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Der Fussball erwacht in Venezuela - sportlich und politisch

An der U-20-WM wurde Venezuela überraschend Vizeweltmeister. Für ein Land, das sich politisch immer mehr spaltet, ist es ein wichtiger Erfolg.

Grund zum Jubeln: Venezuela wird an der U20-WM in Südkorea sensationell Vizeweltmeister.
Grund zum Jubeln: Venezuela wird an der U20-WM in Südkorea sensationell Vizeweltmeister.
Keystone
Im Final mussten sich die Südamerikaner zwar den Engländern geschlagen geben, dennoch ist es der grösste Erfolg einer venzolanischen Auswahl in der Verbandsgeschichte.
Im Final mussten sich die Südamerikaner zwar den Engländern geschlagen geben, dennoch ist es der grösste Erfolg einer venzolanischen Auswahl in der Verbandsgeschichte.
Keystone
Auch eine venezolanische Legende meldete sich zu Wort. Ex-Gladbach-Spieler Juan Arango stellt sich klar gegen die Regierung.
Auch eine venezolanische Legende meldete sich zu Wort. Ex-Gladbach-Spieler Juan Arango stellt sich klar gegen die Regierung.
Keystone
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Südamerika – auf keinem anderen Kontinent wird der Fussball so passioniert gespielt und zelebriert wie in der Neuen Welt. Argentinien, Brasilien, Uruguay, Kolumbien: Es sind Länder, aus denen Weltmeister und Legenden stammen, in denen überall auf der Strasse der Ball gekickt wird. Ein Land scheint aber noch kaum Platz in den Annalen des Fussballs gefunden zu haben: Venezuela. Bis jetzt.

Am Sonntag verlor die U-20-Auswahl der Südamerikaner den WM-Final gegen England äusserst knapp – 0:1 lautete das Endresultat. Für den Aussenseiter gab es dennoch Grund zur Freude. Noch nie in der 89-jährigen Geschichte des venezolanischen Fussballverbands konnte ein derartiger Erfolg gefeiert werden. Als goldene Generation wird die junge Mannschaft von Trainer Rafael Dudamel betitelt, der bereits jetzt zum Volkshelden avancierte.

Und dieser nutzte vor dem Final die Gunst der Stunde im Rampenlicht. Nach dem Halbfinalsieg gegen Uruguay folgte ein Appell an das Land. Dieser war nicht sportlich, sondern politisch gefärbt: «Heute hat uns ein 17-jähriger Junge im Tor mit seinen Paraden erfreut, und gestern starb ein 17-Jähriger.» Dudamel legte seinen Blick auf die Strassen Venezuelas, in denen Gewalt herrscht.

Die Legende meldet sich zu Wort

Das Land ist gepalten. Der Sozialismus des 21. Jahrhunderts unter dem verstorbenen Revolutionsführer Hugo Chávez und dem aktuell umstrittenen Präsidenten Nicolás Maduro riss eine tiefe Kluft auf. Protestmärsche und tödliche Ausschreitungen sind die Folge, die brutalen Bilder auf den Strassen Venezuelas gehen um die Welt. Die Hauptstadt Caracas gilt als Pulverfass, über zwei Millionen Menschen haben bereits das Land verlassen. In Zeiten, in denen das Land sportlich einen seiner grössten Triumphe feiern könnte, muss es leiden. Das weiss auch Juan Arango.

Er ist der Rekordnationalspieler und -torschütze und wohl der bekannteste venezolanische Fussballer ausserhalb der Staatsgrenzen. Fünf Jahre lang spielte Arango in Mönchengladbach, von 2009 bis 2014. Auch sonst hielt sich der Mittelfeldspieler ausschliesslich im Ausland auf. Nur zu Beginn seiner Karriere lief er in Venezuela auf, für den FC Caracas. Die weiteren Stationen: Mexiko, Spanien und New York Cosmos in den USA. Arango blieb seinem Heimatland fern – auch aufgrund des politisch labilen Zustands.

Letzte Woche kehrte der 37-Jährige jedoch überraschend zurück. Beim Testspiel zwischen Venezuela und Ecuador wurde der «Hurrikan der Karibik» vom Verband für sein Lebenswerk geehrt. Arango war anwesend und liess sich feiern, machte aber genau das, was er in seiner aktiven Karriere bisher vermied – er äusserte sich zur politischen Situation.

Der Aufruf an den Präsidenten

Die Situation sei «viel schlechter» als zum Zeitpunkt, als er das Land verlassen habe, sagte Arango vor dem Spiel in einer Talkshow. Dies war 1999. Er sei geschockt von den Zuständen im Land. Nahe seinem Haus suchten Menschen in Abfällen nach Essensresten, der Einsatz von Tränengas gegen die Demonstranten mache ihn traurig. Bereits vor einigen Wochen zeigte sich die venezolanische Legende aktiv in den sozialen Medien, richtete sich gegen die Regierung um Maduro. Der ehemalige Nationalspieler lehnt die angeordnete «verfassungsgebende Versammlung» offen ab.

Ob Arango absichtlich den Zeitpunkt wählte, als Venezuela seinen grössten fussballerischen Erfolg feiert, ist nicht bekannt. Doch die Stimme der Legende – und auch des U-20-Trainers Dudamel – scheint Anklang zu finden. Tomás Rincón von Champions-League-Finalist Juventus Turin positioniert sich ebenfalls gegenüber der Regierung.

«Präsident, stoppen wir jetzt die Waffen. Diese Jungen, die auf die Strasse gehen, das Einzige, was sie wollen, ist ein besseres Venezuela», rief Dudamel vor dem WM-Final auf, auch wenn die Situation alles andere als optimistisch stimmt. Zumindest der Nationalmannschaft könnte eine goldene Zukunft bevorstehen. Der Fussball in Venezuela scheint endlich erwacht – sportlich und politisch.

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