Ende 2015 gings nicht mehr – jetzt will es Sforza nochmals wissen

Er war ganz oben, er war bei Bayern, gewann Titel – später war er ganz unten: Tränen, schlaflose Nächte. Nun startet Ciriaco Sforza erneut. Was ist anders?

Der Chef erklärt, die Spieler hören zu: Ciriaco Sforza im Training beim FC Wil. (Bild: Michele Limina)

Der Chef erklärt, die Spieler hören zu: Ciriaco Sforza im Training beim FC Wil. (Bild: Michele Limina)

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Nein, so geht das nicht. Darum packt er einen Spieler am Oberarm, schiebt ihn ein paar Meter weiter nach links und erklärt mit kräftiger Stimme, warum ­diese Position in diesem Moment die ideale ist. Und wenn der Chef korrigierend einschreitet, wird es sofort still. Wer auf dem Kunst­rasen der IGP-Arena von Wil steht, schaut gebannt hin und hört aufmerksam zu. Schliesslich ist der neue Trainer nicht irgendwer, sondern Ciriaco Sforza.

Am 2. März ist er 49 geworden, aber seine Biografie kennen auch die Jüngeren, mit denen er jetzt zu tun hat. Sie wissen: Der Spieler Sforza hat eine beeindruckende Karriere hinter sich, GC, Kaiserslautern, Bayern, Inter Mailand, manchen Titelgewinn, 79 Länderspiele, WM, EM. Sie wissen auch: Der Trainer Sforza bringt Erfahrung aus der Super League mit, er hat in Luzern, bei GC und in Thun gearbeitet. Und nun ist dieser ­Sforza ihr Coach.

«Spielt Fussball, Jungs!», fordert er, «spielt ganz einfach Fussball!» Eine Ballstafette, ein sauberer Abschluss, und schon sieht sich Sforza bestätigt: «Geht doch!» Dem Talent, das er zuvor zurechtgewiesen hat, gibt er einen ermunternden Klaps auf den Hinterkopf.

Ein bisschen ist es, als sei da einer aus der Versenkung aufgetaucht und zufällig beim FC Wil gelandet. In der Challenge League. In einem Verein mit einem Zuschauerschnitt von 1167. Dreieinhalb Jahre ist er dem Geschäft ferngeblieben. Anfang April hat er sich zurückgemeldet und in der Ostschweiz einen Vertrag bis 2022 unterschrieben. Es ist für ihn, so sagt er das, «der Start in meine zweite Trainerlaufbahn».

Er wollte Thun nicht zusagen – und tat es dann doch

Die erste Laufbahn in diesem Beruf endete im September 2015, als Sforza spürte, dass er mit dem Kopf nicht mehr bei der Sache war und handeln musste. Im Sommer hatte er sich vorgenommen, nach einer erfolgreichen Saison bei Wohlen mit Platz 3 in der Challenge League eine Pause einzulegen, eigentlich. Und als Thuns Sportchef Andres Gerber ihn anrief, um ihm den Trainerposten im Berner Oberland schmackhaft zu machen, sagte er sich: Ich halte an meinem Plan fest, ich will noch kein neues Team. Ein Gespräch lehnte er trotzdem nicht ab. Nach zwei Stunden reichte Sforza Gerber die Hand – die Zusammenarbeit war beschlossen.

Heute sagt Sforza: «Ich weiss beim besten Willen nicht, was mich dazu bewogen hat, nachzugeben. Ich hätte das nie tun dürfen.» Er redete sich ein, bereit zu sein, aber er war es nicht. Seine Frau war in Erwartung, sein Vater Fortunato schwer erkrankt. Die Situation überforderte Sforza, er kam sich vor wie auf einer emotionalen Achterbahnfahrt. Thun und Sforza, das entwickelte sich zu einem Missverständnis. Die Trennung nach ein paar Wochen empfand er darum nicht als Beleidigung, sondern als Erlösung: «Es war der sinnvollste Entscheid für beide Seiten.»

Der Fussball hatte Sforzas Leben seit seiner Jugend geprägt, aber auf einmal verlor er an Bedeutung. «Die Prioritäten verschoben sich», sagt er, «ich hätte nicht geglaubt, dass es einmal so weit kommen würde.» Ins Stadion ging er nicht mehr, Spiele schaute er nur noch im Fernsehen, aber nicht mehr mit der Intensität von früher. Erst nach dem Tod seines Vaters am 4. Mai 2017 wuchs in ihm langsam wieder die Lust auf Fussball: «Ich beschäftigte mich zwar eine Zeit lang mit anderen Dingen, aber ich dachte trotz allem nie, dass mein Weg als Trainer schon zu Ende ist.»

Hinter der Fassade verbirgt sich ein sensibler Mensch

Anfänglich konnte es Sforza als Coach nicht schnell genug gehen. Er glaubte, seine reiche Erfahrung als Profi im Ausland würde genügen, um in neuer Rolle gleich in der Super League starten und erfolgreich sein zu können. Als er 2006 mit 36 Jahren beim FC Luzern einstieg, trug er an Spieltagen an der Seitenlinie mit Vorliebe schicke Anzüge mit Krawatte und modische Schuhe, ein Mann von Welt eben. Sforza stand im Ruf, unnahbar zu sein, ja arrogant, erst recht, wenn er bei Fragen die Augen zusammenkniff, als wolle er damit ausdrücken: Was soll das?

Aber hinter dieser Fassade verbarg sich ein sensibler, manchmal unsicherer Mensch. Nur: Schwächen eingestehen, das kam nicht infrage, erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Er hätte das als persönliche Niederlage aufgefasst. Sforza tat auch später bei GC, als wäre er jederzeit souverän, als würde ihm kein Stress etwas anhaben können, keine Kritik, kein Machtkampf. Dabei litt er massiv.

«Es gab Nächte, da ­erwachte ich ­immer um 2 Uhr schweiss­gebadet»: Sforza durchlebte schwierige Zeiten. Foto: Keystone

Als er 2012 gehen musste, war das zwar – wie später in Thun – eine Befreiung. Aber die Zeit ­hatte derart tiefe Spuren hinterlassen, dass er danach psychologische Unterstützung brauchte. In einem Interview mit dem «Tages-­Anzeiger» erzählte er Anfang 2015: «Es gab Nächte, da ­erwachte ich ­immer um 2 Uhr schweiss­gebadet, wieder kamen Tränen, aber wieder ­wusste ich nicht, warum genau. Ich kann nur mutmassen. Schon mit 16 Jahren war ich Profi geworden, ich ­lebte nur für den Fussball, ich war Teil eines ­Geschäfts, in dem man stark sein muss. Ich machte 2006 als Trainer in der ­Super League weiter, ja, und dann war Schluss...»

Sforza glaubt, viel gelernt zu haben, und eine seiner wichtigsten Erkenntnisse ist die: «Ich will mich nicht mehr anlügen.» Dazu gehört auch: sich nicht mehr blind in irgendein Abenteuer zu stürzen, um bloss nicht in Vergessenheit zu geraten. In Wil ist er nicht, weil er verzweifelt eine Aufgabe gesucht hat, sondern weil er überzeugt ist: «Es passt.» Die Infrastruktur, die Kompetenz seines Assistenten ­Daniel Hasler und von Goalietrainer Stephan Lehmann, die Zusicherung des Vereins, auf die ­Jugend zu setzen – «das ist es, was für mich zählt. Die Ligazugehörigkeit ist sekundär».

Er will sich «jeden unnötigen Stress ersparen»

Den Wohnsitz will er bald von Wohlen nach Wil verlegen und sich «jeden unnötigen Stress ersparen». Damals, als er täglich aus dem Aargau nach Thun pendelte, kostete ihn das mehr Substanz, als er dachte. Gegenwärtig befindet er sich mit seiner neuen Mannschaft noch in einer «Kennenlernphase».

Als Sforza in Wil das erste Mal vor seinen Spielern stand und danach auf dem Trainingsplatz Kommandos gab, war das für ihn, als wäre er nie weg gewesen. Er sagt: «Es geht mir richtig gut. Ich habe ein Topgefühl.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.04.2019, 14:50 Uhr

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