Nordkoreaner verzückt Italiens Fussballfans

Stürmer Kwang-song Han kam auf verschlungenen Wegen nach Europa. Darüber reden darf er nicht.

Will Nordkoreas Nationalteam langfristig prägen: Kwang-song Han.

Will Nordkoreas Nationalteam langfristig prägen: Kwang-song Han. Bild: Reuters

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Nein, das ist kein Propagandavideo, das man von Kwang-song Han auf Youtube findet. Unglaubliche Geschwindigkeit, Tore und Technik werden angekündet. Und auch wenn das, was einem versprochen wird, vielleicht etwas überhöht ist: Dieser 19-jährige Nordkoreaner kann einiges. Seine Beine sind schnell, sein Schuss ist stark und sein Spielverständnis ausgeprägt.

Angestellt ist er seit diesem Sommer bei der AC Perugia, einem Serie-B-Club aus der Region Umbrien. Und weil er in den ersten vier Spielen gleich ebenso viele Tore erzielte, sagte ein Clubfunktionär unlängst: «Sein Schicksal ist es, grosse Taten zu vollbringen.»

Geschichten wie jene von Kwang-song Han gibt es jeden Sommer. Spieler, die wider Erwarten aufblühen, ihre Clubs und die Liga plötzlich prägen. Dass Hans Geschichte in diesen Tagen etwas ausführlicher erzählt wird, liegt vor allem an seinem Geburtsort: Pyongyang, die Hauptstadt Nordkoreas.

Im vergangenen Frühling debütierte Han in Europa als Stürmer Cagliaris. Ein Novum. Er wurde zum ersten Nordkoreaner, der jemals in der Serie A zum Einsatz kam. Und obwohl ihm schon im zweiten Match der erste Treffer gelang, erachtete man es auf Sardinien als vernünftig, ihn noch eine Saison in die Serie B auszuleihen. Wer Hans Weg nach Perugia nachzeichnen will, bemerkt bald: Woher er kommt, ist bekannt. Wie er überhaupt nach Italien fand, weniger.

Der nebulöse Transfer

Hans Lebenslauf ist lückenhaft. Geboren ist er 1998 in Pyongyang, sein Jugendverein heisst FC Chobyong, zwischen Dezember 2016 und März 2017 war er vereinslos, seither spielt er in Italien. Sein Transfer nach Europa war vor allem eines: nebulös. Aufgegleist wurde er wohl 2014 am Rande eines kontroversen Nordkorea-Besuchs des italienischen Abgeordneten Andrea Razzi. Für die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Italien und Nordkorea zu werben, soll offenbar sein Auftrag gewesen sein.

Interessant ist, dass Razzi von Alessandro Dominici, Leiter einer Fussballakademie in Perugia, begleitet wurde. Er lotste zehn nordkoreanische Talente nach Italien. Ob Han da bereits darunter war, ist nicht überliefert.

Gemäss diversen Medienberichten habe Han vor seiner Ankunft in Italien ein Jahr in der spanischen Akademie Fundacion Maret verbracht. «Es fing alles damit an, dass die Nordkoreaner eine Tour durch Europa unternommen haben, um die besten Schulen für ihre jungen Spieler zu finden», sagte der Präsident der Akademie einmal dem spanischen Radio Cope.

«Kim weiss alles über die Serie A»

Dass Nordkoreas Diktator Kim Jong-un eine Affinität für den Fussball hat, bestätigte Andrea Razzi in einem Interview mit der italienischen Sportzeitung «Gazetta dello Sport». «Er weiss alles über die Serie A», sagte Razzi da. Dumm nur, dass man in Italien eben auch einiges über Kim und Nordkorea weiss. Es gibt nicht wenige Beispiele, in denen der Diktator nordkoreanische Arbeiter ins Ausland schickte, um dem Land Devisen zu besorgen.

Im Februar 2016 engagierte Fiorentina mit Song Hyok Choe ebenfalls einen Spieler aus Hans Jugendverein Chobyong. Weil aber der Verdacht aufkam, dass 70 Prozent seines Gehaltes direkt ans Regime in Pyongyang gehen würden und sich daraufhin die italienische Politik einschaltete, löste Fiorentina den Vertrag mit dem Nordkoreaner wieder auf. Zu diesem Fall gibt es bis heute keine offiziellen Statements.

Mittlerweile beschäftigen sich die Behörden auch mit Han. Es wird geprüft, ob sein Transfer nach Europa die internationalen Sanktionen gegen Nordkorea missachtete. Und dann stellt sich auch noch die Frage, was mit Hans Lohn passiert. Sowohl Cagliari als auch Perugia beteuern, das Geld auf ein italienisches Konto zu überweisen. Sein Konto.

Han weckt Begehrlichkeiten

Han selbst hat zu schweigen. Kontakt mit den Medien wird ihm nicht erlaubt. Zitate von ihm gibt es wenig. Einmal aber sprach er immerhin über seine Vorbilder. Cristiano Ronaldo ist eines. Aber auch Doo-ik Pak. Er war es, der an der WM 1966 gegen die italienische Nationalmannschaft traf und ihr Out in der Vorrunde besiegelte. Han will dereinst die Nationalmannschaft ebenfalls führen.

Vorerst aber verzückt der Jungspund die AC Perugia mit schönen Toren und kuriosen Geschichten. Nachdem ihm bei seinem Debüt gleich ein Hattrick gelang, soll der Abgeordnete Razzi Kim Jong-un in einem Brief zum famosen Einstand seines Landsmannes gratuliert haben. «Nordkoreas neue Rakete» wird Han bereits etwas pietätlos genannt. Und offenbar schickten nach Juventus nun auch schon Arsenal und Everton Scouts nach Perugia. Kim Jong-un wird es freuen.
(cst)

Erstellt: 15.09.2017, 15:03 Uhr

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