Natur Latour

1955 erlebte Hanspeter Latour als Bub die Cupfinalniederlage des FC Thun. Er war Balljunge und Torhüter, Trainer und Ikone des Clubs – und ist ihm immer noch verbunden.

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Dieser Text über Hanspeter Latour muss zwingend mit dem Tier des Jahres 2019 beginnen. Natürlich kennt dieses kaum jemand. Das weiss Latour.

Latour kennt es. «Das Glühwürmchen», sagt er, als der Gesprächspartner keine Antwort auf die entsprechende Frage findet, seine Augen leuchten, er lächelt, fein und triumphierend irgendwie. Das Glühwürmchen, so viel Information darf sein, ist übrigens kein Wurm, sondern ein leuchtender Käfer, bald ist Paarungszeit, dann ist die Chance am grössten, das Glühwürmchen zwischen 22 und 24 Uhr in seinen Lebensräumen anzutreffen.

Wer sich mit Hanspeter Latour trifft, um über Fussball zu sprechen und damit auch immer über das Leben, spricht viel über Natur, über Tiere, Pflanzen, Blumen. Und damit über das Leben. Es ist seine neue Leidenschaft, die er seit ein paar Jahren intensiv pflegt. Das Glühwürmchen wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres gewählt, weil auch die Wunderwelt der Insekten in beängstigender Geschwindigkeit zerfällt.

Lebensraumzerstörung, Pestizide, Licht- und Luftverschmutzung, es sind grosse, schwere Themen. Latour scheut sich nicht, sie anzusprechen. Einmal sagt er: «Viele Menschen wissen gar nicht mehr, wie grossartig und vielfältig unsere Natur ist.»

Sein Vater habe ihn vor Jahrzehnten im Oberland jeweils auf Streifzüge durch Wälder und Wiesen mitgenommen. Später bestimmte der Fussball sein Leben, aber wenn man sich mit Latour unterhält, hat man das Gefühl, das sei Jahrzehnte her.

Letztmals als Zuschauer an einer Fussballpartie war er vor bald vier Jahren, als die Schweiz in einem Testspiel in Thun gegen Liechtenstein 3:0 gewann. «Der SFV lud mich ein», sagt Latour, «da konnte ich nicht absagen.»

Der Bub vor dem Radio

Als Treffpunkt hat Latour Spiez vorgeschlagen, er hält zwei Vorträge, einen früh am Morgen, einen gegen Abend, dazwischen hat er genügend Zeit. Eigentlich spricht er nicht mehr über Fussball, aber man kennt sich lange, und der Anlass ist sehr speziell. «Es ist ein wunderschönes Ereignis, das ich nicht mehr für möglich gehalten hatte.»

Am Sonntag bestreitet der FC Thun den zweiten Cupfinal in der 121-jährigen Vereinsgeschichte, Latours FC Thun, wie man schreiben darf. Den ersten hat Latour am Radio erlebt, vor 64 Jahren war das, er hat 1955 mitgefiebert und gelitten, die 1:3-Niederlage gegen den damals grossen FC La Chaux-de-Fonds im Berner Wankdorf hat den siebenjährigen Buben aus Thun sehr traurig gemacht. «Ich wurde erstmals konfrontiert mit Enttäuschung und Niederlage.»

Fussball war die erste grosse Liebe im Leben Hanspeter Latours. Er war früh Ballbub beim FC in Thun, damals gab es erst ab 12, 13 Jahren Teams, und weil er immer noch ein begnadeter Erzähler ist, nimmt er einen mal wieder mit durch sein facettenreiches, spektakuläres Fussballerleben. Er reiht Anekdote an Anekdote, etwa jene mit dem Torhüter Schaffhausens, der sich irgendwann gegen Ende der Fünfzigerjahre fürchterlich über den kleinen Balljungen aufregte, der hinter dem Tor immer wieder lautstark «Hopp Thun» rief.

Später wurde Latour selber Torhüter, kein überragender, aber ein ordentlicher («ich wusste, wie man einen Ball fängt»), bei Thun, Le Locle, wieder Thun, YB. Mit 37 stieg Latour als Amateurtrainer in Dürrenast ein, natürlich ging er bald zu Thun und 1983 weiter zu Solothurn.

Dort blieb er 13 Jahre, gab irgendwann seine Lebensstelle bei der Armee in der Gruppe für Rüstungsdienste auf, das war damals ein erhebliches Risiko, weil er professioneller Fussballtrainer werden wollte. «Viele gab es damals in der Schweiz nicht, und auf Latour hatte keiner gewartet.»

Das Mädchen für alles

Hanspeter Latour war immer mehr als ein Fussballtrainer. Er war ein Ereignis, ein Naturereignis gewissermassen, ein Unterhaltungs-Apostel, wie die NZZ mal schrieb, ein Entertainer, der genau wusste, wie man öffentlich Akzente setzt. Er war Co-Trainer bei den Spitzenteams GC und Basel, Chef in Baden und Wil, ehe er 2001 den damals noch sehr rudimentär aufgestellten FC Thun im Lachenstadion übernahm und mit unkonventionellen Methoden als «Mädchen für alles» (Latour) in die Zukunft führte.

Im Grund genommen ist er der wichtigste Weichensteller für das Thuner Fussballwunder, welches bis heute anhält. NLA-Aufstieg, Titelkampf mit Basel, nach seinem Abgang zu GC die Qualifikation für die Champions League.

Latour, dieser Tausendsassa, schaffte sogar den Sprung in die Bundesliga, zum Traditionsverein Köln, später war er noch mal bei GC, 2009 endete dort sein märchenhafter Aufstieg vom Provinzcoach zum hochbezahlten Fussballlehrer.

Nicht aber sein Dasein als Motivationsguru, als zuweilen eigentümlicher, stets unterhaltsamer Wortakrobat, als Experte beim Radio für Länderspiele, als Sachverständiger am TV. «Ich durfte an der WM 2014 in Brasilien aufhören», sagt Latour. «Das war ein fantastischer Abschluss meiner Karriere im Fussball.»

Der Referent auf Tour

Angebote gab es auch danach immer mal wieder, als Trainer und Berater, Verwaltungsrat und Experte, aber Latour zeichnet eine bemerkenswerte Konsequenz aus. «Schluss ist Schluss. Und als Trainer haben mich die ehemaligen Vereinsgrössen immer geärgert, die in irgendeinem Beirat sassen und alles besser wussten», sagt er. «Deshalb habe ich alles abgelehnt. Ich wollte den Trainern nicht auf die Nerven gehen.»

Bald wird er 72, es ist ruhiger geworden um ihn, mindestens in den Medien, aber Vorträge hält er immer noch, selbst wenn er seine Einzelfirma aufgelöst hat. Längst geht es in seinem Programm nicht mehr nur um Fussball, die Natur ist es, die er dem Publikum näherbringen will. «Weil sich viele Menschen leider nicht mehr dafür interessieren, gibt es mir die Möglichkeit, ihnen die Attraktivität der Naturwelt zu erklären.»

In Spiez spricht er vor angehenden Kommandanten der Zürcher Feuerwehr. Und natürlich wollen diese bunte Geschichten hören aus der langen Karriere des Referenten, und sie bekommen schon auch, was sie erwarten, mit Feuer und Leidenschaft beherrscht Kultfigur Latour, der immer noch aussieht wie vor zehn Jahren, nach wie vor die Kunst der Kommunikation.

Latour, so sieht es aus, kannte früher jeden Linksverteidiger aus Luxemburg und jeden Flügel aus Frutigen, heute sind ihm vermutlich sämtliche Pflanzenarten dieses Planeten bekannt. Er kokettiert damit, die Entwicklungen im Fussball nicht mehr beurteilen zu können, weil er viel zu weit weg sei, ist dann aber doch erstaunlich präzis informiert über Thun, die Super League, die Champions League. «Fussball wird immer das gleiche Spiel bleiben», sagt er, «und es wird immer wieder Überraschungen geben, weil der Glaube daran immer leben wird.»

Der Autor mit Witz

Mit Fleiss, Mut und Glück, das hat Latour stets betont, sei vieles möglich. Sein Leben ist der Beweis dafür. Er habe in der Bundesliga den grossen Trainer Giovanni Trapattoni treffen dürfen und den damals noch nicht ganz so grossen Trainer Jürgen Klopp, der vom Wesen her ein ähnlicher Typ wie Latour ist. «Wenn man fleissig ist und mutig, kommt das Glück eher zu einem. Das sehe ich auch, wenn ich mit der Kamera in der Natur unterwegs bin.»

Das ist er jeden Tag stundenlang, früher vor allem im Eriz, wo er ein kleines Haus besitzt und einmal alle Tiere im Umkreis von einem Kilometer fotografierte, heute im ganzen Land. Der Distelfink, Fachbegriff Stieglitz, ist sein Lieblingstier, und er hat zwei Bücher geschrieben, die sich für Schweizer Verhältnisse ganz gut verkauft haben: «Das isch doch e Gränni» rund 10'000-mal, «Das isch doch e Schwalbe» etwa 6000-mal. Bald kommt ein drittes Buch, es dürfte den schlichten, sinnigen Titel «Natur mit Latour» tragen.

Um Fussball wird es dort kaum mehr gehen. Aber selbstverständlich lässt der Fussball einen wie ihn nie ganz los. Er verfolgt seine früheren Vereine und die Resultate, vor allen anderen jene des FC Dürrenast. Vom 1. FC Köln erhält er immer noch jedes Jahr Gruss- und Geburtstagskarten, obwohl seine Zeit dort im November 2006 nach knapp einem Jahr zu Ende ging.

Als «Alpendoktor» wurde er in der ausgeprägten Medienstadt bezeichnet, Latour gefiel mit Charme und Chuzpe, möglicherweise war das gegen Ende ein wenig sein Schicksal als Trainer: dass man oft eher seine Art schätzte und weniger seine Arbeit.

Dabei hat er mit seiner Beharrlichkeit und Bodenständigkeit unzählige Trainer und Sportchefs geprägt. Zum Beispiel Marc Schneider und Andres Gerber, die heutigen Thun-Verantwortlichen. «Sie brauchen keine Ratschläge mehr und machen einen Topjob», sagt Latour.

Sein Kontakt zum Verein ist nicht abgebrochen, aber er ist nicht mehr so eng, ab und zu ist er als Clublegende im Einsatz, an «Märite» etwa. Kürzlich versteigerte er das Trikot von Thuns Torhüter Guillaume Faivre vom Cup-Halbfinal in Luzern an so einem Anlass. Der Käufer war YB-Verwaltungsratspräsident Hanspeter Kienberger. «Solche Erlebnisse sind herrlich», sagt Latour.

Und sowieso: «Die Young Boys und Thun zeigen den anderen, wie man es richtig macht.» YB erlebt die wohl erfolgreichste Phase der Vereinsgeschichte, auch den Sportchef Christoph Spycher trainierte Latour einst bei GC, seinem früheren Verein, der gerade die schwerste Krise der Historie durchlebt und erstmals seit 70 Jahren aus der obersten Spielklasse absteigt.

«Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was mit dem Grasshopper-Club passiert. Es ist nie gut, wenn ein Verein so oft Präsident, Sportchef, Trainer und Spieler wechselt. Aber es kann doch nicht sein, dass eine Saison beginnt, und GC spielt nicht oben mit.»

Der Showman mit Charme

Und so dreht sich die Unterhaltung mit Latour doch auch um Fussball. Er war stets ein exzellenter Verkäufer, viele seiner Aktionen sind legendär, er schickte seine Fussballer durch Autowaschanlagen und ins Kino, ging mit ihnen bräteln oder verteilte nach einem Sieg Thuns gegen den FCB (!) Basler Läckerli im ganzen Oberland. Im heutigen Social-Media-Zeitalter wäre er eine noch viel aufregendere Figur als damals.

Über die Entwicklung im Fussball mit all ihren negativen oder zumindest fragwürdigen Begleiterscheinungen auf den Rängen, in den Vereinen und Verbänden spricht Latour wie eine pensionierte Fachkraft, die er ja ist: «So ist es doch überall, es geht immer schneller immer weiter.»

Darum, das nur nebenbei, sei es so entspannend, die Natur zu geniessen und dabei zu entschleunigen. «Ich werde nie über den Fussball schimpfen, das wäre unfair, denn auch ich habe lange davon profitiert. Natürlich sind gewisse Dinge unverhältnismässig geworden. Aber wenn es der Markt hergibt, dann ist das so.»

«Ich werde nie über den Fussball schimpfen, denn auch ich habe lange davon profitiert.»Hanspeter Latour

Auch über all die Besserwisser und Aufschneider verliert Latour kein schlechtes Wort. «Ich sage immer: 51 Prozent im Fussball sind grossartig, 49 Prozent sind des Teufels. Solange es nicht umgekehrt ist, passt das schon. Der Fussball ist weltweit so populär, das ist am Ende auch ein Spiegelbild der Gesellschaft.»

Er selber habe immer versucht, kein Gauner zu sein, aber auch er habe manchmal blinzeln oder die Finger kreuzen müssen. Und sowieso: «Klar gibt es wichtigere Dinge als Fussball. Das stimmt aber nicht für jene 90 Minuten, in denen ein Spiel läuft.»

Das Gesicht auf dem Bus

Munter und fit ist Latour immer noch und freundlich und amüsant ohnehin. Ins Ausland reist er nicht mehr, er sei so oft weg gewesen, das reiche für dieses Leben. Einmal, als Co-Trainer des FCB, sei er für 12 Stunden nach Chile gegangen, um einen Spieler zu beobachten. «Dabei konnten wir ihn uns gar nicht leisten, aber wir mussten mit dem Berater in Kontakt bleiben.»

Seit bald 50 Jahren ist Latour mit seiner Frau verheiratet, er hat zwei Kinder und ist Grossvater, hält Vorträge und unterstützt als Mentor den Schwinger Thomas Sempach. «Auch mein Tag hat nur 24 Stunden.»

Am Ende bleibt die Frage, wie viel vom Geist Latours eigentlich noch im FC Thun steckt, zumal er grossflächig auf der Rückseite des FC-Thun-Busses in der Innenstadt abgebildet ist («Dr FC Thun isch für mi meh aus e Fuessbaumannschaft»).

Das könne er nicht beantworten, sagt Latour. «Aber mir gefällt, welche Werte der Verein vertritt.» Am Sonntag gegen Basel sei Thun krasser Aussenseiter. «Doch alles muss zuerst gespielt werden. Es wäre toll, würde ich 64 Jahre nach dem verlorenen Cupfinal gegen La Chaux-de-Fonds doch noch einen Titel Thuns erleben.»

Für ihn wäre es eine besondere Genugtuung, weil er nie einen «Chübu», wie er sagt, gewann. In drei Tagen wird Hanspeter Latour am Cupfinal im Stade de Suisse sein, zusammen mit seinem jahrelangen, treuen Assistenten Thomas Binggeli.

1439 Tage nach seinem letzten Stadionbesuch in Thun.

Erstellt: 16.05.2019, 16:54 Uhr

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