Mit italienischem Rezept gegen Italien

Wenn China am Dienstag zu seinem Achtelfinal antritt, wird es wohl auf ein altes Mittel der Gegnerinnen setzen.

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Für China war es wohl die bitterste Niederlage je. Amerikaner würden den Moment als episch beschreiben, als einen historischen der Fussballgeschichte: Brandi Chastain sank vor 90'000 Zuschauern in der brütenden Hitze von Pasadena auf die Knie, das T-Shirt ausgezogen, die Arme zum Himmel gestreckt. Die Verteidigerin hatte gerade den entscheidenden Penalty verwandelt, die USA zum Weltmeister gemacht.

Das ist 20 Jahre her. Für die USA war es der zweite WM-Titel nach 1991, für China ein Tiefschlag, von dem man sich lange nicht erholte. China war damals nämlich etwas ganz Grosses im Fussball der Frauen: WM-Vierter 1995, Olympia-Silber 1996. Und dann eben: dieser Final von Pasadena, gepfiffen übrigens von der Schweizerin Nicole Petignat. Die Asiatinnen hatten der Übermacht ein 0:0 abgetrotzt, Stürmerin Sun Wen wurde Torschützenkönigin. Belohnt wurden sie schlecht.

Nach dem Drama ging es mit dem Nationalteam bergab. China fehlte zwar nur einmal bei einer WM, gewann noch zweimal die Asienmeisterschaft und deklassierte Gegnerinnen aus Hongkong, Thailand oder der Mongolei auch gerne mal mit einem Stängeli. Man wagte auch Experimente, es kamen Trainer und Trainerinnen aus Schweden, Frankreich und sogar Island. Interkontinental kam China nach Pasadena aber nie weiter als in den Viertelfinal.

Mit einem 1:1-Torverhältnis im Achtelfinal

Am Dienstag in Frankreich (18 Uhr) stehen die Spielerinnen, die vor der WM noch Unterricht in Patriotismus bekamen, wieder vor dem Viertelfinaleinzug. Der Gegner ist ein schwer auszurechnender. Noch weiss man nicht so genau, was man von diesem Italien halten soll. Vielleicht konnten sich die Chinesinnen bei ihrem Lehrgang aber schon etwas abschauen: In Sachen Patriotismus machen die Italienerinnen ihren männlichen Kollegen schon Konkurrenz, die Nationalhymne schmettert auch deren ehemaliger Leadsänger Gianluigi Buffon nicht lauter.

Das mit dem Abschauen in Italien scheint Trainer Xia Xiuquan schon erledigt zu haben. Ihm war die Nationalhymne dabei wohl ziemlich egal, etwas anderes hat es ihm angetan: der altbekannte Catenaccio, ein einstiges italienisches Erfolgsrezept, perfektioniert in den 60er-Jahren von Inter Mailand, heute bloss ein Synonym für destruktiven Fussball.

Das den Chinesinnen vorzuwerfen, wäre wohl falsch. Tatsächlich aber ist es ihre Defensive, die die Taktiker auf der Welt entzücken wird. Die herausragende Figur ist die Torhüterin Peng Shimeng, 21 Jahre jung, man nennt sie auch die Chinesische Mauer. Von den lediglich 15 Torschüssen, die ihre Vorderleute in den Gruppenspielen gegen Spanien, Deutschland und Südafrika zuliessen, hielt sie 14. Ein Tor brachte nur Deutschland zustande. Und auch das mit viel Krampf.

Auch Italien defensiv sicher

Vorne aber, da ist China zuweilen noch etwas brav. Die Bilanz: null Torschüsse gegen Spanien, einer gegen Deutschland. Nur gegen Aussenseiter Südafrika gehörte den Chinesinnen auch die Offensive, 16 Schüsse gaben sie ab, wovon drei den Weg auf das und einer den Weg in das Tor fanden. China kam mit vier Punkten und einem Torverhältnis von 1:1 zu diesem Achtelfinal-Spiel gegen Italien.

Auch die Italienerinnen präsentierten sich an dieser WM defensiv solid, kassierten nur ein Tor mehr als China – schossen selbst aber deren sieben. In der schwierigen Gruppe mit Jamaika, Australien und Brasilien setzte sich Italien als Gruppensieger durch. Vorauszusagen, wer hier Favorit sein soll, ist nicht einfach. Der bisherige WM-Verlauf sagt wohl Italien, die Geschichte sagt China. Doch: Wenn jemand weiss, wie man mit dem Catenaccio fertig wird, dann ist es Italien.

Erstellt: 25.06.2019, 14:07 Uhr

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