Mia san Jupp – zum vierten Mal

Jupp Heynckes (72) soll wieder Bayern-Trainer werden. Es ist die Geschichte einer Freundschaft.

Einst ein zufriedener Rentner: Jupp Heynckes vor drei Jahren auf seinem umgebauten Bauernhof mit Schäferhund Cando. Foto: Andreas Fechner (Laif)

Einst ein zufriedener Rentner: Jupp Heynckes vor drei Jahren auf seinem umgebauten Bauernhof mit Schäferhund Cando. Foto: Andreas Fechner (Laif)

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So kann das Glück im Alter sein, dachten wir, vor drei Jahren bei unserem Besuch auf dem umgebauten Bauernhof im Schwalmtal am Niederrhein, nahe von Mönchengladbach. Das Glück von ­jemandem, der die Ruhe gefunden hat und geniessen kann, nach einem hektischen Leben mit vielen Reisen und schlaflosen Nächten wegen eines Balls, der sein Leben bestimmte, zuerst als Spieler, dann lange als Trainer.

Josef Heynckes, den alle nur als Jupp Heynckes kennen, war Rentner, 69 damals. Und er war stolz darauf. Endlich nur noch tun, was ihm gefällt, lange ­Spaziergänge mit seinem Schäferhund Cando machen, den Garten pflegen, Rosen züchten, und auf seinem grossen Gelände hat es auch einen schönen Teich, mit Fischen drin, und einer ist ­besonders kostbar, ein roter Nishikigoi, eine Zuchtform des Karpfens. Er heisst Philippo, Heynckes’ Frau Iris hat ihm den Namen gegeben, weil Philippo, der mehrere Tausend Franken teuer ist, ein Geschenk war, überreicht von Philipp Lahm, dem damaligen Captain von Bayern München.

Ein Geschenk zum Abschied. Sie, die Spieler und der ganze Club, hatten ihm so viel zu verdanken. Das Triple hatte er 2013 gewonnen, die Champions League, die Meisterschaft und den Cup im gleichen Jahr, einmalig in der Geschichte der Bayern, und dabei hatte Heynckes schon Anfang Jahr gewusst, dass seine Zeit bei diesem Verein zu Ende gehen und Pep Guardiola kommen würde. Er habe sich wohl gedacht, «diesen Deppen zeige ich es jetzt», sagte Uli Hoeness ­später ­einmal schmunzelnd, als er für Heynckes eine Laudatio bei der Vergabe des ­Ehrenrings der Stadt Mönchen­gladbach hielt.

Nie denkt er zuerst an sich

Ganz sicher hat Heynckes nicht so gedacht. Er ist keiner, der zuerst an sich denkt. Bei der mitternächtlichen Feier im Mai 2013 in einem Londoner Luxushotel nach dem Gewinn der Champions League dankte er allen im Club für das, was sie geleistet hatten, und er dachte auch an den Busfahrer und den Zeugwart und die Sekretärinnen auf der Geschäftsstelle, er würde nie sagen: «Ich habe das Triple gewonnen», stets waren es die Bayern. So, wie er sich als Mensch gibt, war er auch als Trainer: Bescheiden, ehrlich, konservative Werte sind ihm wichtig, und bewusst ist ihm, geboren am ersten Tag nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als neuntes von zehn Kindern, was ihm der Fussball ­alles ermöglicht hat. Und er hat dafür ­gelebt. Er war immer der Erste, der am Morgen auf einem Trainingsgelände war, und der Letzte, der ging, ein akribischer Arbeiter, der sich nächtelang Videos ­ansah und Gegner studierte.

Mit 55 solle Schluss sein, sagte er einst. Und als er so alt und Trainer bei Benfica Lissabon war, rechnete er vor, er sei wegen des Fussballs 16-mal umgezogen und wolle nun aufhören. Aber er ging zu Bilbao. Und dann zu Schalke. Und dann nochmals zu Mönchengladbach zurück. Und hier, wo alles begann, schien das Ende zu kommen. Er bekam nach einigen Niederlagen gar Morddrohungen, löste den Vertrag auf, verzichtete auf irgendwelche Abfindungen und stellte am Tag nach der Trennung seinen Dienstwagen vor die Geschäftsstelle, sauber gewaschen und vollgetankt.

Entlassen, geheult, getrunken

Heynckes habe, sagte er einmal, etwas gegen das Wort «endgültig». Und das ist nun die Geschichte mit Uli Hoeness, die Geschichte einer dicken Freundschaft. 1991, Heynckes hatte in den Jahren zuvor mit den Bayern zweimal die Meisterschaft gewonnen, wurde er ins Haus von Hoeness gebeten. Dieser sagte ihm, dass er ihn entlassen müsse, geheult wie Schlosshunde hätten sie nachher und viel Rotwein getrunken und Karten gespielt, und Hoeness sagte später, es sei sein grösster Fehler als Manager ­gewesen. 2009 war die Familie Heynckes an den Tegernsee geladen, schon lange abgemacht war der Besuch, und zufällig war es der Samstag, als sich die Bayern von Klinsmann trennten – und als Heynckes, damals im Ruhestand, nach dem Rückflug sein Handy wieder einschaltete, sah er einen Anruf von Hoeness. Ob er nicht für fünf Spiele einspringen könne, Hitzfeld wollte es nicht. Heynckes tat es.

2011 wurde er von den Bayern wieder geholt. Und im Mai 2012, nach dem verlorenen «Finale dahoam» gegen Chelsea, überlegten sich bei den Bayern viele, wie sie es dem netten Jupp Heynckes beibringen können, dass sie sich trennen müssen. Nicht so Hoeness. Er rief, weil er befürchtete, dass Heynckes selber den Schritt machen würde, noch in der Nacht seinen Freund an und sagte ihm: jetzt erst recht. Die folgende Saison wurde zum grossen Jahr der Bayern und von Heynckes, der, je älter er wurde, desto jünger wirkte, vor allem immer gelassener und souveräner, ein weiser Mann, der sagte: «Ich sehe alles viel lockerer, und wir dürfen doch nicht vergessen, dass wir im Sport arbeiten, es passieren so viele schreckliche Dinge auf der Welt.»

Er zog sich vor vier Jahren zurück auf seinen Bauernhof, gehörte nicht zu ­jenen, die überall ihre Meinung glauben kundtun zu müssen, er mied die Öffentlichkeit weitgehend, genoss Cando, ­Philippo, die Rosen und ging mit seiner Frau endlich an Konzerte und ins Kino, selten mehr in ein Stadion, er war ein glücklicher Rentner, 72-jährig heute.

Dann kam der Mittwoch vor einer Woche. Das 0:3 der Bayern gegen Paris St-Germain, das gemeinsame Eingeständnis, dass es mit dem gemütlichen Carlo Ancelotti so nicht mehr weitergehen kann, die Diskussion um Namen, und als Uli Hoeness vorschlug, er könne ja mal Jupp Heynckes anrufen, waren alle sehr einverstanden.

Alte Männer holen alten Mann

Der FC Bayern München, der sich neu erfinden muss, in der Mannschaft mit einigen älteren Spielern, auch im Club generell, denkt in der Not und auf der Suche nach einer wieder schönen Zukunft an die Vergangenheit.

Die alten Männer holen den alten Mann. «Mia san Jupp», nun zum vierten Mal, ewiger Jupp. Und es ist vielleicht die beste Idee. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 22:42 Uhr

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