Das ist der Planet Ronaldo

Diesen Mann muss die Schweiz heute in den Griff bekommen. Ein Blick ins Leben des bestbezahlten Fussballers der Welt.

Auch ein Einheizer: Cristiano Ronaldo animiert nach dem 1:0-Sieg in Ungarn die portugiesischen Fans. Bild: EPA

Auch ein Einheizer: Cristiano Ronaldo animiert nach dem 1:0-Sieg in Ungarn die portugiesischen Fans. Bild: EPA

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Er sollte gar nicht auf der Welt sein. Seine Mutter wollte ihn abtreiben, weil sie und ihr Mann in bitterer Armut lebten und glaubten, für ein Kind mehr kein Geld zu haben.

Was wäre der Fussballwelt entgangen, wenn sie es getan hätte! Es gäbe keinen Cristiano Ronaldo, keinen CR7, kein Duell mit Lionel Messi, wer der Beste der Welt ist. Und auch kein Duell mit der Schweiz heute Abend in Lissabon.

Seine Herkunft

Die Geschichte hat sich bei Ronaldo, geboren am 5. Februar 1985, so eingebrannt, sie erfüllt ihn derart mit Wärme, dass er sie malen könnte. Es ist die Geschichte des siebenjährigen Cristiano, der bis zu diesem Tag auf den Strassen in Madeira dem Ball nachgejagt ist, ohne Regeln, ohne Tore, aber Tag für Tag. Sein Vater ermutigt ihn, dem CF Andorinha beizutreten, dem Verein, bei dem er selbst Materialwart ist.

Am ersten Tag, als er da ist, versteht der kleine Cristiano die Regeln noch nicht, aber er spürt, dass es ihm gefällt. Sein Vater schaut ihm bei jedem Spiel zu, mit seinem grossen Bart und seinen Arbeitshosen.

Abends erzählt er seiner Frau und den Töchtern: «Cristiano hat ein Tor erzielt.» Aber sie reagieren nicht gross. Das nächste Mal sagt er ihnen: «Er hat zwei Tore erzielt.» Sie sagen: «Oh, das ist schön.» Cristiano fragt sich: Was kann ich machen, um ihre Aufmerksamkeit richtig zu wecken? Er schiesst weiter seine Tore, zwei, drei, vier pro Spiel.

Eines Tages, er kann das Bild nicht vergessen, sind sie bei einem Spiel: Mutter und Schwestern, wie sie auf der nicht überdachten Tribüne sitzen, behaglich aneinandergeschmiegt. Er fühlt sich grossartig in diesem Moment, als würde sich in seinem Inneren etwas verändern. Die Familie hat immer noch nicht viel Geld, der Vater trinkt immer noch zu viel Alkohol, Cristiano spielt in ausgetretenen Schuhen seines älteren Bruders oder seiner Cousins. Aber als Kind kümmert er sich nicht ums Geld, er sorgt sich darum, geliebt und beschützt zu sein. An diesem Tag, als ihm Mutter und Schwestern erstmals zuschauen, fühlt er das.

Mit nostalgischen Gefühlen schaut er heute darauf zurück, weil es nur eine kurze Zeit war. So erzählt er das auf ­Theplayerstribune.com, einer Onlineplattform aus New York.

Der Fussball gibt Ronaldo alles, aber er entreisst ihn auch seiner Familie, als er 11 ist. Er wechselt von Madeira in die Akademie von Sporting Lissabon. Es wird die schwierigste Zeit seines Lebens.

Dabei weiss er, dass es seine Chance ist, den Traum seines Lebens zu verfolgen. Er geht. Und weint fast täglich. Er weiss, er ist noch immer in Portugal, aber er fühlt sich wie in einem anderen Land. Er kennt keinen, er versteht den Akzent von Lissabon nur schwer, er fühlt sich allein. Die Familie kann ihn nur alle vier Monate besuchen.

Was ihn antreibt, ist der Fussball. Er beherrscht Sachen wie keiner sonst. Andere Kinder sagen: «Hast du das gesehen? Er ist ein Ungeheuer.» Aber sie sagen auch: «Es ist eine Schande. Er ist so dünn.» Ja, er ist dünn, ohne Muskeln. Er nimmt sich vor, härter als jeder andere zu arbeiten. Woher das kommt, weiss er nicht. Es ist einfach da, wie ein Hunger, der nicht zu stillen ist.

In der Nacht schleicht er sich aus dem Schlafsaal, um an sich zu arbeiten. Er wird grösser und schneller, er ist 15, als er zu einem Mitspieler sagt: «Eines Tages bin ich der Beste der Welt.» Mit 17 ­debütiert er in Sportings erster Mannschaft. Die Mutter wird ohnmächtig auf der Tribüne, als sie ihm zusieht. Er sagt ihr: «Erinnerst du dich noch, als du dich nicht um Fussball gekümmert hast?»

Später sagt sie einmal: «Er ist ein grosser Mann, ein Freund von allen. Er hat ein gutes Herz. Dieser Junge ist von Gott gemacht.» Mit 23 wird er erstmals Weltfussballer des Jahres.

Sein Image in Portugal

Jorge Baptista, langjähriger Journalist und TV-Kommentator, verfasste für Tagesanzeiger.ch/Newsnet einen hymnischen Monolog auf Ronaldo: «Cristiano ist ein Held für die Leute im ganzen Land. Die Zahl der Nörgler, die sowieso an allem etwas auszusetzen ­haben, ist verschwindend klein. Er ist bei Sporting gross geworden, muss aber keine Pfiffe fürchten, wenn er mit Real Madrid zum Beispiel gegen Benfica antritt. Es wissen alle, welche Verdienste er um den portugiesischen Fussball hat. Ich stelle ihn auf eine Stufe mit dem aussergewöhnlichen Eusebio.

Ich weiss, dass ausserhalb von Portugal über ihn gesagt wird, er sei arrogant, ein Egozentriker. Wissen Sie was? Ein solches Urteil bilden sich nur Leute, die ihn nicht kennen. Ich weiss, wie er wirklich ist, weil ich ihn seit seiner Zeit bei Sporting persönlich kenne. Darum dürfen mir alle glauben: Cristiano ist ein netter, unkomplizierter, hilfsbereiter Mensch, der nicht vergessen hat, woher er kommt, der immer noch weiss, wer seine wahren Freunde sind.

In der Mannschaft steht er natürlich im Zentrum, klar, das tut ein überragender Spieler wie er automatisch. Aber die Teamkollegen mögen ihn, und sie sehen auch, was Cristiano alles macht, um selbst mit 32 Jahren in einer famosen körperlichen Verfassung zu sein. Er betreibt einen wahnsinnigen Aufwand, trainiert manchmal auch daheim in seinem Fitnessstudio und ist für mich ein Workaholic, der alles tut für den Erfolg. Es ist kein Zufall, dass seine Physis besser ist als die von 24-, 25-jährigen Profis in grossen Ligen.

Seine Dankbarkeit zeigt sich etwa dann, wenn er Mitarbeitern bei Real Madrid oder in der Nationalmannschaft Geschenke macht, Uhren zum Beispiel. Das ist seine Form von Anerkennung für Leute, die ihm zur Seite stehen und viele Dinge neben dem Platz abnehmen. Und es kommt vor, dass er bedürftige Menschen unterstützt oder Charity-Organisationen Geld überweist, von dem die Öffentlichkeit aber nichts erfährt. Cristiano hat ein grosses Herz.

Wenn er nach Portugal kommt, ist er natürlich überall gefragt und begehrt, aber auch bereit, für Fotos hinzustehen und Autogramme zu schreiben. Er bleibt immer ruhig – selbst dann, wenn ein Zuschauer an einem Spiel auf den Platz rennt. Nicht einmal dann sieht es aus, als könnte er Angst bekommen.

Cristiano ist ein Mann, der den Unterschied ausmachen kann. Und sorry, wenn ich das sage: Ich hoffe, dass er das gegen die Schweiz wieder beweist.»

Das sagen die Schweizer vor dem Portugal-Showdown

Sein Geld

Ronaldo ist, klar, mehrere Hundert Millionen Euro schwer. Wie gross das Vermögen wirklich ist, wird wohl er selber nicht wissen. Also schauen wir nur einmal auf seine Einkünfte in der Saison 2016/17. Laut dem Wirtschaftsmagazin «Forbes» kassierte er in jenen zwölf ­Monaten 83 Millionen Euro, mehr als ­jeder andere Sportler der Welt. Der Beitrag, den sein Arbeitgeber Real leistete, liest sich verhältnismässig bescheiden: 23,5 Millionen Euro – netto. Die bedeutendste Tranche ergibt sich durch lukrative Werbeverträge.

Mit Vorliebe investiert Ronaldo schöne Summen in Autos. Ein Ferrari 599 GTB, ein Range Rover Sport SVR, ein Rolls-Royce Phantom, ein Porsche 911 Turbo S, ein Bentley Continental GT sowie ein McLaren MP4-12C High Sport, ein Lamborghini Aventador und ein Mercedes-Benz S63 AMG gehören oder gehörten zum Fuhrpark, dazu Dienstwagen von Sponsor Audi. Nach dem EM-­Titel belohnte er sich mit einem Bugatti Veyron Grand Sport Vitesse: 1000 PS, 408 km/h Höchstgeschwindigkeit. Kosten: rund zwei Millionen Euro. Das neuste Stück ist ein Bugatti Chiron, 1500 PS, erreicht eine Spitze über 420 km/h und kostet. . . 2,856 Millionen Euro.

Seine Statistik

  • 4 × Weltfussballer des Jahres (2008, 2013, 2014, 2016)
  • 4 × Europas Fussballer des Jahres (2008, 2014, 2016, 2017)
  • 1 × Europameister (2016)
  • 2 × spanischer Meister mit Real Madrid (2012 und 2017)
  • 4 × Champions-League-Sieger (2008 mit Manchester United, 2014, 2016 und 2017 mit Real Madrid)
  • 3 × englischer Meister mit Manchester United (2007, 2008 und 2009)
  • 1 × englischer Cupsieger mit Manchester United (2004) 14 Teilnahmen an der Champions League

Spiele und Tore:

  • Für Real Madrid: 401 Spiele / 411 Tore
  • Für Manchester United: 292 / 118
  • Für Sporting Lissabon: 33 / 5
  • Für Portugal: 146 / 79
  • Total: 872 / 613

Seine Unwiderstehlichkeit

Auf Youtube gibt es diesen Vierteiler über Cristiano Ronaldo, der so viel über ihn aussagt. «Tested to the Limit» heisst der Film von 2011, in dem Ronaldo von Sportwissenschaftlern bis ins letzte Detail getestet wird: physisch, mental, technisch, spielerisch. Er ist schneller im Zickzacklauf als Portugals bester Sprinter, er springt hoch wie kein anderer Fussballer, er schiesst Tore im Dunkeln und dribbelt, dass erst in der Zeitlupe deutlich wird, wie gut er das macht. Arsenals Trainer Arsène Wenger sagt, als er das einstündige Werk gesehen hat: «Er ist der komplette Athlet.»

Mit ihm haben es die Schweizer heute also zu tun. Und Yann Sommer sagt über ihn: «Er ist ein besonderes Kaliber.»

Der Schweizer Goalie hat sich darum bemüht, den Match in Portugal bis mindestens am Samstagabend gedanklich zu verdrängen, und doch ist er ihm unweigerlich immer in den Sinn gekommen, wenn er gesehen hat, wie Cristiano Ronaldo getroffen hat. Wie er jüngst mit Real Madrid bei Borussia Dortmund keine Gnade mit dem Gegner kannte. «Wir müssen es irgendwie hinbekommen, ihn aus dem Spiel zu nehmen», sagt Sommer, wohlwissend, dass viele andere bei diesem Versuch schon gescheitert sind: «Es ist jedem bekannt, wer Cristiano Ronaldo ist und was für eine Torquote ihn auszeichnet.»

«Anketten. Nicht durchlassen.» Das gibt Vladimir Petkovic als Devise aus, wie Ronaldo zu bremsen ist. Ja, sagt Stéphane Henchoz, das müsse man versuchen, aber das sei noch immer schwierig genug. Henchoz ist als früherer Verteidiger der Schweiz und bei Liverpool vom Fach, er weiss, wie es ist, gegen die Besten der Welt zu spielen, darum rät er: «Es braucht einen, der Ronaldo ständig unter Druck setzt, und einen zweiten, der als Abdeckung dient. Man darf ihm nie allein ausgesetzt sein.»

Sein Manager

Der Mann hinter Ronaldo heisst Jorge Mendes. So, wie es mit Ronaldo nur Messi aufnehmen kann, ist mit Mendes nur einer von vielen tausend Spielervermittlern vergleichbar: der Italo-Holländer Mino Raiola. Raiola kümmert sich um die Geschäfte von Pogba oder Ibrahimovic, Mendes auch um jene von José Mourinho, James Rodriguez, Diego Costa oder Angel Di Maria.

Mendes hatte als Fussballer nicht genug Talent, um Karriere zu machen. Er versuchte sich darum als Betreiber einer Videothek und als DJ, bis er als Nachtclubbesitzer in Guimarães einen gewissen Nuno Herlander Simões Espírito Santo kennen lernte. Nuno war Goalie beim lokalen Verein Vitoria. Und Mendes überzeugte ihn davon, dass er ihn fortan als Berater vertreten durfte. Alsbald wechselte Nuno nach Spanien zu Deportivo La Coruña.

Es war der Anfang der Karriere von Mendes als Spielervermittler. Fortan schaute er sich überall da um, wo er die Talente vermutete. So gewann er das Vertrauen von Ronaldo. Einen wichtigen Schritt machte er, als er Nuno als Goalie zum FC Porto bringen konnte. Da lernte er Trainer José Mourinho kennen, er konnte ihn als Klienten anwerben und 2004 dessen Vertrag mit Chelsea aushandeln. Es ist seine Eintrittskarte in die Beletage des Fussballs gewesen.

Gestifute heisst Mendes’ Agentur, die unter anderem den portugiesischen Markt kontrolliert, der reich an Talenten, aber zu wenig finanzkräftig ist, um sie zu halten. Der 51-Jährige ist vermögend geworden. Es heisst, er nehme zehn Prozent der Ablösen und sieben Prozent der Spielerlöhne als Honorar.

Nuno übrigens, mit dem einst alles begann, hat Mendes inzwischen nach England zu Wolverhampton vermittelt.

Seine Grosszügigkeit

Ronaldo lädt seine Familie und Freunde zum Essen ein, bezahlt Partys, Privatjetflüge und Nächte im Fünfsternhotel. Während er Red Bull trinkt, gibt es für die anderen Champagner für 1500 Franken pro Flasche. «Ich mag es, wenn meine Freunde glücklich sind.»

Einmal organisiert er bei sich eine Geburtstagsparty mit Hauscasino. Die Gäste können die gewonnenen Chips bei ihm in Bares umtauschen.

Seit Sommer 2010 ist Cristiano Vater von Cristiano Jr. Mutter des Kindes soll eine amerikanische Kellnerin sein. Er soll sie mit 11 Millionen Euro abgefunden haben. Er hat zwei weitere Kinder von einer Leihmutter. Und seine aktuelle Freundin erwartet ein Kind von ihm.

Er hat sich auch einmal bei «meinem alten Freund» Albert Fantrau bedankt für seinen Erfolg als Fussballer. Die Geschichte geht so: Als die Sporting-Scouts kommen, sagen sie: «Wer die meisten Tore erzielt, den nehmen wir.» Es steht 2:0, Ronaldo und Fantrau haben je ein Tor erzielt. Dann passt Fantrau uneigennützig zu Ronaldo, 3:0, fertig. «Danach nahmen sie mich», sagt Ronaldo. Stimmts? Ja, sagt Fantrau. Er ist arbeitslos, hat aber ein grosses Haus und Autos, es geht ihm finanziell bestens. Wie geht das? «Das alles kommt von Cristiano.»

Einmal hat er die Vermutung angestellt, weshalb er bei vielen Leuten so unbeliebt ist. Er glaubt: «Weil ich reich, hübsch und ein grosser Spieler bin. Die Leute sind eifersüchtig auf mich.»

Ronaldo sagt: «Ich würde gerne mit ­allen, die mich arrogant finden, zusammensitzen und reden – damit sie sehen können, dass ich gar nicht arrogant bin.»

Und weil Ronaldo auch mit sich selbst grosszügig ist, sagt er einmal, es war 2008: «Ich bin der beste, zweitbeste und drittbeste Spieler der Welt.»

Erstellt: 09.10.2017, 22:31 Uhr

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