender TyC Sports über seine Familie, aber auch die Situation in Argentinien spricht.

Es sei ein Wunsch, ja, gar ein Traum, seine Karriere bei Newell’s Old Boys zu beenden. Seinem Stammclub. Dort spielte er, bis er der Legende nach einen Vertrag mit dem FC Barcelona auf einer Serviette unterschrieb und mit 13 Jahren in dessen Jugendakademie wechselte. Am argentinischen Erstligisten dürfte ein solches Engagement nicht scheitern, aber: «Ich weiss nicht, ob es klappt. Diese Unsicherheit ist vor allem der Situation im Land geschuldet.» Er habe eine Familie, wichtiger als seine Wünsche seien diejenigen der Kinder: «Sie sollen in Sicherheit aufwachsen und das Leben geniessen können. Es ist traurig zu sehen, was in Argentinien passiert. Dass Leute auf der Strasse ausgeraubt oder ermordet werden.»

Werden auch die Kinder Profifussballer?

Als der 30-Jährige auf seine Kinder (Thiago, 5 Jahre alt, und Mateo, 2-jährig) angesprochen wird, hellt seine Miene sofort auf. Dürfen sich Barça- und Argentinien-Fans auf zwei talentierte Nachfolger freuen? «Thiago interessiert sich weniger für Fussball als beispielsweise der Sohn von Luis Suarez. Er mag Autos, Motorräder. Er spielt auch Fussball, aber es langweilt ihn schnell.» Mateo hingegen tritt lieber gegen den Ball. Offenbar ziemlich gut – mit seinem rechten Fuss: «Seine Koordination ist besser, aber er ist noch sehr klein.»

Auch sonst seien die beiden grundverschieden. «Thiago ist grossartig, richtig brav. Der Andere ist das komplette Gegenteil, ein H****sohn», sagt Messi und lacht laut auf. Was in den meisten Ländern ein übles Schimpfwort ist, wird in Argentinien auch als Synonym für «Lausbub» verwendet.

Seine beiden Kinder haben ihn reifen lassen, wie der beste Torschütze in der spanischen Ligageschichte sagt. Möglicherweise ein Mitgrund, weshalb er mit einer unbeliebten Situation mittlerweile besser umgeht: dem Platz auf der Ersatzbank. Zuletzt durfte er in der Champions League gegen Juventus und Sporting Lissabon nicht von Beginn an auflaufen – in den letzten Jahren noch undenkbar: «Es ist immer ein Mist, auf der Bank zu sitzen. Ich will dem Team immer helfen. Aber ich musste lernen, dass es manchmal besser ist, nicht zu spielen.» Insbesondere in der WM-Saison, in der im ohnehin schon dicht gedrängten Spielplan noch mehr Spiele dazu kommen. Dennoch sei es unangenehm: «Von draussen ist immer alles einfacher. Man sieht Dinge und denkt, ‹verdammt, wieso spielt er den Ball nicht dorthin?›»

Brasilien, Deutschland, Frankreich und Spanien noch besser

Ungewohnt deutlich äusserte sich Messi auch zu den WM-Chancen von Argentinien. Nur dank seinen drei Toren im letzten Qualifikationsspiel in Ecuador konnte sich der zweifache Weltmeister für das Turnier in Russland qualifizieren. «Wir müssen einiges verbessern, wenn wir um den Titel mitspielen wollen», sagt Messi. Aktuell seien Teams wie Brasilien, Deutschland, Frankreich und Spanien einfach besser.

Video: Drei Minuten TV-Ekstase nach drei Messi-Toren

Eine Erklärung sei, dass bisher kaum Zeit blieb, mit dem neuen Trainer Jorge Sampaoli zu arbeiten. Zudem nimmt er auch die kritischen Medien und Fans in die Verantwortung: «Wir haben viele neue Jungs dabei. Diese müssen sich auch noch an den Druck gewöhnen, der auf uns lastet. Das ist nicht immer einfach.»

Messi selber weiss mittlerweile, wie ungemütlich es um die «Albiceleste» werden kann, wenn der Erfolg ausbleibt. Jahrelang wurde er kritisiert, oft sogar als «Pecho frio», also «Feigling» bezeichnet. Nach der dritten Finalniederlage innert einem Jahr (WM und zweimal Copa América) gab er sogar zwischenzeitlich den Rücktritt. So weiss er: «Sollten wir an der Weltmeisterschaft in Russland schlecht abschneiden, können wir uns eine Weile lang in Argentinien nicht mehr blicken lassen.» (fas)

Erstellt: 08.12.2017, 15:05 Uhr

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