Das politisch aufgeladene Nervenspiel

Serbien gegen «Albanien 2»? Nati-Coach Petkovic ignoriert Fragen nach dem Verhältnis zu Serbien. Er fokussiert lieber auf die Offensive.

Der Trainer und sein Vorkämpfer: Steuern  Vladimir Petkovic und Valon Behrami heute Richtung Achtelfinals? Foto: J. Cairnduff  (Reuters)

Der Trainer und sein Vorkämpfer: Steuern Vladimir Petkovic und Valon Behrami heute Richtung Achtelfinals? Foto: J. Cairnduff (Reuters)

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Es geht ganz schnell in Kaliningrad. Statt schwülwarm ist es auf einmal windig-kühl, als die Schweizer im Stadion ihr letztes Training vor dem zweiten WM-Spiel abhalten. Kampfwetter kündigt sich für heute Abend an, wenn sie ihr zweites WM-Spiel bestreiten.

Der Rasen sieht so wunderbar aus wie in Rostow, der Gegner heisst zwar nicht mehr Brasilien, aber das macht die Aufgabe kein wenig leichter: Serbien ist dieser unangenehme Gegner im zweiten Spiel der besonderen Emotionen.

Es hat grossartige Individualisten wie Milinkovic-Savic oder Tosic, Recken wie Kolarov, Ivanov, Matic oder Mitrovic, die wehtun können.

«Wir haben gegen Brasilien ein gutes Spiel gemacht», sagt Vladimir Petkovic, «aber das ist nicht gut genug. Wir müssen noch besser sein, um zu gewinnen.» Er sagt, was man am Tag vor einem solchen Spiel so sagt.

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Wie endet das Spiel zwischen der Schweiz und Serbien?





Das Spannende daran ist die Frage, die vorausgegangen ist. Wie das denn nun sei mit den Schuhen von Xherdan Shaqiri und wie mit dem Verhältnis der «Albaner» in seiner Mannschaft mit Serbien, will ein brasilianischer Journalisten wissen. «Sprechen Sie darüber mit den Spielern speziell?» Shaqiri hat auf Instagram Schuhe gepostet, auf denen die Schweizer und die kosovarische Flagge zu sehen sind. Petkovic antwortet, indem er von allem redet, nur nicht vom Thema.

Später will auch das Schweizer Fernsehen mit seinen drei Sprachregionen auf das Thema eingehen. Petkovic sagt etwas von «schönem Wetter» und zieht ab. Das Interview mit den Deutschschweizern wird danach wiederholt.

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Petkovic muss den Druck spüren, unter dem er und seine Mannschaft stehen. Auf sie wartet eine dieser Prüfungen, die sie von Charakter und Bedeutung her schon ein paarmal hatten. Gegen Albanien an der EM bestanden sie, aber gegen Polen im Achtelfinal nicht mehr. Als es letzten Herbst in Portugal um die direkte Qualifikation für die WM ging, waren sie chancenlos. In der Barrage gegen Nordirland setzten sie sich mit Ach und Krach durch.

Und was heisst das für heute? Im Vergleich dazu war das Spiel gegen Brasilien einfacher. Da konnten die Schweizer nur gewinnen.

Wie speziell ist das Spiel politisch für die Schweizer?

Vor zwei Jahren war es das Thema, das die EM im Vorfeld überlagerte: Schweiz gegen Albanien in Lens, Schweiz 1 gegen Schweiz 2 oder Albanien 2 gegen Albanien 1. Es lief als Duell unter Freunden und Brüdern. Wie gross der Druck für die Schweizer um Behrami, Xhaka und Co. war, zeigte sich an ihrer tiefen Erleichterung, als alles endlich vorbei war.

Nun gibt es die Begegnung mit Serbien, die sich wegen der vielen albanisch-stämmigen Spieler bei der Schweiz leicht emotional aufladen lässt. Als Serbien im Oktober 2014 in der EM-Qualifikation auf Albanien traf, gab es einen Eklat: Eine Drohne flog über den Platz und zeigte die Flagge Grossalbaniens, von dem albanische Nationalisten träumen. Die Serben fühlten sich provoziert, es kam zu Ausschreitungen und zum Abbruch.

Valon Behrami ist von seiner Herkunft her mittendrin in diesem Konflikt zwischen Serben und Albanern. Er stammt aus Mitrovica, aus dem Norden von Kosovo, das in einen serbischen und einen albanischen Teil gespalten ist.

Noch im Trainingslager in Lugano wurde er gefragt: Also, wie speziell ist dieses Spiel gegen Serbien für Sie?

«Es war vielleicht nicht so einfach, das erste Mal gegen Albanien zu spielen. Aber das jetzt? Nein, Serbien ist für mich ein normaler Gegner. Wir denken nicht, dass der Fussballplatz ein Kriegsplatz ist. Ich will nur spielen. Was zwischen Serbien und Albanien passiert, das ist doch nur inszeniert. Wir sind Fussballer, wir sind Vorbilder für die Kinder.»

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Was heisst inszeniert? «Was bringt es, wenn ich gegen Serbien das Gefühl habe, ich müsse jemandem wehtun? Wir sind Fussballer. Ich habe ein paar Zeitungen in Kosovo gelesen, sie schreiben von ‹unseren› Kosovo-Spielern, die gegen Serbien spielen würden. Ich bin Schweizer. Ich spiele für die Schweiz.» 2002, als 17-Jähriger, verzichtete er auf den serbischen Pass, als er mit seiner Familie im Tessin eingebürgert wurde.

Was passiert, wenn die Schweiz verliert?

«Wir sind mit dem Achtelfinal nicht zufrieden», tönte Vladimir Petkovic am letzten Samstag. Um nicht schon lange vor dem Erreichen des Viertelfinals zu scheitern, dürfen die Schweizer unter keinen Umständen verlieren.

Im Fall einer Niederlage können sie Serbien definitiv nicht mehr einholen. Und bei der wenig mutigen Annahme, dass Brasilien gegen Costa Rica gewinnt, liegen die Brasilianer nur dann noch in Reichweite, wenn sie ihr letztes Gruppenspiel gegen Serbien verlieren.

Bei einem Remis sieht es besser aus: Dann qualifiziert sich die Schweiz für die Achtelfinals, wenn sie Costa Rica besiegt und Serbien gegen Brasilien verliert (auch hier ein Sieg des Favoriten heute vorausgesetzt). Wenn Serbien gegen Brasilien einen Punkt gewinnt, liegt es mit der Schweiz gleichauf (je 5). Dann zählt die Tordifferenz. Um hier im Vorteil zu sein, braucht die Schweiz gegen Costa Rica einen Sieg mit zwei Toren Differenz.


Bilder: Die Noten der Schweizer gegen Brasilien


Und wenn die Schweiz gewinnt, sieht es komfortabel aus. Im besten Fall kann sie sich dann gar eine Niederlage gegen Costa Rica leisten, wenn Brasilien nach Costa Rica auch Serbien bezwingt. Mit einem Remis gegen Costa Rica macht sie sich bereits unabhängig vom Ausgang der anderen Partie.

Wird Granit Xhaka seinem Ruf wieder gerecht?

Als Granit Xhaka während der Vorbereitung in Lugano einmal lange mit schmerzverzerrtem Gesicht am Boden lag und sich das Knie hielt, herrschte Aufregung. Im ersten Moment sah es nicht gut aus. Die Kollegen reagierten bestürzt. Xhaka verletzt! Der Spieler mit dem Status des Unverzichtbaren! Die Entwarnung kam noch am gleichen Abend. Das Gelenk war nur geprellt.

Zweieinhalb Wochen später spielte Xhaka gegen Brasilien, aber er tat das nicht wie ein Unverzichtbarer, sondern wie ein Ersetzbarer. Für einen Mann seiner Reputation, für einen Spieler, der in der letzten Premier-League-Saison so viele Pässe spielte wie keiner sonst, war sein Auftritt sehr matt. Dass sich die Schweiz trotzdem einen Punkt erkämpfte, war das Beste daran.

«Mich macht keiner kaputt», entgegnet Xhaka gern, wenn es um die Kritiken an ihm in England geht. Das ist besser für ihn und für die Schweiz, denn die kann sich ihn kein zweites Mal in der Verfassung vom Sonntag leisten. Sie braucht ihren Regisseur wieder so wie an der EM: dominant, selbstbewusst, präsent, ordnend. Es muss wieder der Xhaka sein, der keine Angst davor hat, Fehler zu machen.

Wie lässt sich das Problem in der Offensive lösen?

Der gute alte Roy Hodgson sagte einmal, er brauche sechs Monate, um einem Pub-Team das Verteidigen beizubringen. Was der frühere Baumeister der Schweizer Erfolge leicht überspitzt formulierte, brachte es auf den Punkt: Das Verteidigen lässt sich organisieren, das Toreschiessen dagegen nicht.

Die Schweiz hat in 41 Spielen unter Petkovic 80 Tore erzielt. Das hört sich gut an, allerdings sind die Treffer gegen Mannschaften wie San Marino, Andorra, Färöer, Estland, Moldawien, Lettland, Liechtenstein oder auch gegen Panama eingerechnet.

Petkovic hält seit langem in der offensiven Zentrale fast schon stur an Haris Seferovic und Blerim Dzemaili fest. Eine wirkliche Chance, sich da etablieren zu können, hat er keinem anderen gegeben – schon gar keinem aus der Super League, von der er niveaumässig nicht besonders viel hält.

Gegen Brasilien genügten beide nicht, Seferovic als Nummer 9 noch weniger als Dzemaili als Nummer 10, die er eigentlich gar nicht ist. Wenn es um Dzemailis Position geht, gibt es die alte Diskussion: Soll sie Xherdan Shaqiri übernehmen? Er möchte das gerne, es drängt ihn auch ohne offiziellen Auftrag von der rechten Seite häufig ins Zentrum. Da gelangen ihm auch zwei seiner drei letzten überzeugenden Auftritte: 2014 an der WM gegen Honduras und Argentinien. Ein neuer Versuch wäre es wert. Shaqiri wäre erst recht gefordert, wieder einmal zu belegen, dass sein Spiel auch von der Leistung lebt und nicht nur vom Ruf.

Statt Seferovic könnte Mario Gavranovic stürmen. Immerhin erzielte er letzte Saison 24 Tore. Die Frage ist, ob das Petkovic überzeugt. Denn Gavranovic stürmte in Kroatien in einer Liga, die kaum besser ist als die schweizerische.

Oder Breel Embolo ganz vorne? Er ist manchmal konfus und auch kein begnadeter Torschütze. Josip Drmic? Sein letztes wichtiges Tor für die Schweiz, das 1:0 gegen Lettland, liegt auch schon wieder 15 Monate zurück. Wenigstens bringt er Tempo mit und das Wissen, im Frühjahr ein paar Treffer für Mönchengladbach erzielt zu haben.

Petkovic selbst ist sich über die Aufstellung noch nicht im Klaren. Zuerst will er die Reaktion angeschlagener Spieler wie Behrami oder auch Drmic auf das letzte Training abwarten. Vielleicht, sagt er, entschliesst er sich auch «aus dem Bauch heraus» zu Wechseln.

Erstellt: 22.06.2018, 09:59 Uhr

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