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Reals Reparaturspiel

Das Hinspiel war ein Spektakel, das Rückspiel wird zur philosophischen Angelegenheit: Real Madrid versus Borussia Dortmund.

Die Farbe Hoffnung: Die Real-Profis traben in grünen Jäckchen an Mourinho vorbei.
Die Farbe Hoffnung: Die Real-Profis traben in grünen Jäckchen an Mourinho vorbei.
Keystone
Wie fast immer bester Laune: Dortmunds Coach Jürgen Klopp, als Spieler in der 2. Bundesliga bei Mainz 05 aktiv, geniesst die Atmosphäre in Madrid.
Wie fast immer bester Laune: Dortmunds Coach Jürgen Klopp, als Spieler in der 2. Bundesliga bei Mainz 05 aktiv, geniesst die Atmosphäre in Madrid.
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Das Phantom des BVB: Captain Sebastian Kehl hat eine angebrochene Nase – und eine Maske, die ihm den Einsatz trotzdem ermöglichen soll.
Das Phantom des BVB: Captain Sebastian Kehl hat eine angebrochene Nase – und eine Maske, die ihm den Einsatz trotzdem ermöglichen soll.
Keystone
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Noch hallen die hämischen Titel nach. «Kaputt Madrid», schrieb zum Beispiel «Mundo Deportivo» nach Reals Niederlage vor zwei Wochen in Dortmund gross über die erste Seite und gab allen Borussen pauschal die maximale Zahl an Wertungssternen, also drei. Natürlich muss man dazu sagen, dass die Sportzeitung in Barcelona gemacht wird und getränkt ist von der ewigen Rivalität zwischen Barça und Real. Doch auch «Marca», das Madrider Pendant, sah beim Gegner «elf Gladiatoren, die alle immer rennen und bereit sind für die Schlacht». Im Lob für die Dortmunder schwang gleich auch die Kritik an den Königlichen mit, die nicht immer den Eindruck erwecken, als animiere die Angehörigkeit zu dem glorreichen Verein zu besonderer Kampfeslust. Jedenfalls nicht alle.

Doch nun gehört die Schmach ausgewetzt, das «kaputt» repariert. Im «Final» heute Abend in Madrid soll alles anders sein. So nennen sie in Spanien das vierte Spiel der beiden Favoriten der «Todesgruppe»: einen Final vor der Zeit.Überrascht war man nicht über die starke Vorstellung des Ballspielvereins. Man hatte ihn auch nicht unterschätzt. Schon gar nicht José Mourinho, der Trainer Reals, der sonst geizt mit Elogen an die Gegner. Nach der Auslosung hatte er gesagt, in der Gruppe fürchte er keine Mannschaft mehr als den BVB.

Der Respekt rührt wohl daher, dass Jürgen Klopp eine ähnliche Spielphilosophie lehrt: Sie fusst auf einem lawinenartig schnellen Konterspiel, einem furiosen Umschalten. Tempo Teufel eben, alles vertikal. Wahrscheinlich gibt es momentan keine anderen Mannschaften in Europa, die das Mittelfeld schneller überwinden als diese beiden. Das Finale von Madrid entscheidet also auch ein bisschen über die Avantgarde in dieser philosophischen Schule.

Sergio Ramos und der Schmerz

Die Deutungshoheit soll diesmal auch über den Kampf führen. Als Vorbild gilt Sergio Ramos. Seit bald zwei Wochen, so erfährt man jetzt, hat der Verteidiger aus medizinischen Gründen kaum mehr mit der Mannschaft trainiert. Trotzdem spielt er jede Partie, als machten ihm die Schmerzen in der Lendengegend und am Gesäss beim Grätschen und Springen nichts aus. Seine Ärzte sagen, Ramos halte zehn Mal mehr Schmerzen aus «als ein normaler Mensch». Noch ein Gladiator also. Geht wohl nicht anders. Reals Abwehr beklagt namhafte Absenzen. Dem besorgten Trainer sagte Ramos, mit ihm könne man immer rechnen, er ruhe sich nur im Sommer am Strand aus.

Mourinho hätte durchaus noch mehr Gründe zur Zufriedenheit. In der Meisterschaft ist sein Team nach harzigem Start nun schon Dritter. Zwar immer noch acht Punkte hinter Barcelona, zuletzt aber immer tor- und siegreich. Am Wochenende gelang ihm gegen Saragossa der 100. Sieg in insgesamt 133 Spielen als Trainer der Madrilenen. Nie zuvor in der Vereinsgeschichte schaffte ein Coach diese Marke so schnell wie er. Auch das Torverhältnis lässt sich sehen – 359:113.

Seinen Spielern wird viel internationale Anerkennung zuteil. Von den 23 Akteuren, die es in diesem Jahr auf die Shortlist für den Ballon d‘Or gebracht haben, für die Auszeichnung des weltbesten Fussballers also, sind 6 bei Real Madrid angestellt: die Spanier Iker Casillas, Sergio Ramos und Xabi Alonso, der Deutsche Mesut Özil, der Franzose Karim Benzema und der Portugiese Cristiano Ronaldo. 6! Das ist sogar eine Nominierung mehr als von Barça. Kein Verein hat mehr. Bei Real findet man, dass es nach dem Meistertitel im vergangenen Jahr wieder einmal Zeit für einen Madridista sei – am ehesten wohl für einen zugezogenen Star, für Ronaldo.

Von den sechs Besten wurde nur Torhüter Casillas bei Real gross. Und das ist gerade ein grosses Diskussionsthema in Spanien, zumal bei Barça alle fünf Berufenen aus dem eigenen Nachwuchs stammen: Sergi Busquets, Lionel Messi, Xavi Hernandez, Andrés Iniesta und Gerard Piqué – alle gehörten sie schon als Teenager zum Verein. Mourinho beklagt sich seit einigen Tagen öffentlich und laut darüber, dass ihm Reals Nachwuchsabteilung nicht genügend in die Hand arbeite. Dem Trainer des B-Teams, Alberto Toril, wirft er zum Beispiel vor, dass er den jungen Spieler Nacho Fernández nicht als Aussenverteidiger einsetze, wie ihm das lieb wäre, sondern als Innenverteidiger. Von aussen mag das wie eine Bagatelle anmuten. Und tatsächlich kennen wohl nur wenige Spanier Toril und Nacho. Doch Mourinhos Sticheleien füllen die Sportgazetten.

16:7 für Barcelona

Real Madrid kauft nun mal lieber teuer grosse Namen ein, während man in Barcelona die Cantera, die Nachwuchsakademie, zur Uni des Fussballs stilisiert hat. 16 Spieler im gegenwärtigen Kader Barças haben den Sport im eigenen Verein erlernt, während es bei Real nur 7 sind. Für ihr prominentes Hors-sol-Team gibt Madrid selbst schöne Eigengewächse ab. Juan Mata etwa, heute beim FC Chelsea, wurde früh weitergereicht, so auch Roberto Soldado, Juanfran Torres und Alvaro Negredo. Alles spanische Nationalspieler.Im Hintergrund geht es bei Real Madrid also wieder mal um die ganz grossen Fragen, um Vereinskultur, um Philosophie. Nicht auszudenken, wie grundsätzlich die Diskussionen erst werden würden, wenn auch die Heimschlacht gegen die Borussen verloren ginge.

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