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Nur das Jubeln muss er noch lernen

Trent Alexander-Arnold ist wohl aktuell der beste Rechtsverteidiger der Welt. Gegen Leicester zeigt der Liverpool-Spieler, wieso.

An der Jubelgeste muss er noch ein bisschen arbeiten: Trent Alexander-Arnold gelingt gegen Leicester ein vorzügliches Spiel.
An der Jubelgeste muss er noch ein bisschen arbeiten: Trent Alexander-Arnold gelingt gegen Leicester ein vorzügliches Spiel.
Keystone

Es ist höchste Zeit, über einen Rechtsverteidiger zu sprechen. Über einen Mann aus Liverpool auf einer Position, die gerne unterschätzt wird. Rechtsverteidiger gehen gewöhnlich am billigsten über die Transfertische. Wer wenig kann, wird rechter Abwehrmann. Zu viele gibt es von ihnen, zu wenige sind spektakulär, doch eben, in Liverpool gibt es einen, der zu den wenigen Besonderen gehört. Trent Alexander-Arnold.

4:0 gewinnt seine Mannschaft im Spitzenspiel gegen Verfolger Leicester. Und viermal ist der 21-Jährige am Tor beteiligt. Beim ersten schlägt er die Flanke hoch auf Torschütze Firmino, beim zweiten provoziert sein Eckball den Handspenalty, beim dritten flankt er erneut auf Firmino, flach und wuchtig, in den Rücken der Abwehr, und beim vierten Treffer, da war er für einmal selbst am Ende dieser Liverpooler Wertschöpfungskette.

Auf der linken Seite lanciert Liverpool aus der eigenen Hälfte den Angriff. Alexander-Arnold steht tief in der eigenen Platzhälfte und beschleunigt, er holt auf und ist plötzlich vorderster Mann, Kollege Sadio Mane legt ihm den Ball in den vollen Lauf, der Rechtsverteidiger zieht ab, Vollspan, wie ein Blitz schlägt der Ball in der Ecke ein. Ein Prachtstor, das Schusstechnik, Laufstärke und Selbstvertrauen in einem offenbart. Er steht vor die Fans, verschränkt die Arme, setzt eine ernste Miene auf – seht her, da bin ich. Xherdan Shaqiri hat das auch schon gemacht, beim juvenilen Alexander-Arnold sieht das unfreiwillig komisch aus.

Das Spiel hat sich gewandelt

Alexander-Arnold hat davon profitiert, dass sich die Rolle des Rechtsverteidigers gewandelt hat. Früher hatten die zentralen Mittelfeldspieler die meisten Ballkontakte, bei Barcelona kam das Duo Xavi und Iniesta 2010 auf beinahe doppelt so viele Berührungen wie die Aussenverteidiger. Heute ist es umgekehrt, die Aussenverteidiger sind zu Spielmachern geworden, sie lösen das Spiel aus, das kommt Alexander-Arnold entgegen.

Die ganze rechte Aussenbahn ist sein Reich, gegen Leicester spielt er 60 Pässe, davon 37 in der gegnerischen Hälfte, 17 davon sind Flanken. Der Mann drängt nach vorne (und hinterlässt oftmals noch zum Ärger der Liverpool-Fans Lücken). Sobald aber der Mann zu passen beginnt, verschwindet aller Gram. Alexander-Arnold kann flanken, scharf und präzis. Er kann die Flanke aus dem Halbfeld, er kann sie an der Grundlinie, unter Bedrängnis. Und er kann den Pass aus der eigenen Hälfte, einen Meter über den Boden, über 40 Meter, punktgenau zum Kollegen. Ohs raunen dann durch die englischen Stadien.

Mit dem Sieg über Leicester hat Liverpool nun 13 Punkte Vorsprung auf seine Konkurrenten, die erste Meisterschaft seit 1990 ist plötzlich sehr nah. Liverpool ist ohne Shaqiri in allen Belangen überlegen, sie nehmen das ruppige Spiel des Gegners an, sie neutralisieren den besten Torschützen der Liga, James Vardy, indem sie dessen Mannschaft in deren Platzhälfte drücken. Liverpool dominiert, es hat mit Goalie Alisson, Verteidiger van Dijk, Mittelfeldspieler Henderson und den Stürmern Salah, Mane und Firmino wunderbare Fussballer im Kader.

Ein Beispiel, weshalb dieses Liverpool gerade so gut funktioniert, ist aber auch James Milner. Er kommt in diesen Tagen häufig von der Bank – trotzdem trägt er das Team. Gegen Leicester wird er eingewechselt und versenkt mit der ersten Ballberührung einen Penalty. Mit ihm hat Liverpool jüngst bis 2022 verlängert, Milner ist bereits 33 Jahre alt und ihm fehlt seit Kindsbeinen das Sublime eines Firmino, und doch hat er es in Liverpool zu einem Helden gebracht. Einer der Gründe dafür zeigt eine Szene aus der 90. Minute: Der Mittelfeldspieler wird übel getroffen, er liegt am Boden, Schmerzen plagen ihn, doch statt liegen zu bleiben, steht er wieder auf, das Spiel geht weiter.

Er spielt Schach

Nach dem Spiel wird aber vor allem Trent Alexander-Arnold mit netten Worten geschmückt. Langsam ist er sich solche Worte beinahe gewohnt. Clublegende Steven Gerrard hat ihn in seiner Autobiographie bereits herausgehoben – Alexander-Arnold war damals 16 Jahre alt. Trainer Jürgen Klopp nennt ihn eine Maschine, und in Liverpool haben sie eine Hauswand mit seinem Bild angemalt und seinen Satz nach dem Champions-League-Titel hinzugefügt: «Ich bin einfach ein normaler Junge aus Liverpool, dessen Traum wahrgeworden ist.»

Der Knabe stammt aus dem Stadtteil West Derby und spielt nicht nur Fussball. Alexander-Arnold mag Schach – und er spielt das Spiel gar nicht mal so schlecht. 2018 versuchte er sich in einer Partie gegen Schachweltmeister Magnus Carlsen. Der Liverpooler verlor in 17 Zügen. Zum Vergleich: Bill Gates war bereits nach neun schachmatt. Ziel war es damals, den Sport in England etwas bekannter zu machen. Alexander-Arnold ist bereits jetzt Vorbild einer ganzen Generation.

Früher waren die Rechtsverteidiger Ballschieber und Abräumer, kaum ein Kind träumte davon, einmal wie Marc Hottiger oder Gary Neville Fussball zu spielen. Heute ist das anders. Heute gibt es Spieler wie Trent Alexander-Arnold.

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