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«Ohne meinen Grossvater wäre ich nicht bei GC»

Munas Dabbur erklärt, wieso er sich von Salzburg ausleihen liess – und in Zürich als Captain mehr Emotionen zeigt als in Österreich.

«GC wird immer eine besondere Bedeutung für mich haben»: Munas Dabbur, bald 25, im Campus. Foto: Daniel Kellenberger
«GC wird immer eine besondere Bedeutung für mich haben»: Munas Dabbur, bald 25, im Campus. Foto: Daniel Kellenberger

Ihre Statistik seit der Rückkehr zu GC Mitte Februar liest sich spannend. Kennen Sie die Zahlen?

Fünf Treffer, zwei Torvorlagen. Darum bin ich nach Zürich zurückgekehrt: um der Mannschaft zu helfen.

Ihre Bilanz weist aber noch eine andere Zahl auf.

Welche? Die Gelben Karten?

Genau. Es sind schon fünf. Was sagt Ihnen das?

Grundsätzlich möchte ich Entscheidungen der Schiedsrichter nicht kommentieren. Ich bin nicht mit jeder Karte ­einverstanden, in meinen Augen waren nicht alle gerechtfertigt. Aber ich habe keine andere Wahl, als die Entscheide hinzunehmen.

Ihr Unverständnis verstecken Sie in solchen Momenten aber nicht.

Das ist normal. Wenn ich anderer ­Meinung bin als der Schiedsrichter, sieht man mir das auch an. Es sind ­Emotionen im Spiel.

Woher kommt das Extrovertierte bei Ihnen, diese emotionelle Seite?

Wenn ich auf den Platz gehe, will ich nur eines: Erfolg haben. Und wenn ich hin und wieder auflehne, sehe ich das auch als Zeichen dafür, dass ich meinen ­Kollegen, meinem Club helfen will. Nach meiner Rückkehr zu GC kam dazu, dass ich den enormen Druck spürte. Die ­hohen Erwartungen, die in mich ­gesteckt wurden, wollte ich unter allen Umständen erfüllen.

Haben Sie sich bei Red Bull Salzburg auch so gestenreich beschwert?

Um ehrlich zu sein: nein. Ich war nicht der Munas Dabbur, wie ich es jetzt bei GC bin. In Salzburg war ich neu und hatte nicht dieselbe Rolle wie zuvor in Zürich. Bei GC bin ich so etwas wie ein Sohn des Clubs, und wenn ich das aktuelle Kader anschaue, stelle ich fest: Es gibt nicht viele, die mehr Spiele für GC bestritten haben als ich. Mein Status ist sicher anders als in Salzburg. Aber ich muss auch sagen, dass ich ruhiger geworden bin. Und das hat für mich viel mit dem Match in Lausanne zu tun.

Da sassen Sie auf der Tribüne eine Sperre ab . . .

. . . das war richtig hart. Ich sagte mir: «Ich darf kein Spiel mehr wegen Gelber Karten oder Verletzungen verpassen.» Also nahm ich mir vor: Konzentriere dich auf das Wesentliche, die Mannschaft braucht dich. Und der Trainer hatte auch Einfluss auf mich.

Inwiefern?

Carlos Bernegger redete viel mit mir, über mein Verhalten auf dem Platz, und auch das hat mir geholfen, ruhiger zu werden. Aber das heisst nicht, dass ich mich komplett ändere und von nun an gar keine Emotionen mehr zeige (lacht).

Was bedeutet Ihnen GC?

Es ist mein erster Verein in Westeuropa, darum wird er für mich immer eine ­besondere Bedeutung haben. Als ich ­Anfang 2014 in die Schweiz kam, gab mir GC alles, was ich mir wünschen konnte.

Konkret heisst das?

Es war keine Selbstverständlichkeit, dass ich mit 21 in einem fremden Land für einen grossen Verein von Anfang an spielen durfte, dass ich eine solche Rolle und dadurch viel Aufmerksamkeit ­erhielt. Es kam mir vor, als würde ich einen Traum verwirklichen mit diesem Wechsel.

Als kleiner Bub dürften Sie kaum von GC geträumt haben.

Sie werden lachen: Ich wollte eines ­Tages in der ersten Mannschaft aus ­meiner Stadt spielen, bei Maccabi Ahi Nazareth. Das war mein Ziel. Und dann hatte ich Träume wie viele Junge: für ­Arsenal zu spielen, so gut zu werden wie Ronaldo, der Brasilianer.

Gab es für Sie in jungen Jahren eine Alternative zur Profikarriere?

Nein. Es war für mich die einzige ­Option, obwohl ich auch sagen darf, dass ich ein guter Schüler war, ich war clever, einer der besten. Aber in den letzten Schuljahren widmete ich meine Konzentration fast nur noch dem Fussball.

Wie müssen wir uns Ihre Kindheit ­ in Nazareth vorstellen?

Ich habe pausenlos Fussball gespielt, 24 Stunden sozusagen. Vor und nach der Schule kickten wir und hatten Spass.

Reagierten Sie damals schon ­emotional, wenn etwas nicht nach Ihrem Geschmack lief?

O ja. Ich wollte immer den Ball, wollte immer Tore erzielen, schrie, wenn ich es für angebracht hielt. Ja, so war ich.

Woher kommt diese Fussball-Liebe?

Es hat viel mit meinem Vater zu tun. ­Bevor er starb, war er bei Maccabi Ahi Nazareth der Teammanager. Das heisst, der Fussball war bei uns zu Hause ­dauernd präsent. Ausserdem war mein Grossvater 30 Jahre Präsident des Clubs. Das verbindet automatisch, ich bin mit dem Fussball aufgewachsen.

Mit 18 verliessen Sie Nazareth und zogen nach Tel Aviv zu Maccabi. Wie war das damals?

Ich pflege eine sehr enge, wunderbare Beziehung zu meiner Familie. Nur schon deshalb war es extrem schwierig, in Tel Aviv allein zu wohnen, auch ohne Freunde, und den Fahrausweis besass ich ebenfalls noch nicht. Ich sass in meiner Wohnung, ging zum Training der U-19 und zurück in die Wohnung – es war eintönig. In den ersten fünf, sechs Monaten hatte ich Mühe, ich musste häufig weinen.

Dachten Sie daran, heimzukehren nach Nazareth?

Ja.

Aber?

Ich redete mit meinem Grossvater, der zu mir schaute, die vertraglichen Dinge ­regelte. Eine Option hätte es mir erlaubt, aus dem Vertrag auszusteigen, aber der Grossvater sagte: «Kommt nicht infrage, du bleibst mindestens ein weiteres ­halbes Jahr.» Er sagte mir: «Du musst kämpfen und allen zeigen, dass du besser bist, als sie meinen.» Tatsächlich lief es mir ­danach besser. Ich bekam meine Einsätze über 90 Minuten, war in jenen sechs ­Monaten mit 23 Treffern der Topskorer der U-19-Meisterschaft, und wir gewannen sowohl den Titel als auch den Cup.

Das heisst am Ende auch: Ohne Ihren Grossvater . . .

. . . wäre ich vor drei Jahren nie bei GC gelandet. Er ist eine meiner wichtigsten Bezugspersonen. Er gibt mir nicht nur Ratschläge, sondern auch Kraft.

Sind Sie mit ihm täglich in Kontakt?

Als ich nach meinem Tor gegen YB während ein paar Spielen nicht mehr traf, sagte er meiner Mutter: «Ruf Munas an und sag ihm, dass ich mit ihm nicht mehr spreche, solange er nicht getroffen hat.» Dann meldete ich mich zweimal bei ihm, und er antwortete: «Ruf mich erst wieder an, wenn du ein Tor erzielt hast!» Er meinte es zwar als Witz, und doch hielt er sich daran: Wir hörten uns eine Zeit lang nicht mehr. Jetzt habe ich wieder Tore geschossen, und darum ist mit ­meinem Grossvater auch alles wieder in bester Ordnung.

Fragten Sie ihn, ob eine ­Rückkehr von Salzburg zu GC okay sei?

Klar. Er mag GC sehr, und darum bekam ich von ihm die Zustimmung. «Wenn du dorthin gehen willst, darfst du. Dort bist du der König.» Ich hatte ein paar andere, richtig lukrative Angebote, aus Russland, aus der Türkei, aus anderen Ländern, aber der Grossvater sagte: «Nein.» Red Bull Salzburg hatte schon auch ein ­gewichtiges Wort mitzureden, ich stehe schliesslich dort unter Vertrag.

Haben Sie darauf gedrängt, sich in der zweiten Saisonhälfte ausleihen zu lassen?

Ja, ich strebte das an, nur ich.

Und Sie vermissten sicher Ihren Kumpel Caio.

Ich verstehe mich mit einigen Spielern sehr gut. Aber mit ihm ist es etwas ­Besonderes. Auf dem Feld sind wir wie . . .

. . . Zwillinge?

Seit meinem ersten Tag bei GC und ­meiner ersten Begegnung mit Caio weiss ich: Es ist perfekt, mit ihm zu spielen, er macht es mir ganz leicht.

Wenn Sie Ihre bisherige Bilanz in Salzburg anschauen, was geht Ihnen durch den Kopf?

Dass ich nicht zufrieden sein kann. Ich erwarte von mir viel mehr, die Leute in Salzburg erwarten das ebenso. Ich lernte viel, das schon. Und ich glaube, dass ich in meinen ersten sechs Monaten in Österreich ein besserer Spieler geworden bin, in physischer und psychischer Hinsicht. Aber meine Statistik war nicht gut, und das ist es doch, was zählt: Tore und Assists.

Wie sehr ist es eine Frage des ­Vertrauens, ob ein Stürmer erfolgreich ist?

Natürlich brauche ich das Vertrauen, nicht nur vom Trainer, sondern auch von den Mannschaftskollegen. Wenn ich ein paar Spiele habe, in denen ich kein Tor erziele, leidet mein Vertrauen automatisch.

Sind Sie sensibel?

Das bin ich, aber ich glaube nicht, dass das der alleinige Grund dafür ist, ­weshalb es in Salzburg nicht lief wie ­gewünscht. Ich kämpfte auch mit Verletzungen. Es kam so viel zusammen, dass ich mir sagte: «Jetzt musst du schauen, dass du wieder zu mehr Einsätzen kommst, dass du dein Vertrauen und den Spass zurückerhältst, um ab ­Sommer wieder zu hundert Prozent ­bereit zu sein.»

Ab Sommer sind Sie laut GC-CEO Manuel Huber zu 99 Prozent wieder bei Salzburg.

Sagte er 99 Prozent?

Ja.

Für mich sind es 100 Prozent. Ich will zurück nach Salzburg und beweisen, dass ich mich auch dort durchsetzen kann.

Sie können dem Verein schmackhaft machen, Caio zu verpflichten . . .

. . . vielleicht! (strahlt)

Gehen Sie auch deshalb sicher zu Salzburg zurück, weil Sie die Hoffnung haben, dort Champions League spielen zu können?

Ja.

Aber Salzburg soll kaum Ihre letzte Station sein?

Ich habe vor, ein, zwei Schritte vorwärts zu kommen, das ist klar. Aber bevor ich an den zweiten Schritt denke, sollte ich den ersten machen. Was ich aber fast ­sicher weiss: Bevor ich aufhöre, will ich nochmals bei Nazareth spielen.

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