Nein, es gibt kein einfaches Rezept gegen Fangewalt

Nach dem Spielabbruch in Sitten ist mal wieder die Zeit der schnellen Ideen – bloss lassen sich die nur sehr schwer umsetzen.

Teure Einsätze: Polizisten stehen vor Fussballspielen nicht nur bei Stadien – hier verfolgen sie in Kampfmontur die Ankunft der Basler Anhänger vor dem Cupfinal 2017 gegen Sion in Genf.

Teure Einsätze: Polizisten stehen vor Fussballspielen nicht nur bei Stadien – hier verfolgen sie in Kampfmontur die Ankunft der Basler Anhänger vor dem Cupfinal 2017 gegen Sion in Genf. Bild: Valentin Flauraud/Keystone

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In Sitten fliegen Fackeln aufs Feld. Das sieht erschreckend aus. Und es ist eine Anmassung der Pyrowerfer, dass sie sich dazu berechtigt fühlen, 7000 anderen Menschen im Stadion die zweite Halbzeit der Partie Sion gegen GC zu klauen. Ganz so, als ob ihr Frust mehr wert sei als die Gefühle aller anderen Anwesenden.

Fast ebenso erschütternd ist, wie schnell danach Lösungen für das Phänomen der Fangewalt präsentiert werden. So einfach klingen sie, dass sich der Zuhörer fragt: Warum ist da noch keiner drauf gekommen? Sions Präsident Christian Constantin will Auswärtsfans verbieten. So simpel! Sein Thuner Amtskollege Markus Lüthi bittet die Polizei ins Stadion. Macht ja Sinn. Wo der Polizist Übeltäter am Kragen packt, überlegt sich jeder zweimal, ob er eine Fackel zünden soll. Da dankt der Moderator im SRF für «die klaren Worte». Allerdings mangelt es nach einem Vorfall wie im Tourbillon nie an klaren Worten. Dafür haben all die präsentierten Sofort-Lösungen ein Problem, und das heisst: Realität.

Wer wissen will, mit wie viel Aufwand das Verbot von Auswärtsfans verbunden ist, sollte sich das Beispiel aus dem April 2015 anschauen. Damals verfügte die Kantonspolizei Aarau, dass keine Anhänger des FC Zürich ins Brügglifeld durften. Hunderte von Polizisten aus sechs Kantonen und ein Helikopter standen im Einsatz, um das durchzusetzen. Ja, man kann Auswärtsfans verbieten. Aber wer das tut, wird einen langen Atem brauchen. Und er muss bereit sein, sehr viel Geld für grosse und lange Polizeieinsätze auszugeben. Und das bei fünf Spielen der Super League pro Runde in der kleinräumigen Schweiz, wo jedes Stadion in Kürze erreichbar ist.

«Alle präsentierten
Sofort-Lösungen haben
ein Problem, und das
heisst: Realität.»

Sowieso, die Polizei. Die greift schon heute im Stadion ein, so sie eine Bedrohung an Leib und Leben vermutet. Dazu muss sie nicht von den Clubs eingeladen werden. Aber es gehen bislang keine Polizisten in die Blöcke, wenn Pyro abgebrannt wird. Und hier wird die Diskussion oft etwas unehrlich. Feuerwerk wird zwar von Politik und Sicherheitskräften als ernsthaftes Problem bewirtschaftet. Dennoch bleibt das Abfackeln in der Kurve meist straffrei. Warum? Weil die Polizei bislang in der Abwägung von positiven und negativen Folgen zum Schluss kommt, dass ein Zugriff nicht verhältnismässig ist. Sprich, sie gewichtet die Aussicht auf Verhaftungen und ihre abschreckende Wirkung weniger stark als die potenzielle Gefahr solcher Eingriffe. Das alles bedeutet nicht, dass Fankurven rechtsfreie Zonen sein dürfen. Gewalttäter müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber wer wirklich nie mehr Gewalt oder Pyros in und um Stadien sehen will, dem bleibt nur eins: Er muss die Kurven komplett sperren. Zu Hause und Auswärts. Eintrittspreise auf 50 Franken und höher.

Nur soll keiner denken, dass damit einfach alle gewaltbereiten Jugendlichen aus unserer Welt verschwinden, die in den Kurven ihr Zuhause haben. Als sich die GC-Fans letztmals in Thun prügelten, taten sie das mit einer Thuner Quartiergang. Die spielt sonst gerne an Stadtfesten oder am Bahnhof Gangster. Und braucht für ihre Schlägereien in der Regel weder Stadion noch Fussballclub.

Erstellt: 19.03.2019, 09:28 Uhr

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