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Mit der Medizin des Sanierers

Der neue GC-Präsident Stephan Rietiker sucht so schnell wie möglich einen CEO und einen Sportchef – und Trainer Stipics Job ist keineswegs gesichert.

Die Frisur sitzt: Stephan Rietiker bei seinem ersten Auftritt als neuer Präsident der Grasshoppers. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)
Die Frisur sitzt: Stephan Rietiker bei seinem ersten Auftritt als neuer Präsident der Grasshoppers. Foto: Claudio Thoma (Freshfocus)

Als der erste Fotograf die Kamera auf ihn richtet, fragt Stephan Rietiker: «Sitzt d Friise?» Es ist ein kleiner Moment der Eitelkeit im Saal des Kaufleuten.

42 Stunden zuvor sass noch Stephan Anliker hier und erklärte in bemerkenswerter Ehrlichkeit, dass ihm die Kraft fehle, um GC weiterführen zu können. Nun hat der nächste Stephan Platz genommen, und der Ton ändert sich. Das Berndeutsch ist verdrängt durch ein schneidiges Zürichdeutsch. Statt Langenthal, wo Anliker seinen Geschäftssitz als Architekt hat, wird die USA zum Thema, weil Rietiker da als Geschäftsmann viel zu tun gehabt hat. Darum ist er nicht nur ein Stephan, sondern auch ein Steve, zumindest steht das so im Communiqué von GC.

Wer Rietiker reden hört, erinnert sich an die Tage des alten Präsidenten Romano Spadaro, als das Manager-Englisch bei GC Einzug hielt und aus dem Tram ein «official carrier» wurde. Rietiker redet von «facilitator» (Vermittler), von «team approach» (Zugang zum Team), Worte wie «Staff» und «Motivation» spricht er in breitestem Englisch aus, und er redet im Zusammenhang mit den Fans auch nicht von Rückgrat, sondern von «backbone».

Wenn es der Sache hilft, soll das nicht weiter stören. Die Sache ist GC, der grosse Sanierungsfall des Schweizer Fussballs. Rietiker ist mit seiner beruflichen Vergangenheit hier gut aufgehoben: Er ist ein Sanierer, der aufräumt und dabei wenig Skrupel kennt.

Seine Beziehung zu GC begann vor 15 Jahren, als er dem Donnerstag-Club beitrat, der Gönnervereinigung mit dem legendären Ruf, aber längst geschwundenem Einfluss auf den Club. Er ging an die Spiele, es gefiel ihm, und er ist geblieben. Vor rund drei Wochen erhielt er die Anfrage von Anliker und Peter Stüber, dem anderen Grossaktionär, ob er sich das Präsidium bei GC vorstellen könne. Er wurde davon überrascht, befasste sich mit dem Thema und kam für sich zur Erkenntnis: Doch, das ist eine Aufgabe, wie sie ihn reizt.

Rietikers Bedingungen

Eine Situation wie bei GC kennt er aus der Wirtschaft, wo er schon durch «Stahlbäder» ging, «Mehrfrontenkriege» erlebte oder die «Plattform am Brennen» war. GC ist jetzt am Rande des Abgrunds, vier Punkte hinter dem Barrageplatz und acht Punkte hinter einem Nichtabstiegsplatz. Für GC findet der studierte Mediziner Rietiker noch ein anderes Bild: «Es ist ein Patient auf der Intensivstation, aber mit guten Chancen zu überleben.»

Rietiker liess sich alles genau zeigen, auch die Zahlen des Vereins, der sich einen schwer defizitären Betrieb leistet. Er forderte von den Aktionären, dass er die absolute Freiheit habe, wenn es um personelle Entscheide gehe. Und um Sicherheit zu haben, wünschte er von ihnen auch ein Bekenntnis über diese Saison hin – bis Sommer 2020. Beides hat er bekommen. GC will er wie ein Unternehmen führen. Da ist er nicht der Erste, der das sagt, und er wäre darum nicht der Erste, der dabei scheitert. Er geht unverdrossen daran, neue Aktionäre zu finden. Die schwarze Null ist sein Ziel. In den nächsten eineinhalb Jahren will er einen «guten Job» machen, «dann schauen wir weiter», sagt er. Und wenn die Saison mit dem Abstieg endet? Läuft er dann davon? «Nein», sagt er dezidiert.

Den Verwaltungsrat will er von drei auf fünf Leute ausbauen. Georges Perego und Andras Gurovits wollen bleiben. Wobei sich fragt, ob das ein gutes Zeichen ist. Sie sind mitverantwortlich für die strategische Misere bei GC.

Rietikers erster grosser Entscheid ist schnell zu erwarten. Dabei geht es um die Wahl des neuen CEO, «das hat neben dem Sport absolute Top-Priorität», sagt Rietiker. Dass Manuel Huber, der Verbündete von Anliker, noch bis Saisonende bleibt, ist darum nicht vorstellbar. Nach dem CEO muss ein neuer Sportchef gefunden werden, «auch das so schnell wie möglich», sagt Rietiker. Wobei es dabei ein Problem gibt: Der Kreis fähiger Leute ist in der Schweiz sehr klein. Vielleicht wird Fredy Bickel bei Rapid Wien frei.

Ein Mann ohne Tabus

Nach CEO und Sportchef geht es ums weitere Personal. «Ich stehe zu Spieler, Trainer und Staff», sagt Rietiker. «Ich will zuhören, aber nicht primär dreinfahren. Die Mitarbeiter haben eine Chance verdient. Sie müssen Sicherheit haben, und wenn sie die haben, kann der gleiche Club wieder besser spielen.»

Am Sonntag sitzt Rietiker erstmals als Präsident auf der Tribüne, wenn GC auf Lugano trifft. Darauf konnte Trainer Tomislav Stipic das Team zwei Wochen lang vorbereiten. Es ist ein Schlüsselspiel. Am Mittwoch folgt der Ausflug nach St. Gallen. Und sollten diese Spiele verloren gehen, kann sich Stipic nicht mehr in Sicherheit wiegen. Rietiker ist keiner, der Tabus kennt.

Sein Auftritt im Kaufleuten geht dem Ende entgegen. Für ein letztes Bild posiert er vor dem GC-Logo. Als er zufrieden dreinschaut, sieht der Fotograf schon die Legende vor sich: «Noch strahlt er.»

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