Human Rights Watch kritisiert Fifa wegen Russland-WM

Die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen in Russland seien prekär. Die Menschenrechtsorganisation beklagt Todesopfer – und greift die Fifa an.

Arbeiter vor der Mordowia-Arena in Saransk. Für die WM-Stadien wurde laut Human Rights Watch teilweise ohne Schutzkleidung bei minus 25 Grad gearbeitet.

Arbeiter vor der Mordowia-Arena in Saransk. Für die WM-Stadien wurde laut Human Rights Watch teilweise ohne Schutzkleidung bei minus 25 Grad gearbeitet. Bild: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fifa soll ihr eigenes Versprechen nicht erfüllt haben, die Bauarbeiter, welche die Stadien für die Weltmeisterschaft 2018 in Russland erstellen, vor Ausbeutung und schlechten Arbeitsbedingungen zu schützen. Das schreibt Human Rights Watch in einem 34-seitigen Bericht mit dem Titel «Rote Karte».

«Die Arbeiter, welche die Stadien für die Weltmeisterschaft aufbauen, werden ausgebeutet, und ihre Menschenrechte werden verletzt. Die Fifa muss noch unter Beweis stellen, dass sie diese Probleme wirksam überwachen, unterbinden und beheben kann», sagt Jane Buchanan, stellvertretende Leiterin der Abteilung Europa und Zentralasien bei Human Rights Watch.

Für den Report hat die Menschenrechtsorganisation auf sieben WM-Baustellen Untersuchungen durchgeführt. Auf sechs davon warteten Bauarbeiter mehrere Monate auf Lohnzahlungen. Sie wurden entweder gar nicht oder nur teilweise entlöhnt. Zum Teil wurde auch bei Temperaturen von minus 25 Grad ohne die nötige Schutzkleidung gearbeitet. Zudem erhielten viele Arbeiter keinen gesetzeskonformen Vertrag und wurden zu grossen Teilen illegal mit Bargeld bezahlt.

Wie «Kriegsgefangene» behandelt

Die Fifa war bereits wegen der teilweise menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen für die WM 2022 in Katar unter Beschuss geraten. Und auch in Russland sind Tote zu beklagen: Laut dem internationalen Gewerkschaftsbund Building and Wood Workers’ International sind während des Baus der Stadien bislang mindestens 17 Menschen gestorben. Zudem berichtete der englische «Observer», dass auf der Baustelle in St. Petersburg nordkoreanische Arbeiter «wie Kriegsgefangene» behandelt worden seien.

Ein russischer Subunternehmer schildert, wie mindestens 190 Nordkoreaner zwischen August und November 2016 jeden Tag mindestens 11 Stunden und ohne einen Freitag eingesetzt worden seien: «Diese Männer haben Angst, mit jemandem zu sprechen. Sie schauen niemanden an. Sie sind wie Kriegsgefangene.» Ihr Tageslohn habe zwischen 10 und 15 Dollar betragen, wovon erst noch ein Teil an das nordkoreanische Regime geflossen sei.

Die Fifa selbst hat zugegeben, dass Nordkoreaner in St. Petersburg ausgebeutet wurden. In einem Brief an die Verbandschefs von Schweden, Dänemark, Norwegen und Island schreibt Präsident Gianni Infantino von «oft entsetzlichen» Arbeitsbedingungen. Im November seien die Verstösse der Fifa aufgefallen, seither seien die Nordkoreaner nicht mehr auf der Baustelle tätig.

Die Fifa verteidigt sich

Human Rights Watch anerkennt, dass die Fifa sich bemüht, die Arbeitsbedingungen auf den WM-Baustellen zu überwachen. Aber der Weltfussballverband tue nicht genug: «Die Fifa hat versprochen, die Menschenrechte zum Herzstück ihrer weltweiten Aktivitäten zu machen. In Russland wird dieses Versprechen auf die Probe gestellt – und das Ergebnis ist nicht zufriedenstellend», sagt Buchanan.

Die Fifa verteidigt sich gegen die Vorwürfe. In einem Brief an Buchanan schreibt Federico Addiechi, Head Sustainability & Diversity der Fifa, seit April 2016 seien die Arbeitsbedingungen von knapp 9000 Arbeitern überprüft worden. Dabei seien «Unregelmässigkeiten» festgestellt worden: «Aber die Beanstandungen haben von der ersten bis zur fünften Kontrollrunde um 72 Prozent abgenommen.»

Allerdings gibt die Fifa nicht an, welche «Unregelmässigkeiten» sie festgestellt hat. Zudem waren die Baustellenkontrollen des von der Fifa beauftragten Klinsky-Instituts jeweils angekündigt, was die Chance zur Vertuschung erhöhte. Im Report von Human Rights Watch erzählen Arbeiter in Kaliningrad zudem davon, dass sie im September 2015 von Sicherheitsleuten davon abgehalten worden seien, sich direkt an eine Delegation der Fifa zu wenden. Sie wollten sich über unregelmässige Lohnzahlungen beklagen.

«Notorische Geheimniskrämerei»

Addiechi greift seinerseits Human Rights Watch an. Die Fifa sei zu spät und nicht umfassend genug über den Report unterrichtet worden: «Andernfalls wären wir in der Lage gewesen, ihre Interview-Ergebnisse zu überprüfen und Probleme gehaltvoll ansprechen zu können.»

Jane Buchanan dagegen stellt fest: «Die Fifa und die russische Regierung haben einen anerkennenswerten Schritt gemacht, als sie begannen, die Arbeitsbedingungen beim Bau der WM-Stadien zu überwachen. Aber um glaubwürdig zu sein, muss die Fifa auch detaillierte Informationen über die Inspektionen veröffentlichen. Sie muss sich endlich von ihrer notorischen Geheimniskrämerei verabschieden und unter Beweis stellen, dass sie ihre Arbeiter wirksam schützt.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.06.2017, 14:15 Uhr

Artikel zum Thema

Fifa gibt Verletzungen der Menschenrechte in Russland zu

Arbeiter aus Nordkorea haben unter unwürdigen Bedingungen das WM-Stadion in St. Petersburg gebaut. Zu diesem Schluss kommt auch die Fifa. Mehr...

Amnesty verurteilt «Zwangsarbeit» in Katar

Sollte die Fifa nicht «sofort» handeln, werde die Fussball-WM 2022 in Katar «auf dem Rücken ausgebeuteter Arbeitsmigranten ausgetragen», kritisiert Amnesty International. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wandern Sie sich glücklich

Lassen Sie sich von der Stille unberührter Landschaften und der einmaligen Szenerie der Schweizer Alpen verzaubern. SBB RailAway bietet Wandergenuss mit bis zu 20% Rabatt!

Blogs

Mamablog Die Tage der Ehe sind gezählt

Blog Mag Das Ende der Seifenoper

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Lange Nase: Tänzer zeigen eine Episode ihres Stücks vor dem Opernhaus in Sydney. (22. August)
(Bild: EPA/DAVID MOIR ) Mehr...