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Nur nicht den Teufel an die Wand malen

Anfang März musste sich der FC St. Gallen keine grossen Sorgen machen: Da lag er auf Platz 4. Vor dem Spiel bei GC zahlt er dafür, dass er inzwischen weniger Punkte gewinnt als der Tabellenletzte.

Trainer Peter Zeidler will mit positivem Denken den St. Galler Negativtrend stoppen. Foto: Manuel Geisser
Trainer Peter Zeidler will mit positivem Denken den St. Galler Negativtrend stoppen. Foto: Manuel Geisser

Als Matthias Hüppi durch die Tiefgarage der St. Galler Arena eilt, kommt ihm der Mai vor einem Jahr in den Sinn. Damals entschieden die Clubs der Super und Challenge League, die Barrage wieder einzuführen. Auch Hüppi war dafür. Weil er nicht kleingeistig dachte, sondern an das Gesamtprodukt Fussball.

Hüppi ist auf dem Weg, um Peter Zeidler bei seiner Pressekonferenz zuzuhören. Das macht der Präsident des FC St. Gallen gerne, damit er weiss, was sein Trainer vor einem nächsten Spiel sagt. Das nächste Spiel ist heute bei GC. Zeidler sagt: «Wir haben keinen Bock auf die Barrage.»

Vor zwei Monaten konnte sich der Verein von Hüppi und Zeidler in seiner Haut noch wohlfühlen. Damals war er Tabellenvierter, zwölf Punkte vor Xamax, dem Neunten. Seither ist für ihn einiges schiefgegangen. In acht Runden hat er fünf Punkte gewonnen, das sind noch weniger als GC. Darum kann zu seinem Pech werden, dass es die Barrage gibt. Als Achter liegt er bloss drei Punkte vor Xamax.

Am liebsten Hurra-Fussball

«Wir könnten sieben Punkte mehr haben», sagt Hüppi, «dann wären wir Dritter.» Und wenn er an einzelne Spiele zurückdenkt, wären diese sieben Punkte mehr leicht möglich gewesen. Er weiss, das könnten andere Mannschaft auch sagen. Erwähnen tut er es trotzdem.

Hüppi sitzt inzwischen im St. Galler Medienraum, als Zeidler sagt: «Wir haben nicht die nötigen Punkte. So viele ‹Was, wäre, wenns› bringen nichts. Die Situation ist ernst.»

Grundsätzlich ist Zeidler ein Trainer, der mit seiner Haltung zu diesem Verein passt, dieser grün-weissen Bewegung, wie sie Hüppi seit seinem Amtsantritt so sehr propagiert. Er lässt einen Fussball spielen, der optimistisch ist, so hurra-mässig. Manchmal ist er auch zu optimistisch bei den Qualitäten seines Kaders. Aber so denkt er halt, der 56-jährige Deutsche, dem es in der Ostschweiz so wohl ist: «Angriff ist die beste Verteidigung.»

«Wir könnten sieben Punkte mehr haben», sagt Chef Hüppi, «dann wären wir Dritter.»

Vier Tore hat seine Mannschaft in den letzten acht Spielen noch erzielt, genau gleich wenige wie GC. Und die Bilanz der letzten vier Heimspiele heisst: 1:11 Punkte, 1:7 Tore. Trotzdem sorgten die Zuschauer im St. Galler Westen für ausverkaufte Ränge, als gegen Luzern das 140-Jahr-Jubiläum des Vereins gefeiert wurde. «Das war ein Hammertag», sagt der Präsident, «diese Stimmung!»

Tausende liessen sich schon von Mittag an rund ums Stadion unterhalten und taten das bis Mitternacht. Sie sind das Gut des Clubs, «das Asset», wie es Hüppi formuliert. Sie stehen für dessen Bedeutung und Verankerung in der Region, «sie nehmen Anteil an dem, was wir machen», sagt Hüppi, «darum haben sie das Recht, enttäuscht zu sein, wenn die Resultate anders ausfallen als erwartet».

Der 61-Jährige ist pausenlos unterwegs für den Club, den er seit bald eineinhalb Jahren präsidiert. Es wird ihm nie zu viel, und wenn, würde er es nie sagen. Er ist und denkt grün-weiss. Am Donnerstag hielt er ein halbstündiges Referat in einer Bank in Niederuzwil, eine Stunde lang beantwortete er danach Fragen. «Sie waren kritisch, aber immer mit einem wohlwollenden Touch», sagt er. Der FC St. Gallen bewegt anders, als das GC tut. Knapp 13'000 Zuschauer beträgt der Schnitt im Kybunpark, das sind mehr als doppelt so viele als bei GC.

«Es fällt mir nicht schwer, positiv zu bleiben», sagt Trainer Zeidler, «es fällt sogar leicht.»

Hüppi weiss, er braucht in der Ostschweiz die Zuschauer, um vernünftig wirtschaften zu können, um «eine schwarze Null ins Ziel zu bringen». Er hat keine spendablen Aktionäre im Rücken, die sich gewohnt sind, notfalls ein Minus von jährlich 8 Millionen zu decken wie bei GC. 7,9 Millionen Franken beträgt das Budget für die 1. Mannschaft, ­inklusive Betreuer. Wahrscheinlich liegen nur Xamax, Lugano und Thun darunter.

Die St. Galler haben den Traum, mit attraktivem Fussball den Zuschauer anzuziehen. Dafür haben sie auf diese Saison hin Zeidler aus Sochaux geholt. Dummerweise stimmen die Ergebnisse nicht. Das traf zum Beispiel auf das Jubiläumsspiel gegen Luzern zu, das mit einem 1:2 endete. Das war am Ostersamstag. Am Montag ging Hüppi Ski fahren, er wollte den Tag geniessen, und als er vom Berg herunterkam, erfuhr er vom 1:0 von Xamax gegen YB. Spätestens da musste ihm bewusst sein, wie chaotisch es in dieser Super League zu- und hergeht und was ein Sieg mehr oder weniger bedeutet.

«Wenn du dreimal gewinnst, bist du für die Fans der Grösste», sagt Hüppi, «wenn du dreimal verlierst, ist alles nur noch ein Schmarren.» Diesen Spannungsbogen muss er ertragen können. Das tut er auch. Und weil das so ist, fällt es ihm nicht schwer, trotz der jüngsten Negativbilanz positiv zu bleiben, «überhaupt nicht», betont er. «Das positive Denken ist die Voraussetzung, um den Trend zu brechen. Es wäre verheerend, den Teufel an die Wand zu malen.»

Bevor er das sagt, hört er seinen Trainer genau gleich reden. Zeidler erklärt: «Es fällt mir nicht schwer, positiv zu bleiben. Es fällt sogar leicht.» Und wieso? «Ich habe mich auf Prüfungen immer gefreut, wenn ich gut vorbereitet war. Wir sind gut vorbereitet.»

Die spontane Rede

Den Abend vor dem Spiel bei GC verbringen die St. Galler bei einem gemeinsamen Nachtessen. Hüppi hält dabei eine Rede, weil ihn Zeidler darum gebeten hat. «Er wird das auf seine Art gut machen», sagt der Trainer zum Voraus. Ein paar Stunden vorher ist sich Hüppi seiner Ohnmacht bewusst, die er in seiner Rolle hat. Am liebsten wäre er der Präsident, der auf den Platz rennt und einem Spieler auf die Beine hilft, wenn der am Boden liegt.

Hüppi will sich von seiner Spontaneität leiten lassen, wenn er zur Mannschaft redet. Nur eines ist ihm vorher klar: Er will ihr das Gefühl vermitteln, dass alle hinter ihr stehen.

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