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Müller im Dirndl

Beim Espresso erzählt Bruno von einem ganz besonderen Film.

«Ich war wieder einmal im Kino, nach langer Zeit», sagt Bruno, und Luca überlegt sich, welchen Film sein Freund wohl gesehen hat. Woody Allen, den er so mag, kann es nicht sein, der kommt erst in die Kinos – vielleicht die französische Komödie «Monsieur Claude und seine Töchter», ein ernstes Thema, aber man kann viel lachen, das könnte ihm gefallen haben.

Bruno: «Ich war in Waldshut.»

Luca, schmunzelnd: «Waldshut, musstest du dich verstecken?»

Man könne diesen Film nur in Deutschland sehen, erklärt ihm Bruno, er handle auch von einer Familie, aber im Gegensatz zur Komödie, in der man bald ahne, dass zuletzt alles gut komme, sei dieser Film nur zu sehen, weil alles wunderbar endete. Sonst wäre er nie gezeigt worden.

Luca: «Hm . . .»

Bruno beginnt zu erzählen. «Die Mannschaft» heisst der Film, er zeigt den Weg der deutschen Fussballer zum WM-Titel, mit schönen Bildern, es wird viel gelacht und viel gejubelt, mit starken Emotionen und auch einigen stillen Momenten, Luca hört zu, wie Bruno einzelne Szenen beschreibt. Wie die Deutschen im Training den «Stolper»-Freistoss gegen Algerien üben, wie Müller im Dirndl seine Kollegen im Restaurant bedienen muss, weil er beim Golfen verloren hat, wie Kramer auf der Fähre bei Dunkelheit und unter Sternenhimmel sein Debütanten-Ständchen singt, «When You Say Nothing at All» von Ronan Keating, wie Löw am Pool sitzt, Lahm vor ihm im Wasser steht und die beiden wohl bereden, ob Lahm nun weiter im Mittelfeld oder doch besser als Verteidiger spielt, wie Schweinsteiger am Pool seine Arme ausbreitet und davon redet, wie gerne er die Wärme hat und Sepp Blatter aus vollem Herzen dafür dankt, dass «er die Weltmeisterschaft nach Brasilien holte», er sagt «obrigado», weil die deutschen Fussballer vor der WM auch etwas Portugiesisch geübt haben, auch das sieht man im Film.

«Peinlich, oder?» fährt Luca dazwischen, der sich erinnert, dass er in deutschen Zeitungen darüber gelesen hat.

«Es ist ein schöner Film», antwortet Bruno.

Luca: «Es ist ein PR-Film, eine Eigenproduktion des deutschen Verbands, ich habe gelesen, es sei eine Selbstbeweihräucherung, alle fänden sich toll und super und geil, alles ohne viel Tiefgang und ohne kritische Ansätze, er zeige einiges, viele Nahaufnahmen, enthülle aber nichts.»

Bruno: «Die Deutschen sind Weltmeister, weshalb soll denn ein solcher Film kritisch sein?»

Luca: «Besonders peinlich, dass im Trailer zum Film mit dem Zitat ‹Brasilien hat Neymar. Argentinien hat Messi. Portugal hat Ronaldo. Deutschland hat eine Mannschaft!› geworben wird. Steven Gerrard soll es gesagt haben, ein Foto zeigt ihn auch, und es ist als Leitidee des Films gedacht und gab ihm den Titel. Aber das Zitat stammt gar nicht vom englischen Captain, sondern es ist der Twitter-Beitrag eines Fans, der sich als Gerrard ausgibt. So etwas hätten die Verantwortlichen des DFB doch überprüfen müssen.»

Bruno: «Ja, ja, ich weiss, aber diesen Twitter haben damals auch alle seriösen Zeitungen gedruckt, die hätten das auch abklären können. Überhaupt: Ich will mir die Freude durch deine kritischen Einwände nicht verderben lassen.» Und Bruno berichtet, wie die Leute im ­Albrecht-Kino in Waldshut am Ende geklatscht und vor allem die vielen Kinder grossen Spass gehabt hätten.

Luca, amüsiert: «Offenbar auch ein 58-jähriger Werber, der manchmal noch ein Kind ist.»

Trailer zum Film «Die Mannschaft» (Quelle: Youtube)

Der Film «Die Mannschaft» läuft nur in deutschen Kinos. Er ist am 2. Januar um 20.15 Uhr auf ARD zu sehen.

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