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Ohne Herz geht nichts

Beim 4:0 im Derby zeigt sich, wie gross der Einfluss von Murat Yakin auf die Grasshoppers schon ist – Uli Forte dagegen muss erkennen, dass beim FC Zürich nichts von allein läuft.

MeinungThomas Schifferle, Zürich
Goalie Heinz Lindner blieb gegen den FCZ fehlerlos. Der Österreicher zeigte sogar seine beste Parade, seit er bei GC ist. Foto: Reto Oeschger
Goalie Heinz Lindner blieb gegen den FCZ fehlerlos. Der Österreicher zeigte sogar seine beste Parade, seit er bei GC ist. Foto: Reto Oeschger

Als sie im Mai das letzte Mal gegeneinander spielten, war Uli Forte als Trainer mit dem FCZ noch in der Challenge League und Murat Yakin beim FC Schaffhausen. Forte gewann 4:0 und ist Yakin seither ein Essen schuldig, weil bei ihrer Dauerwette nicht der Verlierer zahlen muss, sondern der Sieger.

Beim Wiedersehen am Samstag ist Forte mit dem FCZ Tabellenzweiter und Yakin inzwischen Hoffnungsträger von GC. Danach ist Yakin in der Schuld: Sein GC gewinnt ein Zürcher Derby, das ganz viele Aufschlüsse bringt.

Yakin will GC zum Verfolger des Spitzenduos machen

Zuerst schwankt Murat Yakin. Im oberen Drittel oder Viertel der Tabelle soll sich seine Mannschaft festsetzen. Schliesslich legt er sich fest: im oberen Drittel. Das macht keinen grossen Unterschied bei einer 10er-Liga. Übersetzt heisst sein Ziel nichts anderes, als dass GC erster Verfolger der Young Boys und von Basel werden soll.

Das Derby am Samstag liefert den ­Beweis, dass das kein unrealistisches Ziel ist. 4:0 gewinnt GC. Es ist ein bemerkenswertes Ergebnis, weil GC nicht als Tormaschine bekannt ist und der FCZ bis zu diesem Samstag statistisch die klar beste Abwehr gestellt hat.

Vor knapp zwei Jahren besiegte GC den FCZ 5:0. Damals deklassierte es ihn noch richtiggehend, damals war noch Pierluigi Tami der Trainer, Kim Källström der Stratege und Munas Dabbur der Torjäger. GC war erster Verfolger von Basel und träumte gross. Der FCZ dagegen war auf dem Weg zum Abstieg.

Und jetzt sagt Yakin: «Ein grosses Kompliment an meine Mannschaft.» Und klagt Uli Forte vom FCZ: «Schade, schade.» Yakin gönnt sich ein feines ­Lächeln, Forte schaut sauertöpfisch. Aber die grossen Gefühlsausbrüche bleiben aus, hier wie da. Beiden wissen: In diesem Moment bringt das nichts. Yakin will von Euphorie nichts wissen; Forte wiederum muss seine Mannschaft schnell aufrichten, denn schon morgen folgt der Cup-Achtelfinal bei Stade Lausanne-Ouchy aus der Promotion League.

Die Kritik an Sigurjonsson als Signal an alle bei GC

Das Verblüffende am neuen GC ist, dass es das GC vom Saisonanfang ist. Yakin hat keine anderen Spieler zur Verfügung als sein Vorgänger Carlos Bernegger, er baut auf die im Sommer verpflichteten Lindner, Doumbia, Jeffrén oder Djuricin, wie das schon Bernegger im ersten Derby der Saison tat. Er arbeitet einfach mit denen, die er zur Verfügung hat.

Yakin gehen Stabilität und Disziplin über alles. Dafür nimmt er pickelharten Defensivfussball in Kauf wie beim 3:0 in Lugano oder während langer Phasen beim 0:0 gegen Basel. «Wir sind offensiver eingestellt, als es von aussen gesehen wird», entgegnet er zwar. Was aber nichts am Eindruck ändert, dass GC unter ihm eine Handschrift hat und nicht mehr so leicht zu besiegen ist. Je drei Siege und drei Remis sind der ­Ertrag bisher.

Yakin wechselt wenig, schon gar nicht sein System. Gegen den FCZ lässt er nur Runar Mar Sigurjonsson draussen. Der Isländer ist seit dem Sommer 2016 unbestrittener Stammspieler. Nur ist er zuletzt mit seinem Eigensinn aufge­fallen. «Er war Einzelspieler statt Teamplayer», erklärt Yakin. Mehr als einmal machte er ihn intern darauf aufmerksam. Inzwischen kritisiert er ihn öffentlich. Und wenn er das tut, kann man ­erahnen, wie ernst ihm mit der Kritik ist, wie wichtig es ihm ist, allen anderen klar zu machen, dass ihm Teamgeist über ­alles geht.

Am Samstag sagt Mats Hummels von Bayern München im ZDF-Sportstudio: «Um das Topniveau zu erreichen, muss der Teamgeist richtig gut sein. ­Jeder muss für jeden da sein. Es geht nur so.» Worte, wie gemacht für Yakin.

Lindner und Vanins: Die Differenz bei den Torhütern

Das Derby ist schon in der 15. Minute vorentschieden. Mittendrin stehen die Torhüter, der Österreicher Heinz Lindner und der Lette Andris Vanins, 27 der eine, 37 der andere, beide Nationalspieler. Lindner ist ruhig, Vanins schweigsam. Lindner zeigt, dass er auf dem Weg ist, das langjährige Vakuum im GC-Tor zu füllen, Vanins dagegen kann nicht verdecken, dass er dem Ende der Karriere entgegengeht.

In der 11. Minute kämpft sich Michael Frey durch die GC-Abwehr und kommt aus wenigen Metern zum Abschluss. Das 1:0 für den FCZ scheint so gut wie sicher. Aber Lindner gelingt die beste Parade, seit er bei GC ist. Er lenkt den harten Schuss reflexschnell über die Latte.

In der 15. Minute dribbelt sich Lucas Andersen an Cédric Brunner vorbei, er bringt, fast von der Grundlinie aus, den Ball zur Mitte. Es soll ein Querpass sein, es wird ein Torschuss, von dem sich ­Vanins in der nahen Ecke düpieren lässt. Es erstaunt nicht, dass in der FCZ-Führung offensichtlich darüber nachgedacht wird, Yanick Brecher in der neuen Saison wieder zur Nummer 1 zu machen.

Dwamena hilft auch Gott nicht, Djuricin hat dafür ein Kämpferherz

Das Derby zum Saisonstart entschied Raphael Dwamena mit seinen Toren zum 2:0. Er sagte: «Gott gibt mir alles, mit ihm ist alles möglich.» Im zweiten Derby ist nicht mehr alles möglich für den Ghanaer, der eigentlich gar nicht mehr hier, sondern mit Brighton in der Premier League sein sollte, wenn es da nicht im letzten Moment den Rückzieher der Engländer gegeben hätte. Am Samstag ist Dwamena nicht gut, seine drei Torschüsse sind harmlos.

Marco Djuricin hat seit dem April nicht viel gespielt, im Frühjahr nicht bei Ferencvaros Budapest, jetzt bei GC, wo er sich auch noch verletzte. Gegen den FCZ wird er nach 70 Minuten ausgewechselt, er ist platt wie auch Jeffrén, müde von der dauernden Störarbeit, die er im Auftrag Yakins als Stürmer zu leisten hat. «Djuricin und Jeffrén sind unsere wichtigsten Spieler gewesen», lobt der Coach, «ihre Arbeit ist das Signal an die ganze Mannschaft gewesen.»

Der FCZ muss eines beantworten: Wie reif ist er tatsächlich?

Fortes Bilanz ist simpel: «Das 0:1, das 0:2, das 0:3 – alle Tore geschenkt.» Nach Vanins’ Patzer verschuldet Nef den zweiten Treffer durch Bajrami und Bangura den Elfmeter für Djuricin.

Der FCZ ist nicht in der Lage, nur schon auf das 0:1 zu reagieren. Er ist wie die Schweiz in Portugal: nicht bereit für die Aufgabe. Und weil er das nicht ist, dringen seine spielerischen Defizite ­gerade im Mittelfeld durch. Ihm fällt so gut wie nichts ein, um zu mehr als ein paar Halbchancen zu kommen. «Vielleicht glaubten wir, es laufe ohnehin ­alles von allein», mutmasst Forte über den Grund für diesen Systemabsturz.

Die Niederlage kann heilsam sein. Wenn der FCZ einsieht, dass er mit den 20 Punkten ganz viel aus seinen Möglichkeiten herausgeholt hat. Seine Reaktion morgen im Cup und am Samstag gegen Basel zeigt, wie reif er als Aufsteiger tatsächlich schon ist.

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