Nur das Drama ist gesichert

Zum Saisonstart in Frankreich dreht sich alles um Neymar und PSG. Implodiert das Pariser Glamourprojekt schon wieder?

Mehr Verdruss als Genuss: Neymar im PSG-Training. Foto: L. Zhang (Getty)

Mehr Verdruss als Genuss: Neymar im PSG-Training. Foto: L. Zhang (Getty)

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Im Pariser Prinzenpark haben sie eine neue Lounge eingerichtet, am Ende des Korridors, der die Spieler zum Rasen bringt, sehr exklusiv. Wer da drinsitzt, der kann den Fussballern live zusehen, wie sie die Muskeln dehnen, an der Haarpracht zupfen, ihrem Aberglauben frönen, manchmal auch ihrem Glauben, sich motivieren, necken, herzen. Wie viel der Spass kosten soll, weiss die Zeitung «Le Parisien» nicht, wohl eine ganze Menge. Dabei ist nicht einmal klar, ob sich das Spektakel, das da künftig geboten wird, auch lohnt. Es hängt auch vom Prominenzfaktor des Personals ab.

Seine Lustlosigkeit in den Trainings ist so augenfällig, dass nur wenig zum Streik fehlt.

Geht Neymar? Bleibt er? Man sollte Hamlet nicht allzu oft bemühen, schon gar nicht profan, aber in diesem Fall ist das Gehen oder Bleiben eben alles: Sein oder Nichtsein. Frankreichs Vereinsfussball tritt in eine neue Saison, und vielleicht ist es auch schon wieder eine neue Ära. Wegen dieser einen Personalie.

Ein Abgang kostet alle

Geht Neymar jr. weg, was er weltbekannterweise unbedingt will, dann verlieren Meister Paris Saint-Germain und die Ligue 1 ihre internationale, vor zwei Jahren erst für 220 Millionen Euro erkaufte Strahlkraft. Ihre Ikone, ihre stürmende Litfasssäule, den inkarnierten Glamour – und ein paar Hundert Millionen Euro für TV-Rechte, die nur deshalb fliessen, weil der Brasilianer zuweilen etwas «Jogo bonito» aufführt, den Fussball, der fröhlich macht. Kam zwar zuletzt nicht mehr oft vor, doch damit macht die Liga Werbung für sich. Muss «Ney» aber bleiben, weil sich sein Gehen niemand leisten kann, dann ist auch Drama. Seine Lustlosigkeit in den Trainings ist so augenfällig, dass nur wenig zum Streik fehlt. Am liebsten würde er wohl nie mehr für Paris spielen.

Neymar will am liebsten dahin zurück, wo er schon einmal war: zum FC Barcelona. Doch wollen ihn die Katalanen überhaupt? Er war ja nicht im Guten gegangen. Ausserdem hat Barça ausgerechnet in der Offensive ein Übermass an herausragenden Angestellten, nach der Verpflichtung von Antoine Griezmann sowieso. So zirkuliert nun das Gerücht, die Neymars, Senior und Junior, seien bereits länger in Verhandlungen mit Real Madrid. Die katalanische Zeitung «Sport» berichtet, Florentino Perez, Reals Präsident, habe Paris 120 Millionen Euro plus Luka Modric angeboten für Neymar. Natürlich ginge es bei diesem Deal nicht darum, dem Rivalen Barça eins auszuwischen. Oder ist es anders: Versuchen die Neymars nur, Barcelona zum Handeln zu drängen, und drohen mit Real? Es wäre nicht das erste Mal. Und vielleicht klappt es sogar. Gérard Piqué jedenfalls versprach dem Weggegangenen eine Menge offener Arme, sollte er zurückkehren.

Bei PSG hält Neymar niemand zurück, wenigstens keiner der massgeblichen Funktionsträger. «Wenn ein Spieler einen Verein verlassen möchte, dann ist das der normale Gang der Dinge», sagte Leonardo, der Sportdirektor, recht unromantisch. Er ist Brasilianer wie Neymar, die ­beiden ignorieren sich aber demonstrativ. Neulich umarmte Leonardo nach dem Training alle Spieler ganz innig, einen nach dem anderen. Nur Neymar nicht.

Das Chefgespenst ist nie im Büro, es türmen sich die unerledigten Geschäfte.

Leonardo (49) spielte in den Neunzigern eine Saison für den Verein. Als vor acht Jahren dann der Emir von Katar PSG kaufte, um seine Soft Power auszubauen und mit Paris zu prahlen in der Welt, vertraute er dem Ehemaligen die sportliche Verantwortung an. Von Fussball verstanden die Katarer nicht so viel. In zwei Jahren gelang es Leonardo, etliche grosse Namen nach Paris zu holen, die «le foot», wie die Franzosen ihrem Fussball sagen, bis dahin für eine unattraktive Provinzbrache hielten.

Die Katarer lockten mit viel Geld und unerhörten Ambitionen. Fünf Jahre würden reichen, dann werde man die Champions League gewonnen haben, sagte damals Nasser al-Khelaïfi, der Präsident des Vereins, ein Freund des Emirs und einstiger Tennisprofi, Nummer 995 der Welt. Wer will schon nicht da hin? Auch Neymar sagte sich wohl, dass ihm den Ballon d’Or niemand würde nehmen können, wenn er mit Paris alles gewinnen würde!

Nun, es ist anders gekommen. Der katarische PSG hat es in acht Jahren nie weiter als bis in die Viertelfinals der Königsklasse geschafft. Zuletzt war zweimal schon im Achtelfinal aus, und das mit Neymar, Gianluigi Buffon und Kylian Mbappé, dem Wunderkind des «foot». Und mit Thomas Tuchel als Trainer. Die Enttäuschung ist gross. Leonardo soll nun Struktur und Disziplin einbauen. Alle stehen auf dem Prüfstand, auch Tuchel. In Italien, wo Leonardo lange aktiv war und beste Verbindungen hat, glaubt man zu wissen, dass der Deutsche bis Winter Zeit habe, sich zu beweisen. Im anderen Fall stehe Massimiliano Allegri bereit, der frühere Meistertrainer von Juventus Turin.

Die offenen Rechnungen

Bei Neymar wuchs wohl schon bald die Erkenntnis, dass er in Paris die besten Jahre seiner Karriere vertrödelt. Um seinen Weggang zu legitimieren, erzählt er jetzt, der Verein wolle über clubnahe Meinungsmacher, Journalisten und Blogger seinen Ruf mit unwahren Gerüchten ruinieren. Es sei zum Beispiel nicht wahr, dass er gedrängt habe, eher am Nachmittag zu trainieren als am Morgen. Auch die Reisen nach Brasilien: alles abgesprochen mit der Clubleitung. Er ist es eben nicht gewohnt, dass man ihn kritisiert. Es hiess auch schon, dass er die Jungen von oben herab behandle und mit den anderen Brasilianern im Team einen Clan bilde.

In Doha hat man sich das etwas anders vorgestellt. Die Zeitung «Le Monde» versuchte nun, mit dem Präsidenten zu reden: über Neymar, über die plötzliche Bescheidenheit bei den Neuverpflichtungen, über die Ziele des Vereins. Doch al-Khelaïfi trägt den gar nicht so charmant gemeinten Spitznamen «Patron fantôme», Chefgespenst. Nie ist er im Büro, immer ist er unterwegs: China, Hollywood, Amerika. Al-Khelaïfi ist das lachende Gesicht Katars, nicht nur für den Fussball. Da er aber doch alles selber entscheiden möchte bei PSG, türmen sich in Paris die unerledigten Geschäfte. Manchmal, so «Le Monde», werden auch Rechnungen für Hunderttausende Euro über Monate nicht bezahlt. Einmal, als PSG auf Tour war, blieb der Privatjet, der die Spieler zurückbringen sollte, stundenlang auf der Piste stehen. Die Firma verlangte die Zahlung des Treibstoffs vorab, dann erst gab sie dem Piloten das Okay.

Alles nicht so glamourös, wie es scheint. Und sollte nun auch noch Neymar gehen, wer bucht dann die neue Lounge?

Erstellt: 10.08.2019, 09:46 Uhr

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