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Oh, Brügglifeld!

Im Stadion des FC Aarau reist man in der Zeit zurück. Da geht halt manchmal auch der Strom aus. Eine Ode an den Zerfall.

Malerische Stimmung, alte Kulisse: Das Brügglifeld wurde 1924 erbaut und seither mehrfach renoviert. Die neue Haupttribüne wurde 1982 eröffnet. Und bis 2010 spielte der FC Aarau in der Super League. Es folgten bislang zwei Abstiege.
Malerische Stimmung, alte Kulisse: Das Brügglifeld wurde 1924 erbaut und seither mehrfach renoviert. Die neue Haupttribüne wurde 1982 eröffnet. Und bis 2010 spielte der FC Aarau in der Super League. Es folgten bislang zwei Abstiege.
Nicola Pitaro
Kameratürme, Stehrampen – alles im Kultstadion wirkt improvisiert. Bei Regen sind dreckige Schuhe Normalität.
Kameratürme, Stehrampen – alles im Kultstadion wirkt improvisiert. Bei Regen sind dreckige Schuhe Normalität.
Reto Oeschger
Eine Handvoll FCZ-Fans versuchte, die Dunkelheit zu nützen und den Aarauer Fansektor zu stürmen. Polizisten hinderten sie auch mit Gummischrot daran.
Eine Handvoll FCZ-Fans versuchte, die Dunkelheit zu nützen und den Aarauer Fansektor zu stürmen. Polizisten hinderten sie auch mit Gummischrot daran.
Keystone
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Die stinkende Ecke wäre der perfekte Tatort für den Sonntagabend. Man stellt es sich gerade vor: Der Täter versteckt sich in der Dunkelheit, aus dem Schatten tritt er hervor, meuchelt unbesehen. Und huscht über die dünne Mauer hinweg davon.

Was andernorts Ort einer Krimiszene wäre, ist im Brügglifeld das Pissoir. Gleich rechts neben dem Haupteingang befindet es sich, nebenan der alte Fanshop, beissend der Gestank, im Abfluss stauen die Blätter eines Baumes den Urin, und ein Lavabo fehlt gleich ganz. Trotzdem ist ein Aufenthalt im Brügglifeld nicht komplett ohne Besuch dieses Abortes. Was ist das Leben schon ohne Grenzerfahrungen?

Das alte Stadion des FC Aarau ist wie eine Reise in vergessene Zeiten. Zurück zu einem Fussball, wie es ihn früher einmal gab. Rundherum wurden die Stadien abgerissen oder modernisiert, in Basel wurde aus dem St.-Jakob-Stadion der imposante dreistöckige St.-Jakob-Park, in Bern aus dem Wankdorf das synthetische Stade de Suisse und in Zürich aus dem Letzigrund, nun ja, egal. Und selbst in Schaffhausen zieht der Zuschauer seit neustem keine dreckigen Schuhe mehr heraus.

Kafi Schnaps und der Aargauer Spiess

Das Brügglifeld dagegen zerfällt und zerfällt, und wo sich einst 13'299 Zuschauer und ein kleiner Knirps auf einer Harasse aneinanderrieben, um zu sehen, wie der FC Wunder das grosse Servette mit Killerkalle Rummenigge bezwang, dürfen heute noch maximal 8000 rein. Gästefans zwängen sich durch zwei enge Eingänge und müssen erst einen Grashügel erklimmen, um zu ihrem in der Nacht davor deponierten Pyromaterial zu gelangen. Und manchmal gehen halt die Lichter aus.

Trotzdem schwärmen viele vom Kultstadion mitten im Wohnquartier. Von der prächtigen Sicht auf den mittelprächtigen Rasen – so nah am Ball ist man sonst selten. Von den peppig orangenen Sitzen auf der Haupttribüne und den Pfosten, die diese prächtige Sicht manchmal auch einschränken. Vom läppisch anmutenden VIP-Zelt irgendwo bei der Eckfahne. Von der Kafi-Schnaps-Bar beim Spielereingang. Vom Ghackets mit Hörnli draussen vor dem Restaurant Sportplatz. Und besonders vom Aargauer Spiess (dabei, viele wissen das ja gar nicht, ist die Scharfe Kurve eigentlich die viel leckerere Pausenmahlzeit).

Klagen hört man aber die Clubführung des FC Aarau, die gezwungen ist, jedes Jahr Geld in ein Stadion zu investieren, aus dem sie am liebsten schon gestern ausgezogen wäre. Alfred Schmid, der Präsident, gerät im Radiointerview am Montagabend in Wallung und nützt das abgebrochene Spiel gegen den FCZ zum Aufruf, das neue Stadion doch endlich zu bauen. Torfeld Süd wird es genannt, und obschon es bereits mehrere Volksabstimmungen überstanden hat und nach Ober- und Verwaltungsgericht zuletzt auch vom Bundesgericht gegen den hartnäckigen Einsprecher gestützt wurde, ist es noch immer nicht mehr als ein Projekt.

Was wäre, wenn?

2022 ist es vielleicht fertig, aber wer weiss das schon? Und das wäre dann immerhin 20 Jahre nach der Vision 2002 von Ernst Lämmli, dem legendären Aarau-Präsidenten. In einer Kiesgrube in der Nähe des Dorfes Schafisheim, eher bei Lenzburg als bei Aarau gelegen, wollte er ein neues Stadion bauen.

Ja, klar – Lämmli, Schafisheim, haha: lustig. Aber wo stünde der FC Aarau heute, hätte er damals, ein Jahr nach dem FC Basel, als zweiter Schweizer Club eine moderne Arena eröffnet? Lämmli wäre der Visionär, so viel ist klar. Und statt Alain Geiger wäre vielleicht Lucien Favre als Trainer gekommen, dem FC Aarau wäre dadurch vor allem Andy Egli erspart geblieben. Es gäbe nicht den 13. Mai 2006 (also: schon. Aber nicht so, wie wir ihn heute kennen), es gäbe kein Champions-League-Husarenstück des FC Zürich in Mailand und bis heute vielleicht nicht die bald acht Meistertitel des FC Basel in Serie. YB? Könnte ja auch als drittstärkste Kraft im Schweizer Fussball an Le Mont, Winterthur oder MyPa scheitern. GC? Auch egal.

Den Nachbarn in den Garten schiffen

Nur ist es halt anders gekommen, und im Brügglifeld muss man die Moderne lange suchen. Aber man findet sie. Das Fernsehzeitalter zum Beispiel hat die Schaffung einer Nullzone hinter dem einen Tor möglich gemacht, dank der die Zuschauer auf den Stehplätzen nicht mehr den Haupteingang benutzen müssen, sondern sich den Weg auf die Rampen über den steilen Lehmhügel bahnen dürfen. Bei Regen (oder mit Kinderwagen): ein einziges Vergnügen. Und statt das Pissoir aufzusuchen, schiffen die Männer den Nachbarn in den Garten.

Geradezu revolutionär mutete zudem die Videowand an, die nach dem Wiederaufstieg den alten Totomaten ersetzte. Eine Videowand! Und nicht mehr dieses blaue Gerüst mit den drehbaren Holzschildern, auf denen die Ergebnisse auf den anderen Fussballplätzen angezeigt wurden. Und wenn ein Tor gefallen war, klingelte beim Totomat-Chef das Telefon – gut hörbar für die Zuschauer.

Heute nennt man das Jingle. Sponsoren bezahlen dafür Geld.

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