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Mit sonnigem Gemüt heranwachsen

Die Grasshoppers suchten die «Nadel im Heuhaufen» und fanden Spieler wie Souleyman Doumbia, die der Mannschaft ein neues Gesicht geben können.

Er mag das Leben unkompliziert: Souleyman Doumbia (21) auf dem GC-Campus. Foto: Sabina Bobst
Er mag das Leben unkompliziert: Souleyman Doumbia (21) auf dem GC-Campus. Foto: Sabina Bobst

Am Mittwochabend schaute Souleyman Doumbia via Fernsehen der grossen Welt des Fussballs zu. Champions League, Paris St-Germain gegen Bayern München, Adrien Rabiot auf der einen, Kingsley Coman auf der anderen Seite. PSG wünschte Doumbia den Sieg, Coman wenigstens einen Treffer. Seine Hoffnungen erfüllten sich nicht ganz. PSG gewann 3:0.

Er kennt sie beide gut, Rabiot und ­Coman, im Nachwuchs der Pariser hat er mit ihnen zusammengespielt, von der U-14 bis zur U-19. Sie sind da, wo jeder hinmöchte, in der europäischen Spitze, er dagegen wohnt in Oerlikon und trainiert in Niederhasli mit GC. Aber deshalb ist er nicht unzufrieden. Er strahlt, wenn er von seinem neuen Arbeitsort redet, wie er eigentlich immer strahlt, weil er ein sonniges Gemüt hat.

«Bueb» nennt ihn Trainer Murat Yakin, «Puurscht» sagt Sportchef Mathias Walther. Beide meinen es nicht abwertend, sondern liebevoll, weil sie Doumbia ­mögen: als Spielertyp und als Mensch. Yakin zum Beispiel sagt: «Er ist ein Bub, den man gerne hat.»

Souleyman Doumbia steht auf seine ganz eigene Art für das GC in diesem Herbst.

Doumbia ist am Sonntag 21 geworden. Die Mannschaft brachte ihm ein Ständchen, er wünschte sich als ­Geschenk den Sieg gegen Lugano. Er ­bekam, was er wollte, und leistete seinen Teil zum 3:0, weil er nicht mehr der Doumbia der Vorbereitung und der ersten Meisterschaftsspiele ist, dieser flapsige Linksverteidiger und Zauberlehrling, der herumirrte und «nicht auf der Höhe der eigentlichen Arbeit war» (sagt er selbst). Das heisst nicht, dass er jetzt gleich fehlerfrei wäre, aber er steht auf seine ganz eigene Art für das GC in diesem Herbst.

Die Mannschaft ist neu zusammengesetzt

Im Frühjahr war es ein GC in heller Aufregung, der Abstieg drohte bis ­wenige Wochen vor dem Meisterschaftsende; und wer weiss, was passiert wäre, wenn Munas Dabbur und Caio gefehlt hätten. GC wäre mutmasslich abgestiegen. Jetzt sind die beiden Freunde weg. Die 2 Millionen Franken aus Transfers, die von Walther auf Geheiss des Verwaltungsrats zu erwirtschaften waren, sind dank der Verkäufe von Caio (Maccabi Haifa) und Jan Bamert (Sion) erwirtschaftet. Die Mannschaft ist neu zusammengesetzt. Inzwischen macht sie langsam den Eindruck, als würde etwas heranwachsen.

Walther hatte auch den Auftrag, ohne Mittel etwas zu kreieren. Er sagte allen Spielervermittlern, die ihm einfielen: «Schlagt uns alle Spieler vor, die zwar in einer schwierigen Situation sind, aber Potenzial haben.» Und er sagte ihnen auch: «Wir haben kein Geld.» Er suchte nichts mehr als die «Nadel im Heu­haufen».

Viele sind unter dieser Voraussetzung gekommen: Heinz Lindner, Nabil ­Bahoui, Jeffrén, Michal Fasko, Marco Djuricin, Albion Avdijaj und eben dieser Souleyman Doumbia. «Der Junge aus den Pariser Banlieue, der aus Süditalien kam», wie Walther auch sagt.

Feuerwehrmann als Traumberuf

Doumbia, Sohn von Einwanderern aus der Elfenbeinküste, das älteste von sechs Kindern eines Innenausstatters, hatte als Knirps noch geboxt und Feuerwehrmann als Traumberuf gehabt, ­bevor er zum Fussball fand und nur noch Fussball im Kopf hatte. Mit 13 kam er ins Internat von PSG, mit 16 begann er, ganz auf seinen Sport zu setzen.

Als Laurent Blanc noch Trainer der Pariser war, reichte es Doumbia zu vier Auftritten in Vorbereitungsspielen. Zu mehr nicht. Darum versuchte er sich ein Jahr lang in Italiens Serie B, um zu Einsatzzeiten zu kommen. Es war keine glückliche Wahl. Beim FC Bari kam er in fünf Monaten auf fünf Spiele und insgesamt 300 Minuten, bei Vicenza Calcio in der zweiten Hälfte der Saison 2016/17 auf drei Einsätze und 55 Minuten. Es war für ihn auch wegen seiner Hautfarbe eine «schwierige Zeit». Er vernahm immer wieder rassistische Dummheiten.

Als Doumbia im Sommer erstmals ­etwas aus Zürich hörte, wusste er von diesem Club genau nichts. Die Suche im Internet half ihm weiter. Er fand die ­offensichtlichste Information: GC steht nach wie vor für Rekordmeister. Er ­vernahm gerne, dass die Zürcher ihm Spielzeit versprachen. Darum unterschrieb er leihweise für eine Saison, mit der ­Option auf einen definitiven Wechsel von Bari, wenn er auf genügend Spiele kommt.

Keine Sekunde verpasst

In der Super League hat er bislang keine Sekunde verpasst, 9-mal 90 Minuten weist seine Statistik aus. Am Anfang, sagt Murat Yakin, «hatte er noch keinen Plan, wie er spielen muss». Doumbia leistete sich gröbere Aussetzer. Walther verteidigte den Spieler und erntete dafür Erstaunen.

Unter Yakin hat Doumbia nun den Auftrag, die linke Seite abzudecken. Er profitiert dabei vom System des 3-4-3, das ihm dank der Dreierkette genug ­Absicherung lässt. Und davon, dass Yakin ausgefuchst ist und weiss, wie man eine Defensive zu organisieren hat, wie viel wichtiger Stabilität ist als Ballbesitz.

Doumbia beginnt zu lernen und unterdrückt seine unbekümmerte Seite trotzdem nicht. Letzten Sonntag in ­Lugano setzt er in Bedrängnis zum ­Zidane-Trick an und befreit sich. (Bei der Zidane-Roulette steht der Spieler auf den Ball, dreht sich darauf und zieht ihn am Gegner vorbei mit.) Es ist eine mutige Einlage, 20 Meter vor dem eigenen Tor, beim Stand von 0:0. «Es ist ein Risiko, ja», sagt Doumbia, «aber in diesem Moment ist es die beste Lösung.» Yakin ist ihm nicht böse: «Ab und zu braucht es so ein Element im Spiel.»

Wie der junge Lichtsteiner

Doumbia hat das Potenzial zum Publikumsliebling. Und zwei herausragende Eigenschaften: «Die Schnelligkeit und die Fähigkeiten am Ball.» Sagt Sportchef Walther. Um seinen Werbespot für ihn fortzusetzen, erinnert er an den jungen Stephan Lichtsteiner: «Wie stand der im ersten halben Jahr herum? Das taktische Manko lässt sich wettmachen, aber nicht die Schnelligkeit. Das ist nur eine Sache des Trainings und der Reife. Yakin zeigt Doumbia nun, was er wie wo haben will.»

Der französisch-ivorische Doppelbürger mag das Leben unkompliziert. Gut, er würde gerne mehr feiern, als ihm möglich ist. Schlechte Laune hat er trotzdem selten, weil er erkannt hat, dass sein Beruf Opfer und Härte von ihm verlangt, gerade an Freitag- und Samstagabenden.

Er hat diese Unbekümmertheit, die der Mannschaft guttut. Er vergisst sich nicht, wenn er einen Fehler gemacht hat. Er sagt: «Wenn ich in der zweiten Minute einen Fehler mache, kann ich nicht dauernd daran denken. Ich weiss, es bleiben danach noch 88 Minuten zu spielen.» Stress gehört nicht zu seinem Wortschatz.

Heute Abend folgt der nächste Test für GC, für Doumbia. Basel kommt in den Letzigrund, das Basel, das am Mittwoch gegen Benfica Lissabon 5:0 ­gewann. Yakin macht sich darob nicht weiter Gedanken. Er weiss, so offen wie Benfica wird sein GC nicht spielen. Und Doumbia? Er denkt schon weiter, er sagt: «Mit dieser Gruppe und dieser ­Ambiance können wir viel erreichen.»

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