Mit Vaters Tipps zum Rekordtorschützen

Nach einer herausragenden U-21-EM überzeugt Freiburg-Stürmer Luca Waldschmidt auch in der Bundesliga. Der Lohn: sein Länderspieldebüt.

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Der kleine Sportplatz in der Heimat, er bedeutet ihm immer noch viel. Wenn er Zeit hat und bei seinen Eltern im hessischen Dillenburg-Frohnhausen zu Besuch ist, ein-, zweimal im Monat vielleicht, packt er die Fussballtasche und fährt mit seinem Vater dorthin. Dann trainieren sie zusammen, arbeiten an den Feinheiten seines Spiels, stellen Situationen nach und versuchen, bessere Lösungen zu finden, als es ihm im Match gelungen ist. Wie früher, als er klein war.

So erzählte das Luca Waldschmidt im Sommer nach seinem Tor bei Deutschlands 3:1-Sieg gegen Dänemark zum Start der U-21-EM. Es ist eine Episode, die typisch ist für den flexibel einsetzbaren Angreifer, der sich selbst als seinen grössten Kritiker bezeichnet. Der in der lauten, schrillen Welt des Fussballs so erfrischend normal geblieben ist, der keine Tattoos braucht, um aufzufallen, und auch keine schnellen Autos – er ist im Alltag lieber mit der Vespa unterwegs. Was er auf dem Platz zeigt, hat in den vergangenen Monaten gereicht, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Gut in vielem – aber aussergewöhnlich?

An der U-21-EM legte Waldschmidt auf dem Weg zu Platz 2 (Finalniederlage gegen Spanien) sechs Treffer nach, mehr als seine sieben hat in der Geschichte dieses Turniers noch niemand erzielt. Die Palette seiner Goals spiegelt seine Vielseitigkeit, da waren: ein Chip über den Goalie, ein Tor mit rechts aus kurzer Distanz, eines nach herrlichem Solo, ein Schuss von der Strafraumgrenze, ein Strich aus 30 Metern in den Winkel, ein Penalty, ein Freistoss – alles mit links. Die «Welt» urteilte jüngst: «In allen Dingen, die einen Stürmer ausmachen, ist er gut: Technik, Dribbling, Abschluss, auch Kopfball, Passspiel. Etwas Aussergewöhnliches hat er aber noch nicht ausgebildet.»

Luca Waldschmidt trifft an der U-21-EM siebenmal. (Video: Youtube)

Der 23-Jährige scheint aber auf gutem Weg dazu. Waldschmidts Arbeitgeber ist der SC Freiburg, das Überraschungsteam der bisherigen Bundesliga-Saison, Christian Streich der kauzig-empathische Trainer, der es versteht, junge Spieler weiterzubringen. «Er macht sich viele Gedanken über vermeintliche Kleinigkeiten, die andere vielleicht nicht so auf dem Schirm hatten und in meiner Karriere bislang nicht derart angesprochen wurden», sagt Waldschmidt.

Ihm gefällt auch, dass der Fussballlehrer gerne fussballferne Themen diskutiert. «Der Austausch ist wirklich fruchtbar.» Streich sagt: «Luca ist ein sehr netter Kerl, ein guter Typ, der was im Kopf hat.» Streich war es auch, der so sehr von Waldschmidts Fähigkeiten überzeugt war, dass die Breisgauer im Sommer 2018 5 Millionen Euro nach Hamburg überwiesen für den Lockenkopf. Streich ist es aber auch, der noch viel Arbeit sieht, gerade punkto Robustheit, Defensivverhalten und Aggressivität.

Premiere gegen Argentinien

In Freiburg hat Waldschmidt ein Umfeld, das Fehler verzeiht und Vertrauen in ihn hat. Das hatte ihm bei seinen vorherigen Stationen gefehlt. Bei Eintracht Frankfurt, wo er nach zahlreichen Toren in der U-17 mit einem Profivertrag belohnt wurde, erhielt er für seinen Geschmack zu wenig Bewährungschancen, beim notorisch unruhigen HSV ebenfalls. Dabei war er es gewesen, der die Hamburger am letzten Spieltag der Saison 2016/17 mit seinem späten Kopfballtor gegen Wolfsburg vor der Relegation bewahrt hatte. Ein Jahr später stieg der HSV dennoch ab, Waldschmidt, in eine Sackgasse geraten, ging.

Solche Sorgen sind momentan weit weg in Freiburg, das auf Platz 4 steht. Auch dank Waldschmidt, der in sieben Ligaspielen viermal getroffen hat, zuletzt zum 2:1-Sieg in Düsseldorf und beim 2:2 gegen Dortmund. Die überzeugenden Auftritte des Veganers haben Bundestrainer Joachim Löw dazu bewogen, ihn wie schon vor einem Monat für die Länderspiele gegen Argentinien heute Mittwoch in Dortmund (20.45 Uhr, RTL) und am Sonntag in Estland (EM-Qualifikation) aufzubieten. Gegen die Niederlande und Nordirland sass er noch auf der Bank, diesmal hat Löw angekündigt, dass Waldschmidt gegen die Südamerikaner in der Startformation stehen wird.

Der Match gegen den zweifachen Weltmeister wird nicht nur Löw neue Erkenntnisse bringen, sondern auch Waldschmidt selbst. Und seinem Vater Wolfgang, der einst für Darmstadt in der 2. Bundesliga spielte. Er wird mit seinem Sohn besprechen, was er beobachtet hat. Und dann mit ihm daran arbeiten. Daheim, auf dem beschaulichen Sportplatz. Wie früher, als Luca Waldschmidt klein war. (kai)

Erstellt: 09.10.2019, 15:36 Uhr

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