Real demontiert seinen Rekordtransfer

Er hat mehr Finals entschieden als Cristiano Ronaldo: Jetzt zeichnet sich um Gareth Bale eine Schlammschlacht ab.

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Sie vergleichen sich ständig mit den anderen Grossen. In Spaniens Medienlandschaft ist oft nur das gut genug, was Europas Beste machen. Deshalb wird die Saison des FC Barcelona auch dann nicht entsprechend gewürdigt, sollten die Katalanen am Samstag mit dem Cupsieg gegen Valencia das Double perfekt machen. Schliesslich hat es zum Gewinn der Champions League nicht gereicht. Und bei Real Madrid, in allen drei Wettbewerben längst chancenlos, schauen sie neidisch nach München. Dort haben sie bei den Bayern Real in der letzten Kategorie übertrumpft, in der Real noch ein Wörtchen mitzureden hatte: bei der Verabschiedung von verdienten Spielern, um nicht zu sagen Vereinslegenden.

Denn während beim deutschen Rekordmeister Abschiedstränen flossen, die sagenhaften Robben/Ribéry vor heimischer Kulisse im letzten Spiel je ein Tor schossen und gemeinsam mit Rafinha bei der anschliessenden Meisterparty gebührend gefeiert wurden, sah es in Spaniens Hauptstadt keine 24 Stunden später ganz anders aus. Goalie Keylor Navas, dreifacher Champions-League-Sieger, durfte immerhin durchspielen, als Real zu Hause gegen Betis Sevilla in der letzten Runde ausgespielt und 2:0 besiegt wurde. Der Costa Ricaner war sogar der Beste seines Teams an diesem Sonntagmittag. Nach dem Spiel gab es von den nur knapp 56'700 Fans eine Ovation, auf dem Rasen ein paar Selfies – das war es auch schon. Denn offiziell ist der Abgang des ruhigen 32-Jährigen noch nicht. Derzeit ist es erst ein offenes Geheimnis, dass er sich eine weitere Saison als Nummer 2 hinter dem im letzten Sommer verpflichteten Thibaut Courtois nicht antun will.

Zidane gnadenlos

Auf einer ganz anderen Skala der Undankbarkeit bewegt sich der Umgang mit Gareth Bale. Zwar kam es einer Begnadigung gleich, dass Trainer Zinédine Zidane den Waliser nach zwei Spielen auf der Tribüne zum Saisonabschluss immerhin wieder ins Kader nahm. Im Kehrausspiel spielten aber die jungen Brahim Diaz und Vinicius Jr. von Anfang an. Und in der 75. Minute machte Zidane dann endgültig deutlich: Bale hat in seinen Augen keinen würdigen Abschied verdient. Der Franzose brachte bei seinem letzten Wechsel einen Flügel – dieser hiess allerdings Lucas Vazquez und nicht Gareth Bale. «Ich weiss nicht, was mit ihm passieren wird. Ich habe auf andere gesetzt, so ist die Situation», begründete der zurückgekehrte Trainer im Anschluss. Und: «Er hat in der Vergangenheit viele Dinge erreicht, aber wir leben nicht von der Vergangenheit. Wir leben in der Gegenwart, darauf stütze ich meine Entscheidungen.»

Tatsächlich ging in den letzten Jahren etwas unter, wie wichtig Bale für sein Team sein konnte. Klar, da war Cristiano Ronaldo. Und vor allem waren die zahlreichen Verletzungen von Bale. Viele davon muskulär, immerhin 15 von 23, was einen professionellen Lebensstil zumindest nicht zementiert. Dennoch schoss er über sechs Jahre verteilt in 231 Spielen 102 Tore, bereitete 64 weitere vor. Und ein paar ganz wichtige waren auch dabei. Beispielsweise seine beiden Treffer vergangene Saison beim 3:1 im Champions-League-Final gegen Liverpool – das 2:1 per Fallrückzieher. Obwohl er erst in der 61. Minute eingewechselt wurde.


Video: Bales Traumtor im Champions-League-Final gegen Liverpool


Oder das 2:1 in der Verlängerung gegen Atlético Madrid (Endresultat 4:1), das den Weg zur lang ersehnten «Décima», dem zehnten Triumph in der Königsklasse, ebnete. Oder der 2:1-Siegtreffer in der 85. Minute des Cupfinals gegen Barça, als er mit einem unwiderstehlichen Sprint Verteidiger Marc Bartra wie einen Güterzug aussehen liess und standhaft blieb, als dieser versuchte, ihn in letzter Verzweiflung umzureissen.

Politische Machtkämpfe

Unter dem Strich hat Bale mehr Finals für Real Madrid entschieden, als Cristiano Ronaldo – dennoch blieb er deutlich im Schatten des Portugiesen. Aufgrund der zahlreichen Verletzungen, der Tatsache, dass er nach wie vor kein Interview auf Spanisch geben kann, und nicht zuletzt auch wegen der Ablösesumme von über 100 Millionen Euro (Vereinsrekord, vor Ronaldo) wurde der 29-Jährige von den eigenen Fans immer mehr verachtet. Insbesondere in der aktuellen Rückrunde wurde er immer mehr ausgepfiffen. Bale gilt auch als Mitgrund, wieso Zidane vergangenen Sommer den Bettel bei den Königlichen hinwarf. Zidane wollte einen personellen Umbruch im Kader, ganz oben auf der Streichliste war Bale. Doch damit stach der 46-Jährige in ein Wespennest: Bale, von Pérez verpflichtet, galt lange Zeit als dessen Lieblingsspieler. Schliesslich war der Präsident davon besessen, dass der Flügelstürmer den von seinem Vorgänger Ramón Calderón verpflichteten Ronaldo übertrumpfen sollte. Politische Machtkämpfe, halt.

So gingen Ronaldo und Zidane, Bale durfte bleiben. Und stänkerte in Richtung des Trainers, der ihn im Champions-League-Final gegen Liverpool eine Stunde auf der Bank schmoren liess. Sauer sei er gewesen. Auch er hatte mit einem Abgang kokettiert, Manchester United sei stark interessiert gewesen. Doch er sollte die Galionsfigur des neuen Real Madrid sein. Nun ist er das Symbol des Untergangs beim spanischen Rekordmeister. 19 Punkte trennen nach der La-Liga-Saison 2018/19 Meister Barcelona und das drittplatzierte Real. Rekord! Fans, Medien und Experten fordern seit Monaten einen erneuten Umbruch. Und dieses Mal heisst der Baumeister Zinédine Zidane.

Eine Lektion aus München

Mit seiner Massnahme am Sonntag liess Reals Projektleiter keine Zweifel offen, ob es zur Versöhnung mit Bale kommen könnte. Dabei erstaunte lediglich die Gnadenlosigkeit, die sogar die Sportzeitung «As», Real Madrid und Zidane traditionell sonst sehr wohlgesinnt, mit dem eingangs erwähnten Vergleich mit Bayern München kommentierte: «Bayern erteilt Madrid eine Lektion.»

Dumm nur, dass Zidanes Zeichen nicht nur für Bale unmissverständlich sein dürfte. Sondern auch für potenzielle Abnehmer. Wer bezahlt schon 100 Millionen Ablöse für einen Fussballer, der bei seinem Arbeitgeber unerwünscht ist? Und ganz nebenbei 17 Millionen netto im Jahr verdienen soll. Auch deshalb habe Bale unmittelbar nach der Schmach vom Sonntag in der Kabine gesagt: «Wenn sie mich loswerden wollen, sollen sie mich ausbezahlen.» Andererseits habe er keine Probleme, seinen Vertrag auszusitzen und sich etwas mehr seinem Hobby, dem Golfen, zu widmen.

Logisch, dass sie das bei Real mit aller Macht zu verhindern versuchen. Dabei werden sie in Madrid kreativ. Um seinen Lohn einzusparen, sei mittlerweile sogar ein Leihgeschäft eine Option. Hauptsache weg. Es ist das wohl letzte Kapitel im Missverständnis um einen Spieler, der in der Hoffnung verpflichtet wurde, in einer Liga mit Cristiano Ronaldo, Neymar und Lionel Messi der grosse Star zu werden.

Erstellt: 20.05.2019, 16:50 Uhr

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