Millionenklage: Fifa bittet korrupte Funktionäre zur Kasse

Der Weltverband will von den verhafteten Ex-Spitzenleuten Geld zurück. Auch Sepp Blatter könnte betroffen sein.

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Jeffrey Webb feierte kürzlich in seiner Villa eine Geburtstagsparty für seine Ehefrau, samt Black-Jack-Tisch, vierstöckiger Torte und Champagner für alle Gäste – obwohl er unter Hausarrest steht. Webb, ehemaliger Fifa-Vizepräsident sowie Chef der nord- und mittelamerikanischen Föderation Concacaf, ist einer der 41 Angeklagten im US-Verfahren gegen Korruption im Fussball.

Freunde und Familie posteten Bilder der Feier auf Facebook. Diese Unverfrorenheit war zu viel für die Anwälte der Fifa. In einem Brief an die US-Justiz prangert der Weltverband den «extravaganten Lebensstil» des früheren Spitzenfunktionärs an und fordert die amerikanischen Strafverfolger auf, dessen Finanzen zu durchleuchten. Der Verdacht: Webb hat gegenüber den Ermittlern nicht sein ganzes Vermögen offengelegt und gibt jetzt Geld aus, das eigentlich der Fifa zusteht.

Fifa sieht sich als Opfer

Die Attacke gegen Jeffrey Webb ist Teil einer grösseren Aktion. Heute Dienstag reicht der Verband in New York eine Schadenersatzforderung in Millionenhöhe ein. Das Dokument liegt Tagesanzeiger.ch/Newsnet vor. Darin betont die Fifa einmal mehr ihre Opferrolle: Die korrupten Funktionäre seien schuld an der Misere und am zerstörten Ruf des Weltverbands, nicht die Organisation selbst. Die Angeklagten hätten ihre Vertrauenspositionen missbraucht, lässt sich der neue Präsident Gianni Infantino in einer Medienmitteilung zitieren. Das entzogene Geld sei «für den Bau von Fussballplätzen gedacht gewesen, nicht für Villen und Swimmingpools».

Noch ist ungewiss, wie hoch der geforderte Schadenersatz am Ende ausfallen wird. Aber einige Verdachtsmomente und Ansprüche daraus sind schon bekannt:

  • Schmiergeld vor der WM 2010: 10 Millionen Dollar. Die US-Justiz hat bereits in ihrer Anklage festgestellt, dass die früheren Fifa-Männer Chuck Blazer und Jack Warner Bestechungsgelder kassiert hatten, um für Südafrikas Kandidatur für die WM 2010 zu stimmen. Nun bestätigt der Fussballverband: 2008 flossen zehn Millionen Dollar aus Südafrika via Fifa an Jack Warner, getarnt als Unterstützung für die «afrikanische Diaspora in der Karibik». Tatsächlich leiteten Concacaf-Präsident Warner und der damalige Generalsekretär Blazer das Geld in die eigenen Taschen um.
  • Weitere Bestechungsgelder und Kickbacks: Dutzende Millionen Dollar. Bei einer Reihe von Schmiergeldzahlungen müssen die Fifa-Anwälte erst noch ausrechnen, wie hoch der Schaden ist. Angesichts der Summen, die in den beiden US-Anklagen genannt werden, dürften Dutzende Millionen Dollar hinzukommen.
  • Löhne, Boni, Spesen: mindestens 28,2 Millionen Dollar. Weil die korrupten Funktionäre auch ihre Treuepflichten gegenüber der Fifa verletzten, fordert der Verband nun deren Saläre zurück – inklusive Zusätze wie bezahlte Flüge oder Essenskosten. Das geht ins Geld, weil die Spitzenfunktionäre grosszügige Privilegien genossen. Alleine Jeffrey Webb soll zwei Millionen zurückzahlen. Rekordhalter ist Chuck Blazer, von dem inzwischen bekannt ist, dass er im New Yorker Trump Tower ein 6000-Dollar-Apartment für seine Katzen gemietet hatte. Von ihm fordert die Fifa 5,4 Millionen Dollar.
  • Rufschädigung: mehrere zehn Millionen Dollar. Durch ihre korrupten Machenschaften hätten die angeklagten Funktionäre den Ruf der Fifa und ihre Marke geschädigt, heisst es im Dokument. Wie hoch der Schaden sei, könne man noch nicht genau beziffern, aber es gehe mindestens um «mehrere zehn Millionen Dollar».
  • Anwaltskosten: mehrere Millionen Dollar. Nach der ersten Verhaftungswelle in Zürich stellte die Fifa eine Vielzahl von Anwälten an, die sich um die Verfahren in der Schweiz und in den USA kümmerten. Dazu kommen die Ausgaben für eine interne Untersuchung. Die Fifa hat bislang nicht kommuniziert, wie viel die Juristenschar kostet, es dürften aber im Minimum mehrere Millionen Dollar sein.

Weitere Forderungen wahrscheinlich

Bis heute hat die US-Justiz gegen die 41 Angeklagten über 190 Millionen Dollar an Strafzahlungen verhängt. Mehr als 100 Millionen sind bereits blockiert. Laut einem Spezialisten, der mit dem Dossier vertraut ist, hofft die Fifa darauf, an all dieses Geld heranzukommen. Das Gericht in New York wird über den Schadenersatz entscheiden, wenn es die endgültigen Strafen gegen die Funktionäre verhängt. Die beiden Kontinentalverbände Concacaf (Nord- und Mittelamerika) sowie Conmebol (Südamerika) dürften ebenfalls Schadenersatz anmelden, laut einer Fifa-Quelle soll dann gemeinsam entschieden werden, wie das zurückgeforderte Geld verteilt wird.

Es ist möglich, dass die Fifa zu einem späteren Zeitpunkt auch in der Schweiz Schadenersatz einfordert – zum Beispiel von Sepp Blatter oder Michel Platini. In den USA dagegen werden Strafverfahren und Schaden gleichzeitig abgewickelt, hierzulande warten Geschädigte dagegen normalerweise das Ende des Strafverfahrens ab, bevor sie solche Ansprüche geltend machen. Das Schweizer Verfahren gegen Blatter und Platini ist noch im Gang, der Ex-Fifa-Präsident und der suspendierte Uefa-Chef bestreiten die Vorwürfe weiterhin. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2016, 12:05 Uhr

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