Mit der Lizenz zum Angreifen

Der FC Basel will heute mit offensivem Spiel bei Benfica Lissabon die Champions-League-Achtelfinals erreichen – einmal mehr mit Hilfe der Aussenverteidiger.

Trifft regelmässig: FCB-Abwehrspieler Michael Lang.

Trifft regelmässig: FCB-Abwehrspieler Michael Lang. Bild: Keystone

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Es ist unklar, ob Rui Vitoria für seine Spieler einen Clip mit allen Basler Toren aus den letzten fünf Spielen zusammengeschnitten hat. Falls der Trainer von Benfica Lissabon das getan hat, brauchte er Geduld, denn eine entscheidende Figur startete meist ganz hinten. 7 von 16 Toren, also 43 Prozent, erzielte ein Spieler, dessen Aufgabe primär diejenige ist, Tore zu verhindern: Michael Lang. 1,4 Tore pro Match gelangen dem rechten Aussenverteidiger zuletzt im Durchschnitt. Für einen Abwehrspieler ein sehr hoher Wert. Und einer, um den ihn derzeit sogar Offensivkoryphäen wie Robert Lewandowski, Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo beneiden.

Das ungläubige Lachen

Jedes zusätzliche Tor entlockt ihm ein Lachen - und Trainer Raphael Wicky ebenso. Zuletzt am Samstag, als Lang den Ball in Lausanne aus kurzer Distanz zum zwischenzeitlichen 3:0 unter die Latte geschossen hatte. «Es ist jeweils mehr ein ungläubiges Lachen», sagt Lang, «ich begreife zum Teil nicht ganz, was für einen Lauf ich gerade habe.»

Video: Hier trifft Lang zum 1:0 gegen Manchester United

Er strahlt. Lang wartet am Montagmorgen im EuroAirport von Basel auf den Abflug nach Lissabon. Dass sich sofort eine Traube von Journalisten um ihn gebildet hat, nimmt er gelassen. Es ist auch eine Anerkennung für seine Leistungen. Es geht ihm gut. Und seine Gemütslage widerspiegelt sich auf dem Platz: «Ich fliege nicht gerade, aber ich merke, dass es super läuft.»

Der Ostschweizer stand noch nie im Ruf, nur Abräumerqualitäten zu haben. Zu Beginn dieser Saison verlor er den Skorerinstinkt aber temporär. Die persönliche Blockade löste er im Hinspiel gegen Benfica, als er in der 2. Minute den magischen Abend einläutete, der in einem 5:0 gipfelte. Und der dem FCB einen Grossteil jenes Selbstvertrauens zurückgab, das die Mannschaft nach seiner Serie schlechter Leistungen verloren hatte. Noch vier Tage zuvor war die Zukunft von Raphael Wicky ungewiss: Eine Niederlage gegen den FCZ hätte der Jungtrainer wohl mit der Entlassung bezahlt. Basel siegte glücklich 1:0.

Petretta: 11 Spiele, 1 Niederlage

Die Partie gegen Benfica im St.-Jakob-Park ist auch im Gedächtnis des anderen Aussenverteidigers tief verankert. Jener 27. September war der erste wichtige Saisoneinsatz von Raoul Petretta in der 1. Mannschaft nach zwei Cupspielen. Und der 20-Jährige, seit dem 6. Lebensjahr beim FCB, nutzte die Gelegenheit. 11 Partien hat er mittlerweile bestritten, nur eine davon hat Basel verloren. Sein Assist quer durch den Strafraum zu Langs Siegtreffer gegen Manchester United steigerte Petrettas Bekanntheitsgrad markant. Der im grenznahen Deutschland aufgewachsene Mann mit italienischem Pass ist aus der Startformation nicht mehr wegzudenken. Und wenn er so weitermacht, werden vielleicht eines Tages auch seine Träume von Einsätzen mit der «Squadra Azzurra» Realität.

Der Schweizer Nationalspieler, der seine Form wiederentdeckte, und das Jungtalent, das zum Überflieger wurde: Lang und Petretta sind Sinnbilder für den erstarkten, dynamischen FCB von Raphael Wicky. Gerade die Entwicklung Petrettas könnte Sogwirkung haben. Er kam wie Ajeti und Itten aus der eigenen Jugend, schaffte aber im Gegensatz zu diesen beiden den Durchbruch ohne Umweg über einen anderen Club. Ein Zeichen für andere Talente.

Aussenverteidiger sehr wichtig

Wicky, der Petretta schon ab der U-18 trainierte, misst den Aussenverteidigern grosse Bedeutung zu: «Sie sind in unserem und in jedem anderen System wichtig. Im modernen Fussball wird das Spiel häufig über die Aussenpositionen aufgebaut, und die Spieler müssen offensiv stark partizipieren.»

Langs Spiel hat sich gegenüber der Vorsaison verändert. Lief er damals noch oft bis zur Grundlinie und flankte dann scharf zur Mitte, zieht er nun häufig schon auf Höhe des Sechzehners gegen innen. Dies sei vor allem der neuen Spielweise geschuldet, sagt Lang: «Wir haben jetzt keinen Stürmer mehr, der in der Mitte auf Flanken wartet. Unser Spiel ist dadurch variabler geworden.» Es gilt für ihn noch mehr, den richtigen Moment zu erwischen - auch weil die Konkurrenz im Team durch viele schnelle Spieler grösser geworden ist. Spielintelligenz ist besonders gefragt, das gefällt Lang: «Heute wird im Fussball vieles von Zahlen abhängig gemacht. Wie schnell man ist, wie schnell man erholt ist. Leider geht die Spielintelligenz oft vergessen, aber für mich ist sie das Entscheidende.»

Marktwert steigt immer weiter

Mit jedem Tor, mit jeder starken Leistung, steigt sein Marktwert. Defensivspieler seiner Prägung sind rar. Ausserdem ist er nicht nur auf dem Weg zu seiner produktivsten Saison, er ist auch designierter Nachfolger von Stephan Lichtsteiner in der Nationalmannschaft. Der 27-jährige Lang würde sehr gerne ins Ausland wechseln, sofern die sportlichen und finanziellen Bedingungen stimmen. Aufgrund seiner jüngsten Leistungen wäre es überraschend, bekäme der FC Basel im Winter keine Angebote für ihn.

Die Ausgangslage heute Abend spricht für Basel. Nicht nur, weil Benfica noch punkte- und damit chancenlos ist. Im besten Fall - wenn ZSKA Moskau gleichzeitig in Manchester verliert - reicht dem FCB sogar eine Niederlage für Platz 2 und den Achtelfinal. Lang mag aber nicht so denken: «Wir wollen unser Spiel durchziehen. Mit einer Topleistung haben wir gute Chancen, um auch in Lissabon zu bestehen.»

Bilder: So reagierten die Medien auf den FCB-Coup gegen ManUnited

Im Hinspiel führte der FCB den Traditionsclub, der in der heimischen Liga Platz 3 belegt, an die Grenzen. Hinten liess das Team nichts zu, vorne überforderte es die langsamen Innenverteidiger mit Tempo. Ein solches Szenario erhofft sich Lang erneut: «Unser Umschaltspiel wird wieder ein Schlüsselelement sein.» An vorderster Front: er und Petretta.

Erstellt: 05.12.2017, 16:24 Uhr

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